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DIE SCHWEITZERMACHER

104 minKomödieFSK 12
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„Die Schweizermacher“ nimmt die schweizerische Einbürgerungspraxis aufs Korn. Ausländer müssen beweisen, dass sie „schweizerischer“ als Schweizer sind; Einbürgerungsbeamte zeigen sich als gnadenlose Bürokraten.

Komödien gelten nicht eben als die besondere Stärke des schweizerischen Films und sind unter den Produktionen der letzten Jahre dementsprechend selten geblieben. Auch Rolf Lyssy ist mit einem Werk von düsterem Ernst bekanntgeworden, der Rekonstruktion der Ermordung des NS-Gauleiters Gustloff in Davos im Jahre 1936 ("Konfrontation", 1974 (fd 19946)). Zuvor allerdings, in einer Zeit, da es den Jungen" Schweizerfilm als Begriff noch nicht gab, hatte er mit einem Erstling eine realitätsnahe Erneuerung des Dialektlustspiels versucht. "Eugen heißt wohlgeboren" (1968) handelte von einem etwas linkischen jungen Mann, der sich mit Hilfe des Computers auf Brautsuche macht. Jene Inszenierung wies zwar originelle Züge auf, war aber selbst von Unbeholfenheiten nicht frei. Seitdem hat sich Lyssy Erfahrung zugelegt, so daß sein neuer Film erheblich professioneller wirkt, was freilich auch bedeutet, daß er die Suche nach eigenständiger Komik hintanstellt.

Das Thema hat in der Schweiz seit längerem Aktualität, vor allem seit die "Überfremdung" durch zugewanderte Arbeitnehmer zum politischen Problem geworden ist (das allerdings inzwischen an Virulenz wieder verloren hat). Das besondere Wertgefühl, das Schweizer mit ihrer nationalen Zugehörigkeit verbinden, nahm und nimmt oftmals Züge einer selbstgerechten und fremdenfeindlichen Überheblichkeit an, die die eigene Herkunft unbesehen als einzigartig und gleichsam als persönliches Verdienst versteht. In besonders grotesker Form tritt solche Mentalität in Erscheinung, wo sie sich mit bürokratischer Engstirnigkeit verbindet: im gesetzlich geregelten Verfahren, in dem die Aufnahme von Ausländern ins schweizerische Bürgerrecht vorbereitet wird. Darauf nimmt der Titel "Die Schweizermacher" Bezug, denn der Film dreht sich um zwei Polizeibeamte, die mit Untersuchungen über die Eignung von Bürgerrechts-Kandidaten befaßt sind. Ihre Tätigkeit bedeutet ein Stück weit Ausübung von Macht, die Max Bodmer, der ältere der beiden, nicht ungern vorzeigt. Das Bewußtsein dieser Macht läßt ihn auch ohne jede Selbstkritik seine Vorstellungen von den Eigenschaften eines guten Schweizers an seine "Opfer" herantragen, zu denen eine Italienerfamilie, ein deutsches Psychiater-Ehepaar und eine jugoslawische Balletteuse gehören. Anpassung an einheimische Normalität, Strebsamkeit, bürgerlicher Lebenswandel und ebensolche politische Einstellung erwartet Bodmer von den Kandidaten. Daß ihm da der Arzt aus dem Norden besser gefällt als die junge Künstlerin vom Balkan, liegt auf der Hand. Sein jüngerer Gehilfe Fischer, der noch neu im Amt ist, sieht die Dinge etwas weniger durch die Amtsbrille. An der Jugoslawin fasziniert ihn gerade das suspekte Andersartige. Ihretwegen hängt er schließlich seinen Job an den Nagel - und Bodmer zuleide, dessen Weltbild durch diesen Vorfall einen erheblichen Stoß erleidet.

An Gelegenheiten zu komischen Eskapaden fehlt es in diesem Stoff nicht, und Lyssy läßt kaum eine davon aus. Dabei ist ihm hoch anzurechnen, daß er sich nicht etwa auf den populären Komiker "Emil" verläßt, sondern den Darsteller Steinberger durchaus vom Kabarettisten unterscheidet. Es gelingt ihm auch, seinen Landsleuten einen Spiegel vorzuhalten, in dem ihre Schwächen deutlich genug, wenngleich durch freundlichen Spott gemildert, erscheinen. Vorzuwerfen ist Lyssy bloß, daß er nicht konsequent genug verfährt: in der Entwicklung der Pointen und in der Konzeption seiner Kritik. Allzuoft münden Szenen in unverbindliche Situationskomik, baut die Auseinandersetzung mit Vorurteilen selber wieder auf Vorurteile auf (auffälliges Beispiel hierfür ist das Arztehepaar). Der Versuchung zum Klischee widersteht Lyssy nicht genug, sie droht seine Kritik zu entschärfen, indem sie den Realitätsbezug des Films schwächt. Immerhin leisten die beiden Hauptdarsteller Beachtliches, um durch Differenzierung und Zwischentöne bloß oberflächlicher Lächerlichkeit zu entgehen. So mag der Film zwar seinen Erfolg eher der handfesten Lustigkeit mancher Situationen verdanken, dabei aber doch auch ironisch vermittelte Einsichten mittransportieren,die ihre Adressaten ebenfalls erreichen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDIE SCHWEITZERMACHERVon: Edgar Wettstein (23.2.2026)
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