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Filmkritik
Fred hat eine Teenagerin geohrfeigt. Das sollte man generell nicht tun, aber als Lehrerin von Schutzbefohlenen schon gar nicht. Prompt wird Fred (Alexandra Lamy), die eigentlich Frédérique heißt und an einer Problemschule unterrichtet, suspendiert. Sie sieht ihren Fehler ein und steht doch vor einem Scherbenhaufen. Zu Hause geht nämlich auch alles den Bach runter. Die Tochter steht kurz davor, von Frankreich zum Studium ins ferne Kanada aufzubrechen und beschwert sich, dass Fred ihr nie zur Seite stehe. Von ihrem Mann, einem Arzt, trennt Fred sich gerade; er hat bereits eine Neue. Um ihr Leben wieder mit etwas Sinnvollem zu füllen, lässt sie sich schließlich von ihrer Freundin Nadège (Mélanie Doutey) zu einem gewagten Projekt überreden. Letztere arbeitet in einem Resozialisierungsprogramm für Jugendliche, die sich mit einer erwachsenen Begleitperson auf eine sogenannte Übergangswanderung begeben.
Auf dem Jakobsweg mit einem schwierigen Teenager
Dabei sollen sie Disziplin erlernen, die Natur entdecken und sich abseits ihres Umfelds aus Kleinkriminalität oder zerbrochenen Familien neue Ziele stecken. Fred bekommt den 17-jährigen Adam (Julien Le Berre) zugeteilt, mit dem sie auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgern soll. Er ist ein schwieriger Teenager, rebelliert ständig und bekommt Wutausbrüche. Bei der Jugendrichterin geht er praktisch ein und aus. Der Grund dahinter: Adam wurde als kleines Kind von seiner Mutter verlassen und in Pflegefamilien und Heime gesteckt. Nur bei den Terminen vor Gericht kann er seine Mutter wiedersehen, weshalb er absichtlich strafbare Taten begeht. Nun muss Fred sich um ihn kümmern und befürchtet zunächst, sich mit ihrem Schützling übernommen zu haben. Adam rastet wegen scheinbaren Kleinigkeiten aus, ist streitsüchtig, ausfällig, will Freds Autorität nicht anerkennen und hält sich an keine Absprache.
Hinter der Fassade des raubeinigen jungen Machos versteckt sich allerdings eine verletzte und kreative Seele. Adam fehlen aufgrund seiner familiären Situation – den Vater hat er nie kennengelernt – einfach die Vorbilder. Außerdem hat er ständig Angst vor Ablehnung und so gut wie kein Selbstbewusstsein. Dabei stellt Fred, gewohnt überzeugend gespielt von Alexandra Lamy, auf der Wanderung fest, dass Adam einiges beherrscht: zum Beispiel das Kochen und das Rappen …
Buddy-Movie, Wanderfilm und Selbstfindungstrip
Regisseur Yann Samuell inszeniert „Die Camino-Therapie“ als Buddy-Movie, Wanderfilm und Selbstfindungstrip zugleich. Zwei sehr unterschiedliche Personen müssen sich zusammenraufen, ehrlich zueinander sein, Fehler eingestehen und dabei auch noch physisch einiges aushalten. Denn trotz der wunderschönen Landschaften, die Kameramann Vincent Gallot mitunter in Panoramaansichten einfängt, machen Wanderwege, Natur und Wetter den beiden zu schaffen. Bissige Schäferhunde, plötzliche Regenfälle, unebenes Terrain, unbequeme Unterkünfte und anfangs natürlich Blasen an den Füßen erschweren den Pilgerweg.
Dieser ist für beide nicht besonders religiös aufgeladen. Fred ist Atheistin und Adam interessiert sich für die Statuen der Madonna mit Kind vor allem aufgrund seiner persönlichen Situation: Es ist ein Sehnsuchtsbild einer fürsorglichen Mutter, die dem Sohn Wärme und Schutz spendet. Dennoch finden die beiden Verständnis bei religiösen Menschen – Wanderern oder Mönchen – und nehmen ihre Ratschläge mal mehr, mal weniger an.
Es ist ein in jeder Hinsicht steiniger Weg, den das ungleiche Duo gehen muss. Anstatt an einem Strang zu ziehen, verschwenden die beiden anfänglich wertvolle Kraft durch ständige Streitereien. Natürlich sind das auch Machtkämpfe, ein gegenseitiges Vortasten an die andere Person, um deren Stärken und Schwächen zu analysieren. Wie das Genre es will, kommen die beiden sich näher und werden sich allmählich sympathischer. Dabei bedient das Drama mit den gelegentlichen humoristischen Untertönen eindeutig die Regeln seiner Gattung, verfällt aber nicht in zu viele Klischees.
Wie der erste Mensch
Das Gesetz des Wanderns bringt es mit sich, dass immer neue Gefährten auftauchen – flüchtige und solche wie die junge, mit Prothese wandernde Estella (Maëlle Vidou), die Adam längerfristig prägen. Der junge Mann mit dem geringen Selbstwertgefühl, den Newcomer Julien Le Berre mit viel Verletzlichkeit spielt, trägt seinen Namen im Film nicht umsonst. Er muss wie der biblische erste Mensch erst noch geformt werden: aus einer zunächst unförmigen Masse, aus der nach und nach feinere Züge und Charaktereigenschaften hervortreten.
Es versteht sich allerdings von selbst, dass auch Fred von ihrem jungen Wandergenossen lernt. Sie muss sich aufgrund seiner Gemütsschwankungen und Alleingänge in Verständnis und Geduld üben, erlernt durch ihn aber auch wieder eine gewisse Demut und überdenkt das Verhältnis zu ihrer eigenen Tochter. Denn, wie sollte es auch anders sein: Der Weg ist das Ziel sowie die Straße zur Selbsterkenntnis.
Im Großen und Ganzen schildert der Film die Erkenntnisprozesse von Fred und Adam aber recht charmant und profitiert von den immer wieder changierenden natürlichen Kulissen, die an authentischen Orten in Südfrankreich, den Pyrenäen und Nordspanien gedreht wurden und echte Schauwerte bieten. Dass das Drehbuch dabei auf Erlebnissen von echten Jugendlichen aufbaut, die Übergangswanderungen in Frankreich absolviert haben (60 Prozent konnten danach erfolgreich in die Gesellschaft integriert werden), macht den unterhaltsamen Film umso glaubwürdiger.










