Vorstellungen
Filmkritik
Gründe, in diesen Zeiten erschöpft zu sein, gibt es viele. Einer von ihnen: seine Kinder ohne die Unterstützung eines Partners oder einer Partnerin großziehen zu müssen – in einer Gesellschaft, die das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie hochhält und alternative Familienmodelle nicht gerade fördert. Filmemacherin Anna Hepp, die selbst Erfahrungen als Alleinerziehende gemacht hat, versucht mit ihrem zwischen Dokumentar-, Essay- und Experimentalfilm irrlichternden Werk „Die Solisten“ nach eigener Aussage, überkommenen Stereotypen über alleinerziehende Männer und Frauen etwas entgegenzusetzen und für mehr Wertschätzung zu plädieren.
Kunst mit gesellschaftspolitischen Anliegen aufzuladen, muss bekanntlich nicht zwingend auf Kosten der künstlerischen Ausdruckskraft gehen. Wenn aber die gute Absicht von Anfang an feststeht und alle inhaltlichen Ambivalenzen aufs kunsthandwerkliche Dekor ausgelagert werden, gehen Argumente im Raunen unter, gerät die Balance zwischen Agitation und Ästhetik ins Ungleichgewicht. Im ungünstigsten Fall untergräbt das auf tragische Weise sogar die gute Absicht, beim Publikum Verständnis für jene zu erzeugen, die von der Gesellschaft oft übersehen oder bewusst oder unbewusst diskriminiert werden. Genau das aber passiert hier.
Leidvoll und kräftezehrend
Acht Frauen und zwei Männer, allesamt alleinerziehend, exponieren sich mit ihren realen Geschichten in den „Abenteuerhallen Kalk“ in Köln, wo einst die Dynamit Nobel AG und die Vereinigten Kölner Gummiwarenfabriken ihre Produktionsstätten hatten – was der Film nicht erwähnt; es geht nur um die suggestive Atmosphäre einer verfallenen Kulisse. Die erste Dreiviertelstunde bestreitet der Film ausschließlich mit Berichten über tiefe Verletzungen, Einsamkeit und Erschöpfung bis hin zu psychischen Erkrankungen im Zuge der Erfahrung, alleinerziehend zu sein. Diese wird also fast ausschließlich als leidvoll und kräftezehrend narrativisiert und dazu noch ironiefrei in ein postapokalyptisches Setting verfrachtet.
Die Protagonistinnen und Protagonisten sprechen als Einzelne in die Kamera oder im Voice-Over. In der zweiten Hälfte vertrauen sie mehr und mehr, wie in einer Selbsthilfegruppe, einander ihre Schicksale und Gefühle an, wobei die Anwesenheit der Kamera als Befangenheit auslösende Instanz stets spürbar bleibt, etwa wenn sich die Erzählenden „spontan“ in die Arme nehmen. Oder wenn sie beginnen, grundlos an herumliegenden Seilen zu ziehen, Betonwände und Metallstreben zu erklimmen oder mit einem großen Besen den Boden aufzukehren. Spätestens in der Mitte des Films haben sich solche metaphorischen und symbolischen Aufdringlichkeiten totgelaufen.
Aus dem Off singt der „Volksmund“
Die meisten Frauen unter den Befragten betonen, sich bewusst dafür entschieden zu haben, das Kind alleine großzuziehen, etwa weil die Partnerschaft von psychischer oder physischer Gewalt geprägt war. Oder weil der Partner – es geht um ausschließlich heterosexuelle Paare – anwesend abwesend war. Doch was folgte, war die Erfahrung, von der Gesellschaft als unfähige, bemitleidenswerte Mutter wahrgenommen zu werden. „Die Kinder tun mir leid“, „selber schuld“, „männerhassende Emanze“, „Scheißsozialschmarotzer“, so singt es aus dem Off der „Volksmund“, hochkulturell ausgestaltet vom Bassbariton Thilo Dahlmann. Eine hübsche Idee. Mehr aber auch nicht.
Aus der Fülle der sich inhaltlich oft wiederholenden, manchmal interessant einander widersprechenden Aussagen eine Dramaturgie zu generieren, schafft Hepp nicht. Das liegt schon daran, dass Gespräche von der Regie nicht gewollt sind, oder wenn, dann nur als Verständnis-Show inszeniert werden. Wenn etwa einer der beiden porträtierten Väter wiederholt behauptet, Männer hätten „natürlich“ immer schlechte Karten, wenn es ums Sorgerecht gehe, bleibt das unwidersprochen und wird nicht eingeordnet. Dass er als alleinerziehender Vater, wie er sagt, wiederum nie negative Reaktionen erlebe, sondern andere es „bemerkenswert“ fänden, wird nicht mit Aussagen jener Frauen konfrontiert, die das Gegenteil erleben. Der Film wirkt auf dem Gender-Auge blind.
Ausdruckstänze statt Recherche
Viele wichtige Dinge werden sehr spät erst angesprochen und wieder fallengelassen, etwa das Stichwort Istanbul-Konvention oder der Umstand, dass die soziale Unterstützung für Witwer mit Kind offenbar üppiger ausfalle als die für Witwen mit Kind. Ist das wirklich so? Welche Regelungen gibt es da denn genau? Statt sich mit journalistischer Sorgfalt aufzuhalten, orchestriert Anna Hepp lieber Ausdruckstänze, choreografiert von Ivana Kisic. Dass ihr das eigene vorgefasste Urteil wichtiger ist als die Recherche oder die Erforschung zwischenmenschlicher Dynamiken, zeigt auch der Umstand, dass erst gegen Ende verklemmt-beiläufig verraten wird: Unter den Porträtierten haben sich zwei (neue) Paare gefunden. Dramaturgisch holt Hepp auch daraus nicht mehr heraus als ein sympathisches „P.S.“. Was damit gewonnen ist? Ebenso wenig wie mit dem Regieeinfall, mittels entsättigtem Filmbild und Body-Cam Horror-Assoziationen zu wecken: Effekt statt Einsicht.








