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Filmkritik
Einmal mehr, nach Leander Haußmanns „Das Pubertier“ (2017), kümmert sich das deutsche Kino um einen Roman von Jan Weiler, einmal mehr, nach „Eingeschlossene Gesellschaft“ (2022), schrieb Weiler auch am Drehbuch zu einem Sönke-Wortmann-Film mit. Man kann sich also darauf verlassen, dass es hier vielleicht ein wenig anspruchsvoll, vor allem sehr launig zugeht, mit Blick auf aktuelle Probleme im gesellschaftlichen Miteinander, die im Dienst der Karikatur ein wenig zugespitzt werden. Der vermeintliche Tippfehler im Filmtitel deutet es schon an: Es geht nicht nur um Eltern, sondern um alt gewordene Eltern, die ihre eigenen Sorgen haben. Die Kinder sind flügge, der Familienzusammenhalt bröckelt, die beruflichen Karrieren stagnieren. Kurzum: Alte Eltern müssen sich neuen Herausforderungen stellen.
Alles passt plötzlich nicht mehr
Hannes, von Sebastian Bezzel mit Eberhoferschem Phlegma gespielt, ist ein Schriftsteller, dessen erfolgreiche „Im Dunstkreis“-Bücher ihm ein Haus im Grünen und den Unterhalt einer vorgeblich harmonischen Familie ermöglicht haben. Doch mit seiner helikopterhaften Überfürsorglichkeit und seiner offensiv vorgetragenen Altersweisheit geht er seiner Tochter Carla (Kya-Celina Barucki) gewaltig auf die Nerven. Sein Sohn Nick (Philip Müller) neigt hingegen zur Gelassenheit und scheitert deshalb vielleicht am Abitur. Doch plötzlich zieht Carla aus. Und weil in ihrer neuen Wohnung noch ein Zimmer frei ist, nimmt sie – in einer unglaubwürdigen Volte – ihre Mutter Sara (Anna Schudt) gleich mit, um eine Frauen-Zweier-WG zu gründen. Jetzt ist das Haus leer, und Hannes hat viel Zeit. Zudem eröffnet ihm sein Lektor, dass seine Buchreihe eingestellt wird. Zu viele Wiederholungen, zu viele Versatzstücke, zu viel Aufgewärmtes – das könne so nicht weitergehen. Immerhin lernt er auf einem Empfang die schlagfertige Vanessa (Judith Bohle) kennen. Kann sie Hannes neuen Schwung verleihen?
„Sind Sie zum Schwimmen hier?“, fragt Hannes Vanessa, als er sie ein paar Tage später im Hallenbad wiedertrifft. „Nein, ich mache hier meine Steuererklärung“, schallt es ihm entgegen. Später wird sie ihm im Café erklären, warum ihr sein letztes Buch „Im Dunstkreis der Möwe“ so gut gefallen hat. Es habe sich prima zur Justierung eines wackligen Tisches geeignet. Ein wenig schnippisch und unhöflich wirkt dieser Humor, mit dem Vanessa ihn mit lockeren, mitunter sogar sehr witzigen Sprüchen auf Distanz hält. Der Film verhandelt so die Gegensätzlichkeit, vielleicht sogar Unvereinbarkeit von Mann und Frau. „Women versus Men“ sang David Byrne bereits 1989, um sich über lautstarke Streitigkeiten in der Öffentlichkeit zu wundern.
Wundern muss man sich auch hier. Die künstlich aufgerissene Kluft zwischen den Geschlechtern – hier Mutter, Tochter und neue Bekanntschaft, dort Vater und Sohn – wirkt in ihrer bemühten Aufgesetztheit doch sehr irritierend. So ganz wird auch nicht klar, warum sich Sara von Hannes so unerwartet trennt. Kein Streit, keine Lieblosigkeit, kein Eklat, auch keine Beschwerden über Alltagstrott oder Langeweile – der Auszug vollzieht sich viel zu salopp und en passant. Er ist keine dramatische, sorgfältig vorbereitete Wendung, sondern nur Behauptung.
Loslassen und neue Wege suchen
Am besten funktioniert der Film immer dann, wenn er sich auf den Rollenwandel der männlichen Hauptfigur konzentriert. Hannes ist nicht mehr der dringend gebrauchte Vater und auch nicht mehr der erfolgreiche Schriftsteller; die jüngere Konkurrenz steht mit frischen Ideen in den Startlöchern. Hannes muss loslassen lernen und auch beruflich neue Wege gehen. Denkfaulheit kann er sich nicht mehr leisten. Kurzum: Er muss sich neu erfinden, und das in einem Alter, in dem man sich auf Veränderungen nicht mehr so gerne einlässt. „Die Ältern“ ist vor allem die Geschichte einer Läuterung.
Ganz nebenbei ist „Die Ältern“ ein sehr schöner Hamburg-Film. Immer wieder fährt die Kamera durch die Innenstadt, am Hafen und der Alster vorbei, fängt die Geschäftigkeit und das Treiben ein und bietet so das Bild einer Stadt, in der es sich zu leben lohnt. Vor Problemen, und seien sie mitunter auch selbstgemachte, schützt das allerdings nicht.









