Zum Hauptinhalt springen

Das geheime Stockwerk

95 minKrimi, FamilieFSK 6
Tickets
Szenebild von Das geheime Stockwerk 1
Szenebild von Das geheime Stockwerk 2
Szenebild von Das geheime Stockwerk 3
Szenebild von Das geheime Stockwerk 4
Szenebild von Das geheime Stockwerk 5
Szenebild von Das geheime Stockwerk 6
Szenebild von Das geheime Stockwerk 7
Szenebild von Das geheime Stockwerk 8
KARLI (12) zieht mit seiner Familie in die Alpen, wo sich seine Eltern endlich den Traum vom eigenen Hotel erfüllen. Bei seinen Streifzügen durch das ehemalige Grandhotel entdeckt er, dass er in einem alten Lastenaufzug in der Zeit reisen kann – und landet im Jahr 1938! Karli freundet sich dort mit dem jüdischen Gästemädchen HANNAH und dem Schuhputzerjungen GEORG an. Doch Karli wagt nicht, seinen Freunden zu erzählen, was er über das Jahr 1938 erfährt, und warum es lebenswichtig ist, dass Hannah nicht nach Berlin zurückfährt. Als Georg zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt und gefeuert wird, wollen seine neuen Freunde ihm helfen und den wahren Gauner finden. Dabei entdecken die drei, dass im Hotel seltsame Dinge vor sich gehen. Ist der gutaussehende Pianist BRUNO ein Juwelendieb? Und steckt Hannahs Vater mit ihm unter einer Decke? Die Kinder beschließen, das Rätsel zu knacken und finden heraus, dass sich hinter der Hotelfassade ein riesiges Geheimnis verbirgt!

Viele Filme, die sich an Kinder richten und über die Zeit des Nationalsozialismus erzählen, brauchen eine Begleitung. Nicht nur aufgrund des belastenden Themas, sondern auch zur Orientierung. Denn oft verzichten diese auf eine sanfte Einführung. Eine knappe Erklärung in Form einer Texttafel ist alles, was dem jungen Publikum mit auf den Weg gegeben wird – und das ist meist zu wenig. Norbert Lechner geht in seinem Film „Das geheime Stockwerk“ einen anderen Weg. Er beginnt in der Gegenwart und nimmt die Zeitreise ganz wortwörtlich.

Die Türen öffnen sich in eine ganz andere Zeit

Eigentlich will Karli in dem alten Grand Hotel in Österreich, das seine Eltern kürzlich gekauft haben und nun aufwändig renovieren, mit dem Aufzug nur in den vierten Stock. Doch der Fahrstuhl, in dem auch vorher schon beim Passieren bestimmter Stockwerke leise eine beschwingte Klaviermusik zu hören war, beginnt plötzlich zu ruckeln. Das Licht flackert, der Lift bleibt kurz stehen. Erst nachdem Karli ein wenig verzweifelt auf die Tasten drückt, setzt sich der Lift wieder in Gang – und Karli erlebt sein blaues Wunder: Die Türen öffnen sich nicht nur in den vierten Stock, sondern in eine ganz andere Zeit. Kellner laufen hektisch durch die Gänge, Pagen mit roten Livreen betrachten den Jungen mit dem grünen Hoodie und dem überhaupt sehr merkwürdigen Aussehen skeptisch. Alt aussehende Schränke, die aber gar nicht alt sind, säumen die Flure, Abzeichen mit Hakenkreuzen stehen in den Vitrinen. Ein Blick in eine Zeitung gibt Aufschluss. Karli ist im Juni 1938 gelandet, drei Monate nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland – und damit in einer Zeit, in der die Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung und deren Verfolgung auch in Österreich sich immer mehr zuspitzt.

Doch Karli weiß davon noch kaum etwas. Er hält alles für einen bösen Traum, sucht schnell den Weg zurück in den Aufzug – und ist überglücklich, als dieser wieder in der vertrauten Baustelle anhält. Konsequent bleibt „Das geheime Stockwerk“ bei der Perspektive und dem Wissensstand von Karli. Der etwa zwölfjährige Junge hat noch keine konkrete Vorstellung der damaligen Zeit. Aber die Tür in diese andere Welt lässt ihn auch nicht mehr los. Er will noch einmal zurück. Denn die Zeitreise ist vor allem eines: ein Abenteuer. Sensibel für seine besondere Rolle als Zeitreisender ist Karli dabei jedoch nicht, sondern vielmehr arrogant und sehr von sich selbst überzeugt. Er ist normal und muss sich nicht anpassen – die anderen sind es, die seltsam sind. Zumindest am Anfang.

Mit mehr Fragen zurück in die Gegenwart

Es gibt im Grunde keine der üblichen Zeitreise-Spielereien in „Das geheime Stockwerk“. Also keine Einflussnahme auf die Vergangenheit, um diese zu verändern, keine unvorhergesehenen Veränderungen in der Zukunft. Der Aufzug ist nur ein, wenngleich magisches, Transportmittel zwischen 2025 und 1938. Mitbringsel aus der Zukunft wiederum werden schnell ihrer Funktion beraubt, um das Erzählen einfacher zu machen. 1938 funktioniert Karlis Handy nicht, obwohl der Akku voll ist. Und Menschen aus der Vergangenheit können den Aufzug in die Zukunft nicht benutzen. So ist das halt.

Dafür kommt in der Vergangenheit noch ein weiteres Genre ins Spiel: Karli lernt dort das jüdische Mädchen Hannah kennen, die vor zwei Wochen mit ihrem Vater in dem Hotel angekommen ist, sowie den Schuhputzer Georg, der bald des Diebstahls verdächtigt wird. So entspinnt sich ein Krimi, im Laufe dessen Karli und Hannah Georg helfen müssen, seine Unschuld zu beweisen. Und nebenbei nimmt Karli immer mehr wahr von den Zeitumständen. Er beobachtet, wie Hannah, ihr Vater und der jüdische Pianist im Hotel stets Anfeindungen ausgesetzt sind, und kehrt mit zunehmend mehr Fragen zurück in die Gegenwart.

Zugänglichkeit und Erklärwille haben ihren Preis

Insofern macht „Das geheime Stockwerk“ vieles richtig. Aber die Zugänglichkeit und der Erklärwille haben ihren Preis. Denn dadurch wirkt der Film bisweilen auch didaktisch. Manchmal löst das Drehbuch das nicht sehr elegant, wenn es erläuternde Gespräche zwischen den Kindern gibt oder wenn manche Dialoge auf Schlüsselwörter hingeschrieben wurden und etwa ein strammer Nazi-Vater bemerkt, dass seine Söhne im viel zu warmen Hotelzimmer noch verweichlichen würden.

Viel natürlicher dagegen sind jene Szenen in der Gegenwart, in denen Karli zwischen seinen Zeitreisen mit seiner Mutter redet und wissen will, was früher wirklich los war. Hier ist der Film zwar immer noch erklärend, aber auch sehr differenziert. Hoch über dem Tal – weil nur dort das Internet funktioniert – sieht Karli sich auf YouTube eine Kurzdoku über das NS-Regime an. Als direkt anschließend automatisch das nächste Video beginnt, greift seine Mutter ein. Vor ungefilterten Bildern und Erzählungen aus Konzentrationslagern will sie ihren Sohn noch schützen, was nichts damit zu tun hat, dass sie etwas verheimlichen will.

Eine Zeit, die immer gefährlicher und einschränkender wird

Auch der Film schützt sein Publikum. Er wählt einen vergleichsweise harmlosen Schauplatz inmitten einer Zeit, die immer gefährlicher und einschränkender wird, und erzählt aus diesem heraus. Er reißt in Worten an, was geschehen ist. Auf drastische Bilder oder belastende Szenen kann er verzichten, weil er versucht, alle Geschehnisse auf die Erfahrungswelt von Kindern herunterzubrechen. Nichtsdestotrotz kann er, auch gerade aufgrund seiner Deutlichkeit, zum Nachfragen anregen. Insofern ist auch „Das geheime Stockwerk“ nicht so selbsterklärend. Er versteht sich als abenteuerliche Geschichte und als Türöffner.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDas geheime StockwerkVon: Stefan Stiletto (26.5.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de