Vorstellungen
Filmkritik
Das Leben wächst in totem Holz. Stirbt ein Baum, wird er zum Habitat. Pilze, Insekten, Reptilien, Vögel und Säugetiere teilen sich den toten Körper; Moos, Pflanzen und sogar neue Bäume wachsen auf ihm. Jedes Kind lernt diesen Kreislauf des Lebens kennen, doch kaum ein Erwachsener in der zivilisierten Welt behält das Staunen bei, das diesem Vorgang gebührt. Die Familie Munier aber kann noch immer staunen. Vater Michel, sein Sohn, der Filmemacher Vincent Munier, und dessen Sohn Simon sehen die Wunder, die inmitten der Wälder der Vogesen geschehen. Die Kamera des Naturfilmers Vincent Munier zeigt die Wunder, und die brachiale, pathetische Prosa des Vaters beschreibt sie im Voice-over.
„Das Flüstern der Wälder“ ist, der Titel macht kein Geheimnis daraus, auch ein Film des Zuhörens. Nicht entlang der Jäger-Beute-Dynamik, die Tierdokumentationen oft nutzen, um sie didaktisch und dramaturgisch zu strukturieren, sondern über den Gestus des Staunens sucht der Film einen Zugang zur Flora und Fauna des französischen Mittelgebirges. Meist ist es Großvater Michel, der staunt und die Bewohner der Wälder nicht nur beobachtet, sondern mit dem Parabol-Mikrofon bei jedem ihrer Schritte belauscht.
Die Stimme des Auerhuhns
Die Tonebene ist das formale Alleinstellungsmerkmal des Films. Wo Werner Herzog im Regenwald eine Kakophonie von Todes- und Schmerzensschreien zu hören glaubte, filtert der Filmemacher Munier in den Wäldern der Vogesen das Flüstern heraus. Wenn Wildschweine grunzen, Füchse schreien und junge Hirsche mit tiefem Röhren zu imponieren versuchen, erklingt das so glasklar wie erhaben. Die Stimme, die Munier am meisten fasziniert, ist die des Auerhuhns. In Mitteleuropa ist es selten geworden; in den Vogesen ist es kaum noch zu finden. Nur noch fünf bis sechs Tiere wurden 2022 in der Gebirgsregion gezählt. Die Balz-Arie des Vogels ist so außergewöhnlich und schön wie er selbst: ein tiefes, kehliges Klicken, das über sich selbst stolpert und elegant abrollt.
Die Begegnung mit dem Auerhuhn ist der Höhepunkt, auf den der Film hinarbeitet – und mit ihm die Generationen der Familie Munier. Opa Michel beschreibt seinem Enkel eine frühere Begegnung mit dem schwarz-roten Vogel; er nennt sie einen der glücklichsten Momente im Wald. Ein Moment, der im Kontext des modernen Massenaussterbens eine besondere Bedeutung erhält. Wie jeder moderne Film über die Natur muss auch „Das Flüstern der Wälder“ das Sterben des Lebensraums, den er so spektakulär in Szene setzt, reflektieren. Allerdings sind es ein weiteres Mal nicht die Bilder des Filmemachers Vincent Munier, sondern die Worte des Großvaters, die larmoyant über das reden, was 10000 Jahre unangetastet war, um binnen eines halben Jahrhunderts sukzessive ausgerottet zu werden. Dass der Enkel hier Zuhörer ist, ist kein Zufall.
Der Enkel folgt dem Großvater
Die Generationenerzählung bildet den Rahmen des Films und ist sorgfältig als metaphorische Staffelübergabe inszeniert. Der Enkel folgt dem Großvater in dessen Fußstapfen durch den Schnee. Er hört wissbegierig zu, wenn dieser ihm die Spuren des Wildlebens zeigt und die heimischen Tiere anhand ihrer Rufe identifiziert. Später tritt der Großvater ostentativ kürzer und lässt sich am Lagerfeuer vom Enkel etwas Neues zeigen: wie man Marshmallows grillt. Für einen Film, der das wilde Leben in all seinen Facetten und all seiner ungeordneten Schönheit bestaunt, ist das kein unpassender, aber ein ziemlich steriler Rahmen.
Überhaupt ist „Das Flüstern der Wälder“ nicht allzu geschickt darin, die Verbundenheit mit der Natur in Worte zu fassen. Die poetischen Reflexionen, die der Großvater in sein Notizbuch kritzelt und via Voice-over in den Wald raunt, wirken angesichts der Bildgewalt des Films wie gepresste Phrasen, die der eigentlichen Stimme des Films in die Quere kommen.
Dort, wo der Film lauscht, beobachtet und also im besten Sinne innehält, um der Natur und vielleicht noch der Musik von Warren Ellis Raum zu gewähren, ist er dennoch schön. Von der kleinsten Detailaufnahme, die den Specht dabei beobachtet, wie er morsches Holz aus einem toten Stamm reißt, bis hin zum großen Ganzen, das Winde dabei zeigt, wie sie den Nebel von den Baumkronen ziehen, und all dem Leben, das dazwischen in hochglanzpolierter Schönheit gefilmt wird, ist „Das Flüstern der Wälder“ ein Film des Staunens, der niemanden bräuchte, um dazwischenzureden.










