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Das Beste liegt noch vor uns

95 minKomödieFSK 12
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Nanni als Giovanni, ein bekannter italienischer Regisseur, der gerade sein Magnum Opus plant. Aber nicht nur muss er seine Hauptdarstellerin überzeugen, dass das Werk über die Gründung der italienischen kommunistischen Partei mitnichten ein Liebesfilm werden wird, aber auch seine Frau will ihn nach langen Jahren verlassen, seine Tochter hat eine Beziehung mit einem Mann, der viel älter ist als er selbst und sein bankrotter französischer Produzent hofft, daß ein Netflix Deal sie alle retten wird. Doch Giovanni wäre nicht Nanni, wenn er nicht mit seiner altmodischen Ironie alle Fäden zusammenhält und sie alle in eine glückliche Zukunft führt.
  • Veröffentlichung12.02.2026
  • Nanni Moretti
  • Italien (2023)
  • 6.7/10 (3989) Stimmen

Im wirklichen Leben, belehrt der alternde Regisseur Giovanni (Nanni Moretti) einmal seine potenziellen Geldgeber von Netflix, verändere sich niemand, „das sieht man immer nur im Film“. Die Streaming-Entscheider nehmen das stoisch zur Kenntnis. Sie hatten wissen wollen, welche Entwicklung der Held durchlebe: keine. Die Zeiten ändern sich, nur Giovanni ändert sich nicht. Das ist beinahe schon alles, was Moretti, der zugleich der Regisseur von „Das Beste liegt noch vor uns“ ist, in seinem neuesten Film zu sagen hat.

Anders als der etwas beliebige deutsche Titel vermuten lässt, erzählt Moretti keine Tragikomödie um zwei Todgeweihte mit abzuarbeitender Bucket List, wie einst Rob Reiner in „Das Beste kommt zum Schluss“ (2007). Im Originaltitel „Il sol dell’avvenire“ („Die Sonne der Zukunft“) steckt stattdessen viel von Morettis ironischer Haltung gegenüber politischen Utopien, insbesondere den Idealen der Linken, einem seiner großen Lebensthemen. Die Zukunft, das weiß Moretti, strahlt nie so hell wie in der Vergangenheit.

Ein Film im Film in nostalgisch goldenem Licht

„Il sol dell’avvenire“ heißt hier ein Film im Film. Der spielt im Jahre 1956 zur Zeit des Ungarnaufstands und ist in nostalgisch goldenes Licht gehüllt. Ein ungarischer Zirkustrupp nutzt seinen Auftritt in Rom zur Republikflucht. Kommunisten vor Ort, allen voran Vera (Barbora Bobulova), verlangen von der lokalen kommunistischen Führung in Gestalt des passiven Ennio (Silvio Orlando), sich vom russischen Kommunismus zu distanzieren und den Flüchtenden zu helfen.

Es ist nicht immer klar, welcher Adresse Morettis ausgestellte ironische Geste gilt: den veränderten Produktions- und Sehgewohnheiten von heute? Einer verbohrten oder schwachen Linken? Oder doch vor allem seinem eigenen Alter Ego, jenem egozentrischen Eigenbrötler Giovanni, der mit abgedroschenen Mitteln – nostalgischer Klamauk- und Schlagermusik von Franco Piersanti, fellinesker Zirkus-Metapher, Woody-Allen-Anleihen und einer ganzen Reihe an Selbstzitaten – die Zeit zurückdrehen will und dabei reaktionär wurde, ohne es zu merken?

Giovanni ist am Set umgeben von Inkompetenz. Seine Hauptdarstellerin hat eigene Ideen und trägt zudem am Set jene vorne verschlossenen, die Ferse freilegenden Absatz-Schläppchen, die ihn auf die Palme bringen. Sein Hauptdarsteller ist lieb, aber so enervierend passiv wie die Figur, die er darstellen soll. Ein jüngerer Mitarbeiter glaubt, Kommunisten habe es nur in Russland gegeben, und versteht somit den ganzen Film nicht; ein anderer lässt Kopfhörer und anderen Kram aus dem 21. Jahrhundert in den Kulissen herumliegen. Hätte nicht Giovanni ständig sein wachsames Auge und immerzu Ideen: Das als weitgehend unfähig dargestellte Team wäre ohne seine starke Führung aufgeschmissen.

Er monologisiert, bis die anderen einschlafen

Seine öffentliche Meinung zu nationalen Aufregerthemen wie bissigen Problembären in Südtirol ist gefragt und schmeichelt seiner Eitelkeit. Am Set – und nicht nur am eigenen! – fällt er anderen ins Wort und monologisiert, bis sie buchstäblich einschlafen. Er maßregelt sein Team und erntet kaum Kritik oder Widerstand. Dabei setzt ihn Kameramann Michele D’Attanasio fast ständig ins Zentrum des Bildes; die anderen schwirren um ihn herum und versuchen, ihre Bitten oder Einwände an ihn heranzutragen. Wie ein Despot wischt er links und rechts Bedenken und Inkompetenzen weg.

Ähnlich aufgeschmissen, so scheint Moretti zu meinen, wäre auch sein Publikum, würde er nicht beständig ausplaudern, was ohnehin offensichtlich ist. Etwa wenn der Produzent Pierre (Mathieu Amalric) nach einem Drehtag im Zirkus Giovanni schmeichelt: „Dein Zirkus ist eine Metapher auf das heutige Kino: weit oben auf dem Trapez schwingend, ohne zu wissen, was kommen wird“; es sei „subversiv“. Doch dieser einzige Fürsprecher ist bald weg vom Fenster. Zuerst übernachtet er in den Kulissen und wird schließlich wegen einer Geldsache von Polizisten abgeführt. Deshalb der zähneknirschende Versuch Giovannis, bei Netflix Rettung zu finden.

In dieser Szene verdirbt Moretti den Witz beispielhaft, weil er Stille nicht aushält: Als die Netflix-Managerin ihm sagt, dass seinem Drehbuch „What-the-fuck-Momente“ fehlten, bleibt ihm für Sekunden der Mund offenstehen. Was für ein gelungener „What-the-fuck-Moment“, denkt man sich unwillkürlich; doch leider spricht er das kurz darauf auch noch selbst aus.

Mithalten will er trotzdem

Ändern will Morettis Giovanni sich zwar nicht, aber mithalten will er trotzdem. „Ich muss schneller werden“, folgert er, und fängt parallel noch ein paar andere Projekte an, statt wie bisher nur alle fünf Jahre einen Film fertigzustellen. Doch alle diese Nebenstränge versanden und bleiben Staffage. Das Sich-Verzetteln und die holprige Montage, bei Moretti oft Einspruch gegen das allzu Glatte, schießen übers Ziel hinaus.

Wie um zu beweisen, dass Giovannis Gestrigkeit jedoch nicht in erster Linie an ihm selbst, sondern an einer verflachten Gegenwart liegt, sieht gerade das Mit-der-Zeit-gehen meist lächerlich aus. Statt auf einer Vespa fahren Giovanni und sein halbseidener Produzent unheroisch auf E-Scootern durch Rom, wie zwei dünne, starre Ausrufezeichen. Beim wiederholten Singen im Auto oder auf dem Set, wenn plötzlich musicalhaft alle miteinstimmen, trifft Giovanni keinen einzigen Ton, kräht aber umso lauter. Mag ich auch den Ton von heute nicht treffen, Hauptsache, ich singe, scheint sein Motto zu sein.

Seine alten Rituale lassen ihn auch nicht besser aussehen. Abends sitzt er, in eine bunte Häkeldecke gehüllt, auf dem Sofa und nötigt Frau und Tochter zu sich. Denn anlässlich eines jeden Drehs, alle fünf Jahre, muss bei einem Zimteis mit Sahne „Lola“ von Jacques Demy auf Video angesehen werden. Im jüngst angelaufenen „Sentimental Value“ von Joachim Trier schenkt der Regisseur-Vater einmal seinem achtjährigen Enkel unter anderem eine DVD von Michael Hanekes „Die Klavierspielerin“. Das nachsichtige Lächeln der Tochter, die ganze Beiläufigkeit der Szene, ist nicht grell, sondern enthält einen leisen Humor, weil sie diesen so oft strapazierten Moment – Cineast nötigt jungem Menschen Filmklassiker auf – als Zitat mitdenkt, zugleich ins Absurde steigert und trotzdem ernst nimmt.

Was immer im Streit endet

Bei Moretti bleibt davon nur ein weiteres Beispiel für die Dauergenervtheit aller Familienmitglieder voneinander. Ehefrau Paola (Margherita Buy), die bisher seine Filme produzierte und nun mit einem jungen Pseudo-Tarantino arbeitet, will sich längst von Giovanni trennen, käme sie auch nur einmal bei ihm zu Wort und nicht nur bei ihrem Psychoanalytiker. Tochter Emma (Valentina Romani), als Filmkomponistin ebenfalls beruflich mit ihrem Vater verbunden, „was immer im Streit endet“, ist wiederum mit ihrem neuen Freund verabredet, der 35 Jahre älter ist als sie. „So geht das nicht, alles ist anders“, murrt Giovanni programmatisch, als er alleine auf dem Sofa sitzt.

Morettis Filme kreisen oft um einen autofiktionalen Helden, der denselben Vornamen trägt wie er (Nanni ist die Kurzform für Giovanni, Morettis Geburtsname). Dieser Giovanni ist ein Exzentriker und Neurotiker, was auch Moretti nachgesagt wird. Es könnte sich bei „Das Beste liegt noch vor uns“ also um eine Art ausgestelltes Überschreiten des eigenen künstlerischen Zenits handeln. Aus diesem Blickwinkel ergeben sich überraschende Perspektiven auf Morettis früheres Werk. Womöglich war es für seine Kunstfigur schon immer eine Zumutung, anderen zuzuhören, selbst im strukturierteren, psychologisch klaren und nuancierten „Das Zimmer meines Sohnes“ (2001). Darin spielte Moretti einen Psychotherapeuten, der seinen Sohn bei einem Tauchunfall verloren hat. Sich die Lamenti seiner Patienten anzuhören, wird ihm unmöglich. Deren Probleme wirken banal im Vergleich zur Trauer um sein Kind. Empathie kann es nur für ihn geben; Giovannis Nichtzuhörenkönnen ist durch die Tragödie legitimiert.

Um solche Nachvollziehbarkeiten schert sich Moretti in seinem Alterswerk nicht mehr. Mit „Das Beste liegt noch vor uns“ hat er einen geschwätzigen und selbstverliebten Film über Geschwätzigkeit und Selbstverliebtheit gedreht, aus dem nichts folgt, weder für die Kunst noch fürs Leben.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDas Beste liegt noch vor unsVon: Cosima Lutz (3.2.2026)
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