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Der verlorene Mann

102 minDramaFSK 12
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Die Künstlerin Hanne (Dagmar Manzel) und der pensionierte Pfarrer Bernd (August Zirner) führen eine glückliche, nach Jahren etwas eingefahrene Ehe, als wie aus dem Nichts Hannes früherer Ehemann Kurt (Harald Krassnitzer) vor ihrer Tür steht. Durch seine Demenzerkrankung kann sich Kurt nicht mehr erinnern, dass er und Hanne bereits seit 20 Jahren geschieden sind. Als das Paar ihn vorübergehend bei sich aufnimmt, kehrt eine verloren geglaubte Leichtigkeit in ihre Ehe zurück. Doch je mehr Zeit vergeht, desto stärker gerät ihr gemeinsames Leben aus den Fugen.
DER VERLORENE MANN erzählt eine berührende Geschichte über Vergessen und Erinnern, über Liebe und Freundschaft, über das Älterwerden und Jungbleiben, über Abschied und den Mut, neu zu beginnen. Mit großer Sensibilität und einem feinen Gespür für die Zwischentöne zeigt er die tragischen genau wie die komischen Momente, die gerade das Alter mit sich bringt und die unser Leben zu dem machen, was es ist. Im Zentrum des Films stehen Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer und August Zirner, die zwischen Ernsthaftigkeit und leisem Humor als Hanne, Kurt und Bernd brillieren.

„Da müssen Sie beim Liebesbriefe schreiben vielleicht in Zukunft auf den Computer umsteigen“, sagt die Ärztin, als sie Hanne (Dagmar Manzel) die Hand aus dem Gips entfernt. Auch wenn der Bruch verheile, könne eine Nervenschädigung im fortgeschrittenen Alter zurückbleiben. Aber Liebesbriefe schreiben? Hanne ist über diese beiläufig-joviale Infantilisierung verärgert. Mit Mitte 60 gibt sie an einer Schule immer noch Kunstunterricht und arbeitet zu Hause an Tonskulpturen – warum sollte sie sich also wie eine wieder unwillkürlich zum Kind gewordene Rentnerin behandeln lassen, die man gängeln muss?

Gemeinsam mit ihrem Mann Bernd (August Zirner), einem pensionierten Pfarrer, bewohnt sie ein abgelegenes Landhaus nahe einem Dorf, unweit eines sich am Horizont abzeichnenden Gebirgskamms. Der Alltag des Paars ist zu Beginn des Debütfilms „Der verlorene Mann“ von Welf Reinhart von einer unscheinbaren Schlichtheit und jahrelang eingeschliffenen Routinen geprägt. Seitdem Bernd keine Gottesdienste mehr vorbereiten muss, verbringt er seine Freizeit bei den Proben der Kirchenmusiker. Nun sei er das Joch der Lohnarbeit endlich losgeworden, sagt er mild selbstironisch. Da es keine verbindlichen Arbeitszeiten mehr für ihn gebe, sei er von frühmorgens bis spätabends plötzlich einfach immer da, wenn etwas anstehe. Gleichwohl muss es wohl auch unerfreulichere Arten des Ruheständlerdaseins geben, als einfach das weiter zu betreiben, was man auch zuvor schon als Tätigkeit geliebt hat.

Ein Bändchen am Handgelenk gibt Auskunft

Eines Tages steht Hannes Ex-Mann Kurt (Harald Krassnitzer) vor der Tür des Hauses. Im Cordjackett und mit leger gebundenem Schal klingelt er und wundert sich darüber, dass er den Wohnungsschlüssel nicht mehr findet. Erstaunt vermutet Hanne, dass er angetrunken sei. Aber seine Bewegungen sind kontrolliert, seine Wortwahl präzise. In der Küche macht er sich eine Tasse Tee und setzt sich ans Klavier, um etwas vor sich hin zu spielen. Ein Bändchen am Handgelenk gibt Auskunft: Kurt ist demenzkrank und befindet sich seit Kurzem in Kurzzeitpflege. Obwohl die Scheidung der beiden gut 30 Jahre zurückliegt, sitzt er so wieder in Hannes Haus und denkt, dass er noch mit ihr verheiratet sei.

Das, was sich aus dieser Prämisse entwickelt, ist überraschend kein Krankheitsmelodram, sondern eine zärtliche Liebesgeschichte. Mehr als alles andere erzählt „Der verlorene Mann“ dabei von der Erinnerung: darüber, dass sie ein aus der Vergangenheit wieder heraufkommender Reflex sein kann, der eine Beziehung und die damit einst verknüpften Gefühle plötzlich neu greifbar macht. Aber auch darüber, dass sie mitunter an Wunden rührt, die durch das Vergehen der Zeit nicht verheilt sind.

Eine beiläufige Utopie

„Der Traum ist aus“, singt Rio Reiser in einem wehmütigen Song seiner Rockband „Ton Steine Scherben“, „aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird“. Mehrfach singen und hören Hanne, Bernd und Kurt im Verlauf des Films dieses Lied, das als Abgesang auf die Erwartungen der 68er-Generation auch auf ihre eigene, längst vergangene Jugend zurückverweist. In einem beschwingt-humanistischen Tonfall erträumt sich „Der verlorene Mann“ eine beiläufige, die Realität wenigstens kurzzeitig aufhebende Utopie, wie sie möglicherweise nur das Kino zu denken vermag. Anstatt Kurt wieder der Obhut einer Pflegeeinrichtung zu überantworten, beschließen Hanne und Bernd, mit ihm gemeinsam ein Leben zu dritt zu versuchen. Sollte jemand nachfragen, gäbe es ja, selbst im fortgeschrittenen Alter, dafür die Bezeichnung offene Beziehung.

So, als seien sie wieder jung, rennen die drei in einer Reminiszenz an eine ikonische Sequenz aus der Nouvelle-Vague-Träumerei „Die Außenseiterbande“ von Jean-Luc Godard Hand in Hand durch die Ausstellungsräume der Alten Pinakothek in München. Momente wie diese machen „Der verlorene Mann“ zu einem kleinen Wunder im aktuellen deutschsprachigen Kino, das sonst kaum je den leichten Ton wagt, wo das Thema scheinbar zu nüchterner Strenge mahnt. Mit seinem ersten Langfilm gelingt Welf Reinhart ein Debüt voller Leben und behutsamer Details, das vieles dem unaffektierten Spiel seines Ensembles verdankt, aber auch visuell eine eigene, so unaufdringliche wie feinfühlige Bildsprache findet.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDer verlorene MannVon: Kamil Moll (4.5.2026)
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