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Denn dieses Leben lebst nur Du!

83 minDokumentarfilmFSK 12
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Im konservativ geprägten Südwesten Deutschlands stellen sich vier Menschen einer elementaren Herausforderung, um den Weg zu einem glücklicheren Leben zu finden. Dabei ändert sich alles für sie: ihr Namen, ihr Geschlecht, ihr einzigartiges Leben. Sie heißen Gabriel, Elisabeth, Melina, Dunja. Vorher hatten sie andere Namen, andere Leben, andere Geschlechter.

Gabriel ist am liebsten in Bewegung. An einem Hang oberhalb des Bodensees durchquert er joggend eine Wiese. Es geht bergauf, doch er scheint sich dabei wohlzufühlen. Auch wenn man ihm oft unterstelle, vor etwas davonzulaufen. Gewichte stemmt Gabriel auch gern. Sein Gesicht ziert ein kleines Bärtchen. Gabriel trug vor ein paar Jahren noch einen weiblichen Namen, war mit einem Mann verheiratet. Wohl scheint er sich als Frau aber nie gefühlt zu haben. Inzwischen lebt er mit einer Frau zusammen, die zwei Kinder hat und lange in einer klassischen heterosexuellen Beziehung geliebt hat.

Melina dagegen ist den umgekehrten Weg gegangen. Als Junge und Mann aufgewachsen, wehrt sie sich aber gegen die Bezeichnung als Trans-Frau. Denn die Transition habe sie ja bereits hinter sich. Sie sei eine Frau, und der einzige Unterschied zu einer anderen Frau sei, dass diese eben Kinder bekommen könne. Melina ist eine optisch sehr außergewöhnliche Erscheinung, betont im engen Kleid ihre weiblichen Seiten. Auch ein Gewitter am Seeufer schreckt sie nicht ab. Sie lebt mit der Schreinermeisterin Dunja zusammen, die ihre Transition noch vor sich hat.

Vier Menschen, die zu ihrer sexuellen Identität gefunden haben

Der Regisseur Douglas Wolfsperger stellt in seinem Dokumentarfilm „Denn dieses Leben lebst nur Du!“ vier Menschen vor, die auf völlig unterschiedliche Weise zu ihrer sexuellen Identität gefunden haben – ausgerechnet im konservativ geprägten Oberschwaben, woher auch der Filmemacher selbst stammt. Auch wenn der Titel etwas nach affirmativer Befreiungserzählung klingt, was auch das an manchen Stellen süßliche Sounddesign verstärkt: Die Hauptfiguren stellen deutlich heraus, mit wie viel Ablehnung sie in ihren täglichen Leben zu kämpfen haben. Davon kann auch Elisabeth berichten. Sie ist intersexuell, wurde also sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren. Sie wuchs als Junge und Mann mit dem Namen Ewald auf, hatte Gattin und Kinder, bevor sie sich entschied, als Frau weiterzuleben. Viele soziale Kontakte sind ihr verloren gegangen. Ihr Beruf als Hausmeisterin ist weiterhin eher männlich konnotiert.

Viele Menschen sind neugierig auf die gemachten Erfahrungen – wie der mit Melina bekannte Bäcker, der sich ihre ausführlichen Schilderungen über die Einzelheiten der Geschlechtsumwandlungen fasziniert anhört. Melina nähert sich dem Thema unverhohlen, geht auch auf die Entfernung der Hoden ein. Melina arbeitet in einer Werkstatt für Metallverarbeitung, dort ist die von den Kollegen eingenommene Distanz sogar beim Zuschauen körperlich spürbar.

Enorm viel Kraft

„Denn dieses Leben lebst nur Du!“ erzählt also keine bloße Empowerment-Geschichte, sondern dokumentiert auch viel alltägliche Ablehnung – die hier porträtierten Menschen erfahren sie von Kollegen, Kindern oder Menschen, mit denen sie mal Musik gemacht haben. Während es sich bei manchem bloß um Unverständnis handelt, kommt es gelegentlich sogar zu Hasstiraden. Auf einer jedenfalls vordergründig sachlichen Ebene verläuft eine Begegnung mit dem rechtskonservativen Christen Ewald Abler, der sich im Gespräch mit den drei Hauptfiguren über die angebliche Genderideologie ereifert. Er beruft sich auf das Buch Genesis, nach dem Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat – und scheint dabei vorauszusetzen, dass sich damit jegliches Dazwischen schon gedanklich verbiete. Gabriel weist Abler auf den Leidensweg hin, den alle von ihnen hinter sich haben; und dass es sich mitnichten um eine kurzlebige Laune handelt, sondern enorm viel Kraft kostet.

Die Dokumentation kommt ohne einordnenden Off-Kommentar aus. Es erscheint auch konsequent, sich vor allem auf die Figuren selbst zu verlassen. Natürlich kann der Film nicht alle Fragen beantworten, die sich mit dem Thema sexuelle Identität und Transition verbinden. Doch es vermittelt sich aus ihm ein vielfältiger Einblick in die Lebenswirklichkeit der hier dargestellten Menschen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDenn dieses Leben lebst nur Du!Von: Arne Koltermann (15.4.2026)
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