Zum Hauptinhalt springen

Das fast normale Leben

135 minDokumentationFSK 12
Tickets
Szenebild von Das fast normale Leben 1
Szenebild von Das fast normale Leben 2
Szenebild von Das fast normale Leben 3
Szenebild von Das fast normale Leben 4
Szenebild von Das fast normale Leben 5
Szenebild von Das fast normale Leben 6
Szenebild von Das fast normale Leben 7
Szenebild von Das fast normale Leben 8
DAS FAST NORMALE LEBEN beobachtet den Alltag von vier Mädchen in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort. Getrennt von ihren Eltern ringen sie um Anerkennung, Selbstliebe, Selbstbestimmung und Geborgenheit. Stets mit dem sehnlichen Wunsch, irgendwann wieder nach Hause zu kommen. Über einen Zeitraum von zwei Jahren begleiten wir ihre Entwicklung durch Höhen und Tiefen, spüren ihre Aggression und ihre Willenskraft, sehen sie in Interaktion mit Betreuer:innen, Pädagog:innen, Eltern und Institutionen.
Der Film erzählt vom Mut und der Resilienz junger Menschen, die inmitten schwieriger Umstände versuchen, ihren eigenen Weg zu finden. Ohne Schuldzuweisungen bietet der Film einen authentischen Einblick in den Alltag in der Jugendhilfe – wo nicht immer alles rund läuft, aber Geborgenheit und gelungene Erwachsenen-Kind-Beziehungen entstehen können. Am Ende bleibt der Wunsch der Mädchen auf ein „normales Leben“, in dem sie ihre Potentiale für sich nutzen können.
  • Veröffentlichung22.01.2026
  • Stefan Sick
  • Deutschland (2025)

„Vor mir muss man sich in Acht nehmen“, warnt Lena. Mit einem selbst gebastelten Bogen schießt sie einen Pfeil ab. Er fliegt nicht weit. Statt Bedrohung ist eher Unsicherheit zu spüren – und auch ein wenig Humor. Zumal Lena von Anfang an die Distanz zu dem Mann hinter der Kamera aufbricht und mit ihm in Kontakt tritt. Dennoch ist der Wechsel zu bitterem Ernst fließend. „Ich muss aufpassen hier draußen wegen meiner Mutter“, flüstert Lena dem Regisseur und Kameramann Stefan Sick kurz darauf zu. „Meine Mutter hat mich im Stich gelassen.“

Ein stetiges Auf und Ab

Still und leise beginnt der Film und trifft, da ist noch keine Minute vergangen, mit voller Wucht. Denn es steckt durchaus auch Wahrheit in dem ersten Satz von Lena, die mit anderen Kindern und Jugendlichen in einer Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort lebt; manchmal verliert sie die Kontrolle und rastet aufs Heftigste aus. In dem über zwei Jahre hinweg gedrehten Film begleitet Sick insgesamt vier Kinder und Jugendliche aus der Wohngruppe und beobachtet ein stetiges Auf und Ab. Es wird getreten, geschrien und geflucht, geredet, geweint und getröstet. Es gibt Momente, in denen überhaupt nichts funktioniert, und Momente von Glück und Leichtigkeit, in denen nichts mehr von den außergewöhnlichen Lebensverhältnissen der vier jungen Kinder und Teenager zu spüren ist, die „Das fast normale Leben“ begleitet und porträtiert.

Lena, Leni, Eleyna und Lisann kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und wurden von ihren Eltern getrennt. Wenngleich der Regisseur in unterschiedlichsten Situationen anwesend ist – bei der Ankunft im Heim, bei schmerzlichen Trennungen von den Eltern nach einem Besuchswochenende zu Hause, bei Gesprächen mit dem Jugendamt, bei Konflikten zwischen Erzieherinnen und Kindern, bei Aufenthalten zu Hause – bleibt er doch auch unkonkret und offen. Man erfährt nicht genau, was die Mädchen zuvor in ihren Familien erlebt haben und weshalb sie dort nicht länger bleiben konnten. So sind die Missstände, von Gewalterfahrungen bis zu Verwahrlosung, nur zu erahnen. Aber vielleicht braucht der Film diese Offenheit, um den Kindern und vor allem den am Rande auftauchenden Eltern unvoreingenommen gegenübertreten zu können. Die Folgen dieser Erfahrungen für die Kinder sind unmissverständlich und reichen von Wutausbrüchen gegenüber anderen bis zu Selbstverletzungen und mangelndem Vertrauen in sich selbst.

Sick interessiert sich weniger für die Kontexte und mehr für die aktuelle Situation von Lena, Leni, Eleyna und Lisann, wie sie mit der Trennung von ihren Eltern und Bezugspersonen umgehen – und mit den immer wiederkehrenden offiziellen Besprechungsterminen.

Der Wille zur Änderung

„Das fast normale Leben“ – der Titel ist keine wertende Außenzuschreibung der Filmemacher, sondern stammt von der Protagonistin Leni – konzentriert sich ganz auf die Perspektive der Kinder und Jugendlichen und nimmt ihren Alltag in den Blick. Er erzählt von Überforderungen, vom Scheitern, „falschem“ Verhalten – aber eben auch von den Anstrengungen, dem Willen zur Veränderung und kleinen Schritten in eine hoffentlich bessere Zukunft. Das ist gerade deshalb überzeugend und in der gegenwärtigen Medienlandschaft so wichtig, weil damit ein Gegenpol zu all den aalglatten, pseudoperfekten Wohlfühl-Alles-Supi-Insta-Kanälen beige-braun gekleideter Influencer-Eltern gebildet wird. Sick wertet nicht und blickt auch nicht auf seine Protagonisten herab. Er beschränkt sich auf die Rolle des aufmerksamen Beobachters.

Manchmal verwundert es, wie lange Sick mit seiner Kamera in bestimmten Momenten anwesend sein darf. Wenn er dann wiederum von den jungen Protagonistinnen ausdrücklich gebeten wird, kurz den Raum zu verlassen, spürt man auf der anderen Seite, dass Absprachen und Grenzen eingehalten und respektiert wurden. Ohnehin bedient der Film keinen Voyeurismus und erzählt trotz aller Niederlagen vor allem über das Wiederaufstehen und Weitermachen. Achtung, Wertschätzung und die Förderung des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls rücken dabei in den Vordergrund. Das zeigt Wirkung. „Ich glaube, du brauchst mal eine Umarmung“, meint ein Kind einfühlsam zu einer niedergeschlagenen Mitbewohnerin. Sie hat verstanden, was einen wieder stark machen kann, auch wenn man zuvor Gewalt ertragen hat, nicht beachtet oder enttäuscht wurde – oder auch, wenn sie später vielleicht selbst wieder die Kontrolle verliert.

Nur eine Übergangsstation

Dass nach dem Ende von „Das fast normale Leben“ für die Protagonistinnen zwei Jahre vergangen sind, wird allerdings nicht ganz deutlich. Es fehlt dem Film an einer klaren zeitlichen Einordnung zur Orientierung; und nicht immer sind die Meilensteine der Entwicklungsveränderungen bei den Protagonistinnen in den Szenen erkennbar.

Aber das ändert nichts an der emotionalen Wirkung, die der Film hinterlässt. Die Wünsche der Kinder und Jugendlichen sind universell: Sie sehnen sich danach, selbstständig zu sein, sich frei zu fühlen, selbstbestimmt handeln zu können, respektiert zu werden, Geborgenheit und Nähe zu erfahren. Das Leben im Wohnheim ist dabei nur eine Übergangsstation. Ein Schutzraum, um danach gestärkt zurückkehren zu können in Familien, die sich auch verändert haben.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDas fast normale LebenVon: Stefan Stiletto (21.1.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de