Filmplakat von Der Name der Rose

Der Name der Rose

126 min | Drama, Thriller, Mystery | FSK 16
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Anno Domini 1327: Der englische Franziskanermönch William von Baskerville reist mit seinem jungen Schüler Adson im Auftrag des Kaisers zu einer reichen Benediktinerabtei in Italien. Er soll in einem Treffen zwischen den der Ketzerei verdächtigten Minoriten und den Gesandten des Papstes vermitteln. Der Aufenthalt wird zu einem wahren Alptraum: Eine grauenvolle Mordserie unter den Mönchen erschüttert das Kloster und William macht sich mit detektivischem Spürsinn auf die Suche nach dem Täter. Nicht jeder ist mit seinen Nachforschungen einverstanden, denn als die päpstliche Abordnung eintrifft, wird William selbst der Ketzerei und des Mordes beschuldigt...

Filmkritik

Einer der Begründer der literarischen Moderne, der französische Autor Gustave Flaubert, schrieb mit siebzehn Jahren die Erzählung "Bibliomanie", in der ein junger Buchhändler und Antiquar in der Zeit der Renaissance sich die von ihm verkauften Erstausgaben und seltenen Exemplare durch Raub und Mord wiederbeschafft, weil er von diesen Schätzen nicht lassen will, und dadurch einen Brand auslöst, der die wertvollen Objekte seiner Begierde vernichtet. Flauberts Frühwerk ist in seiner Thematik, der Obsession, Wissen zu horten, zu bewahren und zu verstecken, ein Vorläufer von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" (1980), in dem der Starrsinn eines alten Mönchs und der Wissensdurst eines anderen ähnliche Resultate zeitigen. Sein im Spätmittelalter angesiedelter philosophischer Kriminalroman wurde zum Weltbestseller, weil er sich auf verschiedenen Ebenen ohne Widerspruch lesen läßt: als Exkursion in das Mittelalter und seine von widerstreitenden Kräften erfüllte Welt, als ideengeschichtliches Traktat, als philosophische und theologische Auseinandersetzung mit einer Epoche, die einige Bezüge zur Gegenwart aufweist, als semiotische Abhandlung, in der die Welt als ein System von Zeichen, Symbolen und Metaphern erklärt wird, deren Deduktion Aufschluß über die Natur des Menschen gibt, als gelehrter Kriminalroman, der in einer spannenden Spurensuche mysteriöse Morde in einer Abtei aufklärt, und als apokalyptische Vision einer Welt, deren Machtkämpfe sie an den Rand des Abgrunds treiben.

In der Geschichte des Franziskanermönchs William von Baskerville und seines Adlatus, des Novizen Adson von Melk, die im Jahre 1327 in einer an den Hängen des Apennin gelegenen Abtei das Treffen einer päpstlichen Gesandtschaft mit einer Delegation von Franziskanermönchen vorbereiten sollen, um den Streit um Armutsgelübde oder weltliche Machtansprüche der Kirche und deren Sammeln von Reichtümern zu diskutieren, und die dabei auf eine Serie von Morden stoßen, die das Kloster beunruhigt, verstört und in den Grundfesten erschüttert, ist jenes Motiv angelegt, das Roman wie filmische Adaption gleichermaßen bestimmen. Das Ringen von Intelligenz, Verstand und Vernunft um ein Labyrinth, das sich in einer in einem riesigen Turm gelagerten Bibliothek bildlich konkretisiert und in den weltanschaulichen Kämpfen der Kräfte von Kirche, Inquisition, Mönchsorden und Feudalismus seine historische Entsprechung findet. Daß sich der Grund für die Morde in der verschollen geglaubten zweiten Poetik des Aristoteles, die sich mit der Komödie und der befreienden Wirkung des Lachens befaßt, findet, ist eine Ironie, die sowohl auf der Ebene der Handlung als auch im Akt des Lesens das Vergnügen am "Namen der Rose" ausmacht, denn es setzt ähnliche Erkenntnisprozesse in Gang, wie sie William von Baskerville vorantreiben, der auf seiner Suche nach diesem Buch erleben muß, wie sein Streben nach Wahrheit eine Welt in Schutt und Asche legt.

Die Adaption von Jean-Jacques Annaud ("Am Anfang war das Feuer") ist bis auf den Schlußteil eine gelungene Verbildlichung von Ecos Roman, denn sie findet bei aller notwendigen Verkürzung, Veränderung und Variation eine Methode, das Mittelalter lebendig werden zu lassen: in den expressiven Gesichtern der Mönche, in der detailgenauen Rekonstruktion des Klosters und seiner Umwelt bis hin zu Tonkrügen und Phiolen finden sich auf Grund einer hervorragenden Lichtdramaturgie und Kameraführung visuelle Entsprechungen, die den Kampf von Irrationalität und Aufklärung, von Dämonenglaube und Machtstreben, von Bauernausbeutung und intellektueller Auseinandersetzung verständlich machen können. Vor allem das Labyrinth der Turmbibliothek (im Roman auf einer räumlichen Ebene gelagert) wird in den an den "Carceri" von Piranesi orientierten Treppen, Stiegen und Falltüren, den Wegen ins Nichts und grotesk verzerrenden Spiegeln zum Sinnbild dieser Welt, die auch ein Kerker des Geistes ist. Zwar schiebt sich die Kriminalhandlung derart in den Vordergrund, daß von Ecos theologischen, kunstgeschichtlichen, philosophischen und historischen Exkursen nur ein Minimum bleibt, aber zumindest versperrt der spannend inszenierte Film nicht vollständig den Zugang zu dieser Welt, Was bei allen Konzessionen an die Vereinfachungen ärgerlich stimmt, sind entscheidende Veränderungen im Schlußteil, die die Aussage des Romans, der als pessimistische Parabel über die Vergeblichkeit menschlichen Wahrheitsstrebens gelesen werden kann, in sein Gegenteil verkehren: Der Tod des Inquisitors, ein Bauernaufstand, die brennenden Scheiterhaufen und das Überleben der namenlosen, der Hexerei angeklagten jungen Bäuerin, die sich von Adson unter Tränen trennt, bringen den Film gefährlich nah an den Rand eines Melodrams und in die Nähe des Motivs der ausgleichenden Gerechtigkeit, was Eco keinesfalls angestrebt hatte. Seine überlegene Ironie findet sich noch am ehesten in Sean Connerys Darstellung des William wieder, der hier stellvertretend für ein ausgezeichnetes Ensemble genannt sei, in dem noch Ron Perlman als mittelalterlicher "Woyzeck" Salvatore und Helmut Qualtinger als vom Rebell zum genußsüchtigen Kellermeister gewandelter Remigio herausragen.

Erschienen auf filmdienst.deDer Name der RoseVon: Hans Gerhold (26.10.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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