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Das Los des Fremden

103 minDramaFSK 16
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Aleppo, mitten im syrischen Bürgerkrieg. Amira, eine Kinderchirurgin, nimmt in den dunkelsten Tagen des Konflikts eine lebensrettende Operation vor. Durch eine unerwartete Wendung werden sie und ihre Tochter zu zentralen Figuren in einer dramatischen Geschichte, die das Leben von fünf Familien auf vier Kontinenten miteinander verwebt und deren Dasein neu bestimmt.

Unheilvoll gleitet die Kamera den Chicago River entlang, vorbei an einschüchternden Wolkenkratzern, die sich zu einer Mauer aneinanderreihen. Ziel der Kamerafahrt ist der protzige Trump Tower, dessen Namensgeber aktuell wie kaum ein anderer Präsident versucht, sein Land gegen Migranten abzuschotten. Brandt Andersen beginnt sein Regiedebüt mit diesen Aufnahmen sowie einem Shakespeare-Zitat über das mangelnde Mitgefühl gegenüber Einwanderern aus Krisengebieten. Wie es sich anfühlt, seine Heimat und sein Hab und Gut hinter sich zu lassen und für eine bessere Zukunft große Strapazen und Gefahren auf sich zu nehmen, die nicht jeder überlebt, das möchte der Episodenfilm „Das Los des Fremden“ vermitteln.

Unter Hochdruck Leben retten

Die Geschichte beginnt mit der syrischen Ärztin Amira (Yasmine Al Massri), die inmitten des Bürgerkriegs unter Hochdruck Leben in einem zerschossenen Krankenhaus rettet. Den Schergen Assads ist sie ein Dorn im Auge, weil sie den hippokratischen Eid ernst nimmt und die Soldaten des Machthabers ebenso behandelt wie die Rebellen. Nach einem Bombeneinschlag beschließt sie, mit ihrer Tochter zu fliehen, was Andersen wie einen Thriller inszeniert. Das Publikum bleibt mit der schwer atmenden Ärztin im engen Kofferraum, während von außen Schreie und Schüsse zu hören sind. Im dramatischsten Moment bricht der Erzählstrang schließlich ab.

Anschließend widmet sich „Das Los des Fremden“ noch: einem syrischen Soldaten (Yahya Mahayni), der nach der Exekution eines Kindes moralische Zweifel bekommt. Einem Schleuser (Omar Sy), der Geflüchtete ausbeutet, um seinem Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Einem Dichter (Ziad Bakri) und seiner Familie, die sich in einem Schlauchboot nach Europa aufmachen. Sowie einem Kapitän (Constantine Markoulakis) von der griechischen Küstenwache, für den die Seenotrettung zur selbstzerstörerischen Besessenheit wird. Manche der Episoden überschneiden sich und die meisten brechen ähnlich abrupt ab wie die erste. Allerdings nutzt der Film diese Cliffhanger nicht sonderlich produktiv, weil sie entweder unaufgelöst bleiben oder mit einer kurzen Montagesequenz am Ende abgefertigt werden.

Kaum steckt man in einer Geschichte drin, geht es weiter

Auch sonst ist die Handlungskonstruktion recht wackelig. Zu wenig ergänzen oder bereichern sich die unterschiedlichen Episoden und wirken stattdessen ein wenig unfertig und verloren. „Das Los des Fremden“ macht es sich zur Aufgabe, die Situation Geflüchteter möglichst vielseitig zu behandeln, doch gerade die multiperspektivische Erzählweise führt dazu, dass der Film selten über Klischees hinauskommt. Kaum steckt man in einer Geschichte drin, geht es schon weiter zur nächsten.

Andersen zielt sichtlich auf eine möglichst emotionale Reaktion des Zuschauers. Die Figuren sind ständig in einem psychischen Ausnahmezustand, die Handkamera folgt ihnen mit hektischem Gewackel oder rückt nah an ihre verzweifelten Gesichter und die Musik spielt sich immer wieder mit übertriebener Erregung in den Vordergrund. Vieles im Film folgt einer Genre-Logik, die den Zuschauern durch Spannung und Melodramatik das Leid der Protagonisten näherbringen will: Moralischer Zwiespalt, Versteckspiele mit der Polizei oder der nackte Überlebenskampf auf offener See. Der Regisseur geht dabei jedoch konsequent den einfachen, effekthascherischen Weg. Die Rettung eines Flüchtlingsboots gerät zu einem fehlgeleiteten, pathostriefenden Spektakel, das schwer mit der scheinbar humanistischen Botschaft des Films zusammengeht.

Enttäuschend eindimensional

Statt Menschen und Schicksale aus Fleisch und Blut zu präsentieren, fällt die Figurenzeichnung in „Das Los des Fremden“ enttäuschend eindimensional aus. Es gibt moralisch integere, sich für andere aufopfernde Protagonisten wie die Ärztin oder den Poeten, finster dreinschauende Generäle und Ärzte, die sich ihnen entgegenstellen, und dazwischen auch mal vermeintlich ambivalente Menschen wie den Schleuser, dessen innere Widersprüche aber nur behauptet werden und unerforscht bleiben. Dabei eint die Figuren ein entscheidender Mangel: Sie haben keine Fallhöhe und keine charakterlichen Nuancen, sondern sind lediglich plakatives Anschauungsmaterial für einige mit reißerischen Methoden hochgepeitschte Allgemeinplätze zur Flüchtlingskrise.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDas Los des FremdenVon: Michael Kienzl (8.6.2026)
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