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Filmkritik
Die Erbschaft trifft die 28-jährige Iris ziemlich unerwartet. Sie zögert, ob sie das Haus ihrer verstorbenen Großmutter Bertha im norddeutschen Bootshaven wirklich übernehmen soll. Als sie nach der Beerdigung durch die Zimmer und den verwilderten Garten streift, kommen Erinnerungen an schmerzliche wie glückliche Zeiten hoch, deren Visualisierung eine über 80 Jahre währende Familiengeschichte beschert. Man lernt neben Iris’ Mutter Christa die schöne Tante Inga kennen, die immer elektrische Schläge austeilt – und vielleicht deshalb keinen passenden Mann gefunden hat. Tante Harriet hat sich nach dem Tod ihrer Tochter Rosmarie dem Sektierertum verschrieben, und Berthas Nachbar Carsten scheint der Großmutter näher gestanden zu haben, als die Familie ahnte. Als sich zwischen Iris und dem Bruder ihrer Jugendfreundin Mira eine Liebe anbahnt, rückt das früher unzertrennliche Mädchen-Trio Iris, Rosmarie und Mira in den Mittelpunkt der Erinnerungen, was Iris den tragischen Unfall der Cousine nacherleben und endlich auch verarbeiten lässt. Mit ihrem Debütroman „Der Geschmack von Apfelkernen“ erklomm Katharina Hagena 2008 die Bestseller-Listen; ihr Buch verkaufte sich allein in Deutschland 1,25 Millionen Mal. Der Verfilmung fehlt jedoch das dramaturgische Geschick, das Puzzle aus Vergangenheit und Gegenwart, in dem sich die einzelnen Personen mit ihren Charakteren und Schicksalen langsam zu einem Familien- und Generationenbild formen, zusammenzusetzen. Besonders in den Eingangssequenzen verwirren die „Sprünge“ zwischen den Zeitebenen mehr, als dass sie elegant in die Geschichte hineinziehen, was auch für den geschwätzig-erklärenden Off-Kommentar aus der Romanvorlage gilt. Dabei sprechen die stimmungsvoll ausgeleuchteten Bilder von Kameramann Martin Langer durchaus für sich, solange sie nicht zerredet werden. Sie fangen die im Titel angedeuteten poetisch-magischen Momente des zweimal im Jahr blühenden Apfelbaums genauso eindrucksvoll ein, wie sie das niedrige Produktionsbudget des Films „entlarven“: Die Straßen von Bootshaven sind immer menschenleer. Etwas mehr Geld und Zeit hätte man auch in die Entwicklung des Drehbuchs stecken sollen, das nur die Figuren von Iris, Inga und Carsten zu „plastischem“ Leben erweckt, was auch der charismatischen Ausstrahlung der Darsteller zu verdanken ist, die zudem wunderbar als Identifikationsfiguren für ihre jeweilige Generation funktionieren. Hier zeigt sich die große Stärke der Regisseurin Vivian Naefe, die Schauspieler sehr präzise zu inszenieren weiß, obwohl auch sie die holprigen Dialoge und den fehlenden Spannungsbogen des Films nicht überspielen kann. Der Drehbuchstil der beiden Autoren Rochus Wolf und Uschi Reich passt offensichtlich nicht so recht zusammen, was hier letztlich zu einem „Jugendfilm auch für Erwachsene“ führt, in dem die ernsthafte Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart zugunsten einer harmonischen „Soap Opera“-Sicht auf eine Welt voller starker Frauen vernachlässigt wird, in der die Männern nur am Rande mitlaufen. Handwerklich sauber, aber ohne künstlerische Inspiration inszeniert, kann sich der Film mit vergleichbaren Produktionen wie etwa Stephen Daldrys „The Hours“ (fd 35 876) nicht messen. Ähnliches gilt auch für die Musik des Komponisten Sebastian Pille, dessen minimalistisches Klaviergeklimper jede Emotion erstickt und mit dazu beiträgt, dass trotz des CinemaScope-Formats nur braves Fernsehen auf der Leinwand erscheint.

