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Filmkritik
Als Kreml gilt in Russland eine Festung im Stadtinneren, eine befestigte Zitadelle in historischen Städten. Zwar können Besucher den berühmtesten und berüchtigsten Kreml, den in Moskau, besichtigen. Doch der Kremlpalast, in dem der Machthaber residiert, ist für die Öffentlichkeit gesperrt und wird streng bewacht. Fast so schwierig wie ein physisches Eindringen in den Palast ist auch der Versuch, in den inneren Kreis des Machthabers vorzudringen. Dass dies nur wenigen gelingt, es aber durchaus eine Wechselwirkung zwischen Machthaber und Beratern gibt, zeigt der Historienthriller „Der Magier im Kreml“ des französischen Regisseurs Olivier Assayas auf. Er schildert so ausführlich wie unterhaltsam, wie Wladimir Putin zum Herrscher im Kreml aufstieg.
Einer der Männer, die Putin auf den Thron hieven
Putin, der vormalige Chef des postsowjetischen Geheimdiensts FSB, kann zweierlei Funktionen seiner Vorgänger auf sich vereinen. Er regiert wie ein sowjetischer Autokrat, steht aber auch in der Tradition der allmächtigen Zaren. Als letzterer wird er gleich zu Anfang des Films vom Erzähler bezeichnet. Dabei spielt Putin (Jude Law) in dem Film nicht einmal die Hauptrolle, sondern sein enger Berater Wadim Baranow (Paul Dano), einer der Männer, die ihn auf den Thron der Macht gehievt haben. Um es gleich vorwegzunehmen: Wadim Baranow hat es nicht gegeben. Er ist eine fiktive Figur, der Protagonist von Giuliano da Empolis Roman „Der Magier im Kreml“, auf dem der Film basiert. Er stellt eine Synthese aus real existierenden Vorbildern dar, darunter Putins Chefberater Wladislaw Surkow. In Assayas’ Film fungiert er als Strippenzieher, als ein moderner Rasputin, dessen Werdegang der Film in Rückblenden schildert.
Der Ausgangspunkt ist ein Interview, das der amerikanische Journalist Rowland (Jeffrey Wright) mit Baranow in dessen luxuriöser, aber abgeschiedener und streng geheimer Residenz führt. Rowland ist fasziniert von dem cleveren Russen, der sich zudem als ein sehr belesener und gebildeter Zeitgenosse herausstellt. Rowland hat seine Hausaufgaben gemacht und stellt Fragen zu verschiedenen Stationen seines Lebens – sie werden anschließend bebildert. So erscheint Baranow zunächst als junger Wilder, der in der liberalen Zeit von Präsident Jelzin in den 1990er-Jahren an ein demokratisches Russland glaubt. Den Kulturbetrieb mischt er mit avantgardistischen und aufsehenerregenden Theaterinszenierungen auf, darunter mit einer Adaption von Jewgeni Samjatins utopischem Roman „Wir“.
Eine Zeit des Aufbruchs
Geschildert wird eine Zeit des Aufbruchs: Es herrschte Meinungsfreiheit, und die junge Generation war überzeugt, das Land aus dem Postkommunismus in eine demokratische Zukunft zu führen. Diskussionsrunden mit rauchenden, meinungsstarken jungen Menschen, deren Zusammentreffen in wilde Performances und Partys ausarten, bebildern im Film diese Epoche.
Dass sich das russische Riesenimperium in eine andere Richtung entwickelte, führt „Der Magier im Kreml“ nicht zuletzt auf den Einfluss der Oligarchen zurück. Mit ihren Vermögen konnten sie die Geschicke des Landes manipulieren, wie der ehemalige Mathematikprofessor und anschließende Öl-Milliardär Boris Beresowski (Will Keen). Er baut mit seinem Kapital ein Medienimperium auf, mit dem er die Politik maßgeblich mitgestaltet. Zunächst unterstützt er Jelzin, dann Putin. Durch Beresowski wird Baranow den künftigen Machthaber Putin kennenlernen, aber auch begreifen, dass unter Putin Oligarchen oft nützliche Idioten mit begrenztem Haltbarkeitsdatum sind.
Baranow wird sich schlauer verhalten als Beresowski. Letzterer fühlt sich noch Werten wie Demokratie und Meinungsfreiheit verbunden. Er scheut später den offenen Disput mit Putin nicht – und hat dabei das Nachsehen. Beresowski muss gehen, Baranow bleibt. Denn ein Motto hat der cleverere Berater verinnerlicht: Was in Russland zählt, ist die Nähe zur Macht. Daran hält sich Baranow, und so kann er im Windschatten Putins agieren.
Wie das Projekt einer Reality-Show
Anschaulich schildert der Film die Persönlichkeitswandlung Baranows und auch jene Putins. Baranow wirft recht mühelos seine Überzeugungen über Bord, ist ehrgeizig und „will mitgestalten“, wie er dem Journalisten Rowland sagt. Als Produzent von Reality-Shows entwickelt er ein Gespür für Stimmungen in der Bevölkerung und weiß sie auszunutzen. Die Beratung von Putin betrachtet er ebenfalls wie das Projekt einer Reality-Show. Nur sind diesmal die Konsequenzen für die Gesellschaft ungleich brisanter. Baranow sieht die politischen Früchte, die der bald autoritär herrschende Politiker Putin erntet, als seinen persönlichen Erfolg an. Alle, die Putins Vormachtstellung gefährden können, werden entmachtet, verhaftet, außer Landes getrieben oder „eliminiert“. Dabei erscheint der Herrscher im Kreml, den ein gut zurechtgemachter Jude Law wiedererkennbar, aber nicht als Karikatur spielt, als widersprüchliche Figur. Zum einen hat er Minderwertigkeitskomplexe, fühlt sich auf der internationalen Bühne nicht wertgeschätzt. Andererseits ist er ein skrupelloser Machtmensch ohne Gewissen.
Olivier Assayas inszeniert seinen filmischen Geschichtsunterricht, der aktueller denn je wirkt, mit Tempo und Bravour. Stationen wie der Untergang des russischen Atom-U-Boots „Kursk“ werden ebenso integriert wie die Orange Revolution in der Ukraine oder die digitale Manipulation von Wahlen im In- und Ausland, die Putins Position und Wirken stärkt. Der Film greift auch auf überzeugende Kulissen zurück. Gedreht wurde im lettischen Riga, das sich sowohl klimatisch als auch architektonisch als Szenerie eignet. Etliche Bauten aus der Sowjetzeit sind dort noch vorhanden und halten glaubhaft für den Hintergrund von Moskau oder Sankt Petersburg her. Diese Metropolen müssen mit Bildern aus dem Archiv beglaubigt werden – mit der einen oder anderen Panoramaeinstellung.
Reale neben fiktiven Charakteren
Alles wirkt sehr realistisch und nachvollziehbar. Akteure werden nicht verteufelt, ihre Motivationen und die Folgen ihres Handelns aber sehr deutlich herausgearbeitet. Bei so viel Sachverstand und geschichtlicher Analyse ist es allerdings bedauerlich, dass die Figur des Baranow nicht real ist. Das raubt dem Sujet des Films, wer für die Erhaltung von Putins Machtapparat verantwortlich ist, die Schärfe. Real existierende Figuren wie Beresowski agieren im Film neben fiktiven Charakteren wie Baranow oder einem jungen Oligarchen namens Dmitri (Tom Sturridge), der offenbar Michail Chodorkowski nachempfunden ist. Auch der private Strang von Baranows On-Off-Beziehung zu der so attraktiven wie opportunistischen Ksenia (Alicia Vikander) erscheint als eher schmückendes Beiwerk.
Dem Film als Ganzem schadet dies allerdings kaum. Die von Paul Dano mit Zurückhaltung und List gespielte Titelfigur steht schließlich für einen so universellen wie, auch in diesem Kontext, spezifisch russischen „Advokaten des Teufels“, der sich seiner Stellung nie ganz sicher sein kann.









