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Filmkritik
Während einer Reise durch die Sahara wird der zweijährige Hadara durch einen Sandsturm von seiner Mutter getrennt. Eigentlich wäre das Kind in dieser menschenfeindlichen Umgebung dem Tode geweiht, wenn es nicht auf eine Straußenherde treffen würde, die es zögerlich aufnimmt. Hadara passt sich schnell an das neue Leben an, findet eine seltene Wasserquelle und kuschelt sich manchmal ins Federkleid der Tiere, wird aber auch damit konfrontiert, dass er als Mensch ein Außenseiter bleibt. Die Würmer, die die Vögel verspeisen, schmecken ihm nicht so recht; seine neue Familie verlegt ihm deshalb mit einem kräftigen Fußstampfer einen nahrhaften Skorpion. Als der Junge älter und selbstbewusster wird, revanchiert er sich und beschützt die frisch gelegten Straußeneier vor gierigen Raubtieren.
Ein Hauch vom „Dschungelbuch“ und der Exotik aus „1001 Nacht“ weht durch den Abenteuerfilm „Die Legende des Wüstenkindes“ von Gilles de Maistre. Vor archaischer, atemberaubender Kulisse lebt Hadara im Einklang mit der Natur und findet in einem niedlichen Wüstenfuchs schließlich seinen besten Freund. Dass der Junge anders als seine tierischen Gefährten ist, beschäftigt ihn zwar, doch den Menschen, den er heimlich aus der Ferne beobachtet, fühlt er sich auch nicht näher als den Tieren. Auffällig ist, dass de Maistre die Ereignisse fast dokumentarisch filmt und die Tiere kaum vermenschlicht. Allerdings gibt es eine euphorische Erzählerinnenstimme aus dem Off, die das Geschehen mit blumigen Worten beschreibt.
Eine andere Version der Geschichte
Doch plötzlich befindet man sich im Frankreich der Gegenwart. Die 14-jährige Sun (Neige de Maistre), deren Stimme man bereits kennt, hat mit ihrem ersten Buch einen Bestseller geschrieben. Es erzählt Hadaras Geschichte, die, so meint das Mädchen zumindest, von ihrem Großvater erfunden wurde. Als sie von der gleichaltrigen Kharoube (Moun Ghazali) in die Sahara eingeladen wird, erfährt sie jedoch, dass der Straußenjunge tatsächlich existierte und sich die Wüstenbewohner ihre eigene Version der Geschichte erzählen.
„Die Legende des Wüstenkindes“ widmet sich weniger der märchenhaften Erzählung von Hadara als dem Geschichtenerzählen selbst. Während Sun sich von der Entrücktheit der vermeintlichen Fiktion verzaubern lässt und damit einen finanziellen Erfolg landet, ist Hadaras Biografie für seine Verwandtschaft identitätsstiftend. Mit weit aufgerissenen Armen geben sich die Kinder in der Abendsonne ihrem Vogeltanz hin, der dem Straußenjungen gewidmet ist.
Die Bilder von Kameramann Vincent van Gelder leben von der endlosen, unter wechselnden Lichtbedingungen immer wieder neu funkelnden Wüstenlandschaft, die nur gelegentlich gefährlich wirkt; meist erscheint sie eher wie ein großer Abenteuerspielplatz, auf dem sich Hadara mit seinen tierischen Freunden austoben kann. Die wortlosen Begegnungen zwischen den drei jungen Darstellern, die Hadara in verschiedenen Phasen der Kindheit verkörpern, und den Tieren entwickeln eine eigene Faszination, die keine Worte benötigt.
Die Perspektiven verschieben sich
Gleichzeitig hält „Die Legende des Wüstenkindes“ durch die Rahmenhandlung aber ein wenig auf Distanz zu Hadaras Geschichte. Die Absicht des Films ist klar: Der koloniale Blick, der solche exotischen Fiktionen über Jahrhunderte geprägt hat, soll entlarvt werden. Die Perspektive wird umgedreht und den Einheimischen das Wort erteilt, doch in der Erzählung macht sich dieser Wechsel nur bedingt bemerkbar. Zwar verschiebt sich in Kharoubes Schilderungen der Schwerpunkt ein wenig auf das harte Überleben in der Sahara, aber in einem neuen Licht erscheint die Geschichte dadurch nicht.
Um eine die Wirklichkeit verzerrende Außenperspektive geht es dann aber, als in Kharoubes Erzählung ein Filmteam in der Sahara seine Zelte aufschlägt. Der Komiker Kev Adams spielt mit weit aufgerissenen Augen und übertriebener Gestik den Regisseur Christian, der mit Hadaras Schicksal berühmt werden will und ihm wie einem wilden Tier auflauert. Sein Verhalten ist bewusst trampelig; das macht sofort klar, dass er sich – im Gegensatz zu seinem weise schweigenden Führer (Youssef Tounzi) – auf dem Holzweg befindet. Statt Hadara zu akzeptieren, wie er ist, möchte Christian nur seine Vorurteile bestätigen.
Die Erzählung besticht durch ihre Einfachheit
In seinem Versuch, den westlichen Blick für eigene Projektionen zu sensibilisieren, wirkt „Die Legende des Wüstenkindes“ manchmal so bemüht, dass er dabei die Kraft von Hadaras Geschichte vernachlässigt. Zumal das Bild der naturverbundenen Einheimischen, das der Film als authentisches Korrektiv benutzt, letztlich auch nur ein koloniales Klischee ist. Was bleibt, sind ein schön fotografierter Naturfilm und eine Erzählung über Identität und Zugehörigkeit, die durch ihre Einfachheit besticht, dabei aber gelegentlich von den guten Absichten der Macher erdrückt wird.










