Vorstellungen
Filmkritik
Wie einst François Truffaut seinen Antoine-Doinel-Zyklus regelmäßig wiederaufgriff, setzt Franz Müller seinen Film „Die Liebe der Kinder“ 16 Jahre später mit denselben Schauspielern fort. Im Zentrum von „Das Glück der Tüchtigen“ steht diesmal nicht mehr Maren (Marie-Lou Sellem), deren Patchworkfamilie zerbrochen war, sondern ihre inzwischen 29-jährige Tochter Mira (Katharina Derr), die nach einem abgebrochenen BWL-Studium und der Geburt von zwei Töchtern vor kurzem die Leitung eines Supermarkts übernommen hat. Auf den ersten Blick scheint ihre Beziehung zu Tarik (Leonidas Emre Pakkan), Hausmann und gescheiterter Rap-Sänger, intakt, wenn da nicht der notorische Geldmangel in ihrer kleinstädtischen Reihenhausidylle wäre. Mira strengt sich in ihrem Job an, weiß sie doch, dass sie die Verantwortung für ihre Familie allein tragen muss. Doch Fleiß und eine zupackende Art reichen nicht mehr aus, um die täglichen Herausforderungen des Spätkapitalismus zu meistern.
Ihre Mitarbeiter melden sich notorisch krank und wollen trotzdem nach kurzer Einarbeitungszeit und schlechter Leistung eine Gehaltserhöhung. Andere klauen Lebensmittel, weigern sich, die Spätschicht zu übernehmen, und drohen mit der Gewerkschaft. Als Mira wegen eines Dachschadens in Schulden gerät, kommt es wie gerufen, dass sie ihren einstigen Stiefvater Robert (Alex Brendemühl) auf dem Parkplatz ihrer Filiale wiedertrifft. Nach einigen Treffen bietet er ihr ein zinsloses Darlehen über 80.000 Euro an, das sie erst nach zwei Jahren zurückzahlen soll.
Einbruch einer existenziellen Katastrophe
Was nach einer Glückssträhne aussieht, endet in einem Desaster, weil Mira das Geld auf dem Familienkonto deponiert. Tarik investiert es ohne Rücksprache in Kryptowährungen, denn die Chance, schnell viel Geld zu verdienen, möchte er diesmal nicht verpassen, so wie letztes Mal, als Mira nicht in Bitcoins investieren wollte. Pech nur, dass sich seine „Finanzberater“ als halbkriminelle Betrüger erweisen. Katharina Derr spielt den Einbruch dieser existenziellen Katastrophe in einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Wut und Verzweiflung, vor allem über Tarek, dessen weltfremd-kindliche Unbekümmertheit, Faulheit und Selbstmitleid sie nicht mehr ertragen möchte. Sie verlangt eine temporäre Trennung, die aber nach sich zieht, dass sie auch noch die Betreuung ihrer Töchter organisieren muss und sich dabei nicht auf ihre Mutter verlassen kann, die lieber Weltreisen unternimmt.
Franz Müller lässt in dieses so intensiv wie lakonisch inszenierte Familiendrama, das auch mit humorvollen Pointen nicht geizt, gekonnt gesellschaftliche Beobachtungen einfließen, die man selten im deutschen Kino zu Gesicht bekommt: den männlichen Kindergärtner, der nicht Feierabend machen kann, weil Mira ihre Töchter zu spät abholt. Den Vorgesetzten, der sie sexuell nötigt, wenn er sie in der Hierarchie des Unternehmens verteidigen soll. Ihre Mutter und deren Freundinnen, die sich über ihre bodenständige Berufswahl und den muslimischen Mann verächtlich amüsieren, oder Miras leitende Mitarbeiterin (Lana Cooper), die ihr hilft, einen Sparplan aufzustellen, eigentlich aber in sie verliebt ist und nach einem gemeinsamen Ausflug mit den Kindern nach Ostende den Job kündigt, weil Mira lieber doch keine Beziehung anfangen möchte.
Während das Glück in weite Ferne rückt
All diese allzu menschlichen Stränge verwebt Müller in einer dokumentarischen Machart zu einem langsamen Fluss eines immer mehr fordernden Überlebenskampfs. Für Menschen wie Mira geht es nicht aufwärts. Sie kann froh sein, wenn sie ihr Niveau mit Notlügen, Täuschungen, Überbrückungskrediten und einer emotional zunehmend bröckelnden Fassade halten kann. Während das Glück in weite Ferne rückt, gilt es für sie, jeden Tag aufs Neue die Zähne zusammenzubeißen. Dass Müller dabei nicht in eine Düsternis à la Ken Loach verfällt und die Konflikte nicht zuspitzt, den Figuren aber auch immerhin eine Katharsis verwehrt, mag man als fehlende Konsequenz einordnen, was aber auch schlicht an dem Harmoniebedürfnis der an der Finanzierung beteiligten Fernsehanstalten liegen könnte.
Es bleibt allemal spannend, welche desillusionierenden Wendungen seine Helden und Heldinnen des Alltags in einem dritten Teil der Trilogie erleben werden. Denn auf die dritte Generation kommen Herausforderungen zu, die sich nicht so leicht mit dem versöhnlichen Lächeln lösen lassen, das Mira zum Schluss der Kamera schenkt.

