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Filmkritik
Der Schauspieler Robert Pattinson ist längst zu einem der führenden Stars Hollywoods aufgestiegen, seine Kollegin Zendaya ist ihm mit den beiden „Dune“-Teilen, bald vier „Spider-Man“-Filmen und zuletzt „Challengers – Rivalen“ gefolgt. Beide auf der Leinwand zu einem Liebespaar zu vereinen, das seine Hochzeit plant, ist darum eine clevere Idee. Dass diese Hochzeit platzen könnte, wäre vielleicht der Stoff für ein umwerfendes Lustspiel wie im Hollywood der 1930er- und 1940er-Jahre. Stichwort „Screwball Comedy“.
Doch davon ist der norwegische Regisseur Kristoffer Borgli weit entfernt. Zunächst erfährt man, wie sich Charlie und Emma in einem Coffee-Shop kennenlernen. Sie liest ein Buch, er schaut, einen Becher Kaffee in der Hand, interessiert zu ihr hinüber. Während sie kurz ihren Tisch verlässt, fotografiert Charlie einfach ihr Buch und recherchiert rasch im Internet, worum es darin geht. Als sie wiederkommt, beginnt er ein Gespräch über den Roman. Er habe ihn auch gelesen. Allerdings spricht er in ihr taubes Ohr, das der Film gleich zu Beginn in einer langen Einstellung gezeigt hatte. Die überraschte Emma gibt dem trotteligen Verehrer die Möglichkeit, seine halbgare Anmache zu wiederholen. „Noch mal auf Anfang“ – so erklärt sich der deutsche Untertitel.
Die verfälschte Realität einrenken
Es geht also um eine zweite Chance, um die Möglichkeit, eine verfälschte Realität wieder einzurenken. Gedoppelt wird diese Szene durch die Hochzeitsrede, die Charlie gerade schreibt und seinem Freund Mike (Mamoudou Athie) so vorträgt, wie die alternierenden Rückblenden es zeigen. Allerdings wird nicht recht deutlich, was Emma an Charlie findet, warum sie sich in ihn verliebt und eine gemeinsame Zukunft erhofft. „Er ist mein Freund, glaube ich“, sagt sie einmal. Charlie hingegen gesteht ihr seine Liebe ins taube Ohr.
Liebe oder Verliebtheit – mit dieser Unsicherheit ist bereits eine Schwachstelle des Films benannt; ein bisschen mehr Romantik hätte es schon sein dürfen. Kompliziert wird es, als Charlie und Emma gemeinsam mit dem befreundeten Paar Mike und Rachel (Alana Haim) bei einem Glas Wein ein fatales Spiel beginnen: Jeder solle sein schlimmstes Geheimnis offenbaren. Mike hat eine damalige Freundin als Schutzschild gegen einen bissigen Hund missbraucht. Rachel schloss einen geistig behinderten Jungen im Schrank ein. Charlie mobbte einen Mitschüler so sehr, dass dessen Familie die Stadt verließ. Und Emma? Ihr Geständnis ist so schockierend, dass es den anderen die Sprache verschlägt. Im Mittelpunkt steht dabei das Gewehr ihres Vaters.
Schnelle Wechsel zwischen Realität und Illusion
Fortan etabliert Borgli einen ambitionierten Filmstil. Charlies Fantasien über die angebliche Gewalttat seiner Geliebten unterbrechen immer wieder abrupt die Handlung. Der schnelle Wechsel zwischen Realität und Illusion lässt keine Muße zur Betrachtung. Rückblenden in Emmas Schulzeit zeichnen das Bild eines frustrierten Mädchens, das keine Freunde findet. Doch mehr erfährt man nicht; auch die Erwähnung Sigmund Freuds bringt keine Erkenntnisse. Dabei könnte es hier um mehr gehen, nämlich um die moralische Frage, ob jemand, der einmal eine Gewalttat geplant hatte, noch Achtung verdient.
Mit Charlies Wahrnehmung von Emma ändert sich auch seine Einstellung zu ihr. Die noch unfertige Rede verliert alles Lobende. Ärger im Straßenverkehr, ruppiger Sex und ein großes Haushaltsmesser bekommen auf einmal signifikante Bedeutung. Emma erscheint nun als Bedrohung und Gefahr, vielleicht sogar als Verrückte. Darin liegt eine Menge Sprengstoff verborgen.
Girls & Guns
Dazu passt ein Bildband auf Charlies Schreibtisch, in dem leichtbekleidete Frauen mit Handfeuerwaffen posieren. Girls and Guns. Mit einem Mal bewegt sich der Film in den Niederungen des Trash-Kinos. Doch der Regisseur bemerkt diese Provokationen gar nicht und kann sie darum auch nicht relativieren, geschweige denn erklären. Das Drehbuch legt den Schauspielern stotternde, uninteressante Dialoge in den Mund, die zwischen Zaudern, Zögern und Herumdrucksen ihre wahren Gefühle verbergen. Als Höhepunkt des Films soll die Hochzeitsfeier dienen, die trotz aller Hindernisse stattfindet. Die Missverständnisse, vermeintlichen Seitensprünge und missglückten Reden wirken allerdings nur unfreiwillig komisch.
„Noch mal auf Anfang“ – das verspricht zumindest verbal eine „Comedy of Remarriage“, darauf verweist auch das Ende des Films. Doch von „Screwball“, von Verrücktheit, Romantik und Liebe findet sich hier keine Spur.







