Vorstellungen
Filmkritik
Der Erde geht die Energie aus. Die Sonne läuft nicht mehr auf voller Leistung. Statt eines Hitze- droht ein Kältekollaps. Schuld sind, wie die Wissenschaft bald erkennt, außerirdische Einzeller. Die Astrophagen genannten Lebewesen ernähren sich von Sonnenstrahlung. Befallen ist nicht nur unsere Sonne, sondern Systeme überall im beobachtbaren Universum. Die Lösung des Problems ist kompliziert genug, dass ein Molekularbiologe, der in seiner Doktorarbeit einen theoretischen Exkurs zu „nicht-wasserbasierten Lebensformen“ wagte, als jemand gilt, der einen Beitrag dazu leisten könnte. Mit anderen Worten: Die Regierungen der Welt sind verzweifelt genug, dem Mittelschul-Lehrer Ryland Grace (Ryan Gosling) die Rettung der Erde anzuvertrauen.
Planetenvertreter im Tau-Ceti-System
Niemand könnte besser in dessen Schuhe schlüpfen als Ryan Gosling: er ist drollig genug, um jederzeit als Underdog durchzugehen, stylisch genug, um immer ins Zentrum des Bildes zu gehören, und charmant, integer und kompetent genug, um im Tau-Ceti-System genau den Planetenvertreter abzugeben, den man sich als Durchschnittsbürger:in wünscht. Genau hier, elf Lichtjahre von der Erde entfernt, liegt nämlich die Sonne, die von Astrophagen umgeben ist, ohne ihre Energie zu verlieren. In ihrem Sonnensystem erwacht Grace zu Beginn des Films.
Die oben genannten Details erzählt „Project Hail Mary“ in der Rückschau, während der ehemalige Lehrer versucht, sich auf dem ansonsten verwaisten Schiff zurechtzufinden. Der Rest der Besatzung, die Astronautin Olesya (Milana Vayntrub) und ihr Kollege Yáo Li-Jie (Ken Leung), haben den Kälteschlaf nicht überlebt. Grace selbst erwacht, ohne Erinnerung an sich selbst, die Mission und den drohenden Weltuntergang.
Tatsächlich kommt der Protagonist damit genau dort an, wo sich der Film am wohlsten fühlt: im Raumschiff als Wohnzimmer-Ersatz, allein zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit, zwischen Instant-Ramen, Tubenkäse und ins All geschmuggelten Wodka-Rationen. „Project Hail Mary“ ist ein optimistischer Film, mehr Hang-Out-Movie als Lem’sche Verzweiflung und den ebenfalls auf einer Romanvorlage von Andy Weir basierendem „Der Marsianer“ (2015) deutlich näher als dem thematisch verwandten „Interstellar“ (2014). Das zentrale Element des Films ist eben nicht der aus Rückblenden zusammengesetzte menschliche Umgang mit der drohenden Apokalypse, sondern ein der Welt enthobener Lösungsansatz. Grace ist, wie er bald feststellt, nicht allein im Tau-Ceti-System. Ein anderer Planet hat seine eigene Weltrettungsmission gestartet. Sie ist nicht weniger tragisch verlaufen als die der Erde. Auch sie hat nur einen einzigen Überlebenden.
Es beginnt mit Klopfzeichen
„Project Hail Mary“ ist als Film um den Annäherungsprozess zwischen Grace und dem Wesen konstruiert, das er „Rocky“ (gesprochen von James Ortiz) tauft. Annäherung ist Kommunikation. Und eben dort, wo diese auf Sprache verzichten muss, ist der Film ziemlich gut darin, Gebärden, Tänze und alle anderen Versuche und Fehlversuche in Affekt zu übersetzen. Viele der Begegnungen sind zunächst um eine Art Fenster gestaltet, das die Raumschiffe und damit die verschiedenen Welten der geologischen Lebensform namens Rocky und der menschlichen namens Grace trennen. Es beginnt mit Klopfzeichen und Morse-Code und arbeitet sich in einem langen, faszinierenden Verbrüderungsprozess Richtung Sprache und Freundschaft vor. Die apokalyptische Zukunft ist an diesem Zeitpunkt längst eine Vergangenheit, an die der Film retrospektiv erinnern muss. Die Bürokratie, Tragik und Komik der menschlichen Anstrengungen auf der Erde sind gewaltig ausgebreitet, kommunizieren aber oft deutlich weniger als die närrischen Spielereien, mit denen Grace und Rocky ihre physikalische Expertise zusammenbringen.
Die besten Szenen auf dem grünen Planeten Erde gehören der von Sandra Hüller gespielten Figur Eva Stratt. Die Leiterin der UN-Weltrettungs-Kommission verkörpert den notwendigen Pragmatismus, muss sich aber immer wieder das eigene Menschsein erlauben, gibt ein winziges bisschen Privatleben bekannt oder singt, in der schönsten Szene auf dem Heimatplaneten, eine Strophe aus Harry Styles’ „Sign of the Times“, bis exakt zu dem Punkt, wo sich die Tränen erahnen lassen, die sie als Vorgesetzte, die die Wahrscheinlichkeit der Apokalypse vorzurechnen hat, nicht vergießen darf.
Grace darf, muss dafür aber die Erde zurücklassen. Jenseits des Heimatplaneten ist „Project Hail Mary“ aber eben nicht Tragödie um heldenhafte Selbstaufopferung, sondern anrührende Familien-Science-Fiction in der speziesübergreifenden Raumstations-WG. Mann und Alien tüfteln zusammen, machen die Grundlagen der tatsächlichen und imaginierten Physik mit visuellen Lehrhilfen verständlich und holen sich dort, wo das irdische Wissen nicht mehr reicht, ein bisschen Science-Fiction-Zauberei als Hilfsmittel. Xenon wird in Rockys „Händen“ vom Gas zur festen Materie, die wieder und wieder in Puppenspiel-Inszenierungen den außerirdischen Planeten, die dazugehörige Physik und außerirdische Gedankengänge verdeutlicht.
Ein singender, tanzender Kampf gegen die Apokalypse
Genau das ist das Herzstück des Films. Nicht das große Weltuntergangspathos, nicht der visuelle Bombast, nicht die Erdpolitik, nicht Raumnavigation oder psychedelische Raum-/Zeit-Verwerfung. „Project Hail Mary“ bleibt interstellares Puppentheater, ein singender, tanzender, genuin erbaulicher Kampf der Wissenschaft gegen die Apokalypse; auf schöne Art und Weise weltfremd.










