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Filmkritik
Am Anfang und am Ende dieser zyklisch erzählten Geschichte toben die Wellen des Meeres – gleich den Rossen des Neptun auf jenem populär gewordenen Gemälde von Walter Crane – gefährlich gegen den Deich an der nordfriesischen Küste. Die wilde Natur bleibt so unberechenbar wie unbezähmbar, damals wie heute, wenn der Mensch sich ihr feindlich entgegenstellt und nicht mit ihr kooperiert. Das bleibt das Entscheidende, und daran werden sowohl voraufklärerisch-abergläubische als auch modern-rationalistische Konzepte zu ihrer Beschwichtigung zuschanden.
Damit sind auf exemplarische Weise bereits in der filmischen Exposition von „Der Schimmelreiter“ unter der Regie von Francis Meletzky die essenziellen Motive der Novelle von Theodor Storm aus dem Jahr 1888 aufgerufen; der thematische Bezugsrahmen Natur/Tier-Mensch/Technik ist für die zeitgenössische Adaption des altbekannten Stoffes geöffnet.
An und mit dem Meer
Es geht um das Leben der Menschen an der Küste und mit dem Meer. Es geht um das stets labile Verhältnis von (kultivierter) Landfläche und den Gezeiten bzw. Sturmfluten unterworfenen Marschgebieten, also um Fragen des Deichbaus und des Küstenschutzes. Und schließlich, bei Theodor Storm wie bei der Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer, um ganz banale ökonomische Fragen und politische Machtinteressen rund um Besitz und Einfluss.
Die dramaturgische Innovation besteht darin, solche bis dato eher lokale Themen vor dem Hintergrund globaler klimatischer Veränderungen zu verhandeln. Dazu werden häufiger Computeranimationen eingespielt, die die internationalen Daten akkumulieren und die Berechnungen der Küstenschutzbehörde visualisieren. An einigen Stellen erklingt ein Chor diverser, aber allesamt Status-quo-kritischer Stimmen aus dem Off, der die Dringlichkeit des Handelns in Klimafragen verdeutlichen soll.
Selfmademan Hauke Haien (Max Hubacher), soeben Deichgraf und in Personalunion Direktor des Küstenschutzes geworden, ist wie bei Storm ein visionärer, aber auch mutig-entschlossener Zeitgenosse. Im Grunde sympathisch, doch gesellschaftlich wenig geschmeidig, da er sich durch seine soziophoben Tendenzen mitunter selbst im Wege steht. Seine Frau Elke (Olga von Luckwald), Tochter des jüngst verstorbenen Deichgrafen und Erbin nicht unbeträchtlicher Ländereien, liebt und versteht Hauke, muss allerdings oft genug vermittelnd eingreifen, wenn ihr Mann öffentlich reden soll, und ihre Beziehungen im Hintergrund spielen lassen.
Auf dass die „Letzte Generation“ nicht recht behalte
Zudem leidet ihre Ehe unter dem Dauerstress seines Amtes sowie unter der immensen Verantwortung, die sie beide auf sich lasten fühlen: das Richtige zu entscheiden und zu tun, nicht selten gegen den heftigen Widerstand der Nächsten. Die ihnen Allernächste ist ihre autistische Tochter Wienke (als Kind gespielt von Elina Leitl, als Erwachsene von Imke Siebert), der Grund ihres Antriebs zu Veränderung und zur Rettung der Lebensgrundlagen aller – auf dass die „Letzte Generation“ nicht doch recht behalte. Aus Wienkes Innenperspektive ist auch die bei Storm vorhandene Rahmenhandlung wiedergegeben.
War Hauke Haien bei Theodor Storm in gründerzeitlicher Manier noch gleichsam ein Goethescher Faust 2.0, ein großer Einsamer, der in ewigem Kampf gegen die Kräfte der Natur dem Meer weiteres Land abtrotzen wollte, so begegnet er in dieser Version des „Schimmelreiters“ für das 21. Jahrhundert als ein anderer. In einer diametralen Umkehrung der damaligen technischen Unternehmung plant er nun, im Angesicht kontinuierlich steigender Meeresspiegel, die Rücksetzung der Deichlinie weiter ins Landesinnere. Sogar die Preisgabe der angestammten Ansitze der Bevölkerung von Carolinenkoog hat er im Sinn, sowie ihre Umsiedlung auf neue Behausungen in Pontonbauweise – auf dem Wasser: Leben nicht gegen, sondern mit und auf dem Meer!
Obwohl er sogar die Unterstützung der Landrätin Manners (Annette Frier) einwerben kann, lässt sich leicht ermessen, auf welche Widerstände Hauke vor Ort treffen muss. Die Dinge eskalieren auf einer Versammlung im Dorfkrug. Dort wird die Sachebene schnell verlassen, man argumentiert ad personam, und bald stehen Lügenvorwürfe und solche der Mauschelei zum eigenen Vorteil im Raum. An dieser Stelle gelingt es dem Film gut, die vielfältigen Stimmen des zeitgenössischen Diskurses, insbesondere zu Klimafragen, polyphon einzufangen und handlungsleitend zu integrieren.
Visionärer Idealismus vs. trockener Realitätssinn
Das Ganze ist und bleibt eine sehr deutsche Geschichte. In ihr trifft visionärer Idealismus auf knochentrockenen Realitätssinn, verkörpert vom aasigen Geschäftsmann Ole Petersen (Nico Holonics), und wird ultimativ zum Scheitern verurteilt. Ihr mangelt es nicht an Residuen des Irrationalen – was wäre gutes norddeutsches Seemannsgarn ohne ein wenig Spökenkiekerei? –, sodass auch der titelgebende Schimmel hier noch in Funktion tritt. Hauke tauscht sinnigerweise seinen Geländewagen gegen jenen Gaul, um nachhaltiger auf seiner Mission unterwegs zu sein. Und schließlich zeichnet insbesondere Hauke auch jener Michael-Kohlhaas-hafte Rigorismus der Allzu-Überzeugten aus („Die anderen müssen wir gegen ihren Willen retten“), ein Gestus von „Einer gegen den Rest der Welt“ – bei nahezu vollständiger Abwesenheit von Humor oder seelischen Zwischentönen. Allerdings ist die literarische Vorlage auch eine Novelle und kein psychologischer Entwicklungsroman.
Insgesamt meistert der Film den durchaus naheliegenden Epochenwechsel recht überzeugend. Die Darstellerinnen und Darsteller agieren rollendeckend und sozusagen regional glaubwürdig. Man vermisst wenig bis nichts im Vergleich mit vorangehenden Adaptionen der Erzählung. Dennoch bleibt ein leiser Zweifel, ob die Figur eines Scheiternden das richtige Beispiel im Kontext der hier verhandelten Menschheitsfragen ist – womöglich als Fanal und Mahnung für uns alle.








