Vorstellungen
Filmkritik
Im Gleitflug erlebt Hig (Jacob Elordi) die Post-Apokalypse. Fast idyllisch erscheint die Welt aus dem Cockpit seiner Cessna. Das Leben hat die Abwesenheit der Zivilisation genutzt, ist in die großen Metropolen zurückgekehrt, hat Berge, Wälder und Täler zurückerobert. Hig selbst lebt hier, wo die Menschheit verschwunden ist und die Sterne wieder sichtbar geworden sind. Als einer der wenigen Überlebenden der Pandemie hat er sich jenseits der Zivilisation arrangiert. In den Resten, die von ihr geblieben sind, ist Hig nur zu Besuch, sammelt Softdrinks, Alkohol und Medikamente zusammen und kehrt mit seinem Hund Jasper in sein altes Haus zurück.
Unberührt erscheint sein altes Leben hier. Das Bett ist frisch gemacht, die Fotos erinnern an die Zeit mit seiner Frau Melissa (Sai Bennett). Sie hat die Pandemie nicht überlebt. Hig kann sie noch immer sehen, denkt noch immer an sie, wenn er im Gleitflug durch die Berge zurückkehrt und für einen langen, viel zu langen Moment die Augen schließt, ohne das tröstende Gefühl der Schwerelosigkeit zu empfinden, dabei der schroffen Felswand zu nah kommt und sich im letzten Moment doch noch einmal für die Hoffnung entschließt.
Eine glückliche Zeit, die nie zurückkehren wird
„Das Ende der Sterne“ ist ein post-apokalyptischer Gleitflug, eine Erzählung, die das Leben nach der Zivilisation überfliegt, einen langen Blick wirft auf die Möglichkeit eines Idylls, das die industrielle Zivilisation hinter sich gelassen hat und auf das Ende einer glücklichen Zeit, die nie zurückkehren wird. Ein Gleitflug auch, weil Regisseur Ridley Scott die Ruhe weghat. Langsam schält sich die Nachwelt aus den Bildern, die Higs Routinen zeigen – eine schlichte, schöne, erbarmungslose Welt. Das Tal in dem Hig, Jasper und ihr Partner Bangley (Josh Brolin) ein gutes Leben inmitten der geendeten Zivilisation leben, wird erst mit der Einsamkeit zum Tal der Tränen.
Die einzige Abwechslung gibt es in der von Aaron (Benedict Wong) geleiteten Mennoniten-Siedlung. Doch ohne die mit der Zivilisation ausgestorbenen Vakzine ist das Risiko zu hoch. Außerdem hasst Bangley die „Amish“. Der grummelige Ex-Marine gefällt sich am besten auf seiner Terrasse, das Buch oder den Whisky in der Hand, das Sturmgewehr und die Nachtsichtoptik in Sichtweite. Die Selbstverteidigung, das tägliche Überleben und der gelegentliche Kaffee oder Drink reichen ihm als Lebensentwurf.
Panorama mit fast ausrangierten Revolverhelden
Hig widerspricht, aber vielleicht liegt der alte Recke doch nicht so falsch. Der Film gibt ihm Recht, zumindest dort, wo er die Dystopie unverhohlen als Western präsentiert. Als weites Weltuntergangs-Panorama mit fast ausrangierten Revolverhelden, die die Geschichte ihres eigenen Abgangs schreiben; mit Nächten unter freiem Himmel und regelmäßigen Auseinandersetzungen mit den „Wilden“ – die Ähnlichkeit der reitenden, bemalten und Kriegsrufe ausstoßenden Marodeure mit den Western-Darstellungen der indigenen Völker Amerikas ist eine sauer aufstoßende Fußnote.
Die dazugehörige Gewalt ist weniger bedrückend als an die Notwendigkeit eines klassischen Howard-Hawks-Westerns angelehnt. „Das Ende der Sterne“ ist eine moderne post-zivilisatorische Variante von „Rio Bravo“ (1959), das zwei maulfaulen Protagonisten zusieht, wie sie gemächlich und scheinbar stoisch ihre Runden ziehen inmitten einer von Tod und Hoffnungslosigkeit ergriffenen Welt. Brolin gibt einen fantastischen Post-Kollaps-John-Wayne ab, Jacob Elordi einen fantastischen Dean Martin, der an der Welt zu verzweifeln droht und kurz davor ist, im Gleitflug für immer die Augen zu verschließen. Und sich doch immer wieder von der Welt da draußen, von Menschen wie der Ärztin Cima (Margaret Qualley) und ihrem Pops (Guy Pearce), ins Leben zurückholen lässt.
Am nächsten ist „Das Ende der Sterne“ dem Hawks-Meisterstück aber dort, wo die Plot-Notwendigkeiten zunehmend in den Hintergrund treten, um die Welt ganz sich und seine Protagonist:innen ganz der Welt zu überlassen. Der Gleitflug ist immer auch Montageprinzip in dieser gemächlich in ihren Routinen wieder aufkeimenden Welt. Hier versucht ein Vorzeige-Schönling mit jedem Handgriff mit dieser neuen Welt zu verwachsen, während seine Wege ihn doch immer wieder zurück in die Vergangenheit führen: zurück zum alten Haus, zu allem, was verloren gegangen ist.
Eine Welt, die atmen darf
Scott erzählt das mit der Geduld des Meisters, lässt seine Welt atmen, um aus der Gemächlichkeit heraus tiefer in die neue Welt vorzudringen. Drei große Sequenzen hängen wie Scharniere zwischen den Formen des Zusammenlebens, die die neue Welt hervorbringt. Im nächtlichen Krieg, beim Versuch, die Barbarei hinter sich zu lassen, und bei einer Abrechnung mit einer neu gegründeten High Society kommen Scotts Talent für wuchtige Action mit seiner sichtbaren Verachtung für spätkapitalistische Lebensentwürfe zusammen. Das eigentliche Wunder dieses Films aber findet dazwischen statt, in der ängstlichen Schönheit des Gleitflugs.







