



- Veröffentlichung22.01.2026
- RegieKaouther Ben Hania
- ProduktionZypern (2025)
- Cast
- IMDb Rating8.6/10 (4391) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Die Räumlichkeiten der Hilfsorganisation Palästinensischer Roter Halbmond wirken wie eine hermetisch von der Wirklichkeit abgeschirmte Parallelwelt. Immerhin suggerieren die Glasscheiben zwischen den einzelnen Büros Transparenz, doch ihre Spiegelungen sorgen letztlich dafür, dass jeder Mitarbeiter sinnbildlich auf sich selbst zurückgeworfen wird. Die Zentrale der Organisation sitzt in der Stadt Ramallah im Westjordanland. Von hier aus werden Notfalleinsätze und Krankentransporte im knapp hundert Kilometer entfernten Gazastreifen koordiniert, der nach dem Massaker der Hamas von israelischen Militärangriffen erschüttert wird.
Die Situation der Helfer verdichtet sich zum Ausnahmezustand, als per Telefon ein Kontakt zur fünfjährigen Hind Rajab hergestellt wird. Als einzige Überlebende kauert sie zwischen ihren bereits toten Verwandten in einem liegengebliebenen Autowrack. Bevor auch sie noch von den Kugeln der israelischen Armee erschossen wird, setzen die Mitarbeiter alles daran, rechtzeitig eine Rettung zu organisieren, während sie das verstörte Mädchen am Telefon zu beruhigen versuchen.
Ein kammerspielartiges Setting
Für ihr auf wahren Begebenheiten basierendes Drama „Die Stimme von Hind Rajab“ mischt die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania dokumentarische und fiktive Elemente. Während die Tonbandaufnahmen des Mädchens echt sind, rekonstruieren Schauspieler das Geschehen in der Telefonzentrale. Die beiden Ebenen bleiben sich dabei allerdings fremd. Zwar wird unter anderem mit einer zittrigen Handkamera versucht, Authentizität zu vermitteln, doch das kammerspielartige Setting wirkt so künstlich wie das Filmset, das es ist.
Um das Geschehen zusätzlich zu dramatisieren, setzt die Inszenierung vor allem auf zwei Strategien: Einerseits spitzt sie das Geschehen als Wettlauf gegen die Zeit zu, setzt andererseits aber auch auf Konflikte zwischen den Mitarbeitern.
Streit gibt es vor allem zwischen dem Telefonisten Omar (Motaz Malhees) und seinem Vorgesetzten Mahdi (Amer Hlehel). Unrechtsbewusstsein und aufbrausende Gefühle prallen dabei auf Vorsicht und Bürokratie. Während die Überlebenschancen des Mädchens zunehmend schwinden, wird der dringend nötige Krankenwagen aus Sicherheitsgründen zurückgehalten.
Bereits in ihrem vorherigen Film „Olfas Töchter“ (2023) kombinierte Ben Hania Wahrheit und Fiktion. Auch in dem Film über eine Matriarchin und ihre verschwundenen Töchter kamen Schauspielerinnen immer dann zum Einsatz, wenn die Geschichte mit dokumentarischen Mitteln ins Stocken geriet. Auf den ersten Blick versucht „Die Stimme von Hind Rajab“ etwas ähnliches. Doch die unterschiedlichen Ebenen bereichern sich hier nicht, sondern stehen sich im Weg. Der Film ist ganz um die authentische Tonaufnahme von Hind Rajab konstruiert und löst sich auch nur vereinzelt und sehr zögerlich davon. Dadurch gelingt es aber weder, die nötige Spannung für die geplante Rettung des Mädchens aufzubauen, noch können die Figuren ein Eigenleben entwickeln, das sie zu mehr als reinen Stichwortgebern machen würde. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil der Film im Abspann anzeigt, dass er auch als Würdigung der Menschen in der Telefonzentrale gedacht ist.
Ein merkwürdiger Verfremdungseffekt
Ben Hania setzt stattdessen auf maximale emotionale Mobilisierung. Die Trauer und Wut, die die Aufnahmen hervorrufen, sollen durch die Schauspieler noch verstärkt werden. Das Resultat ist jedoch ein merkwürdiger Verfremdungseffekt. Das mitunter sehr dick aufgetragene Schauspiel wirkt im Dialog mit einem leibhaftig um Hilfe flehenden Mädchen unpassend, wenn nicht gar geschmacklos. Wie das reale Leid hier zur Grundlage reißerischer Effekte wird, lässt teilweise an fragwürdige True-Crime-Formate denken.
Ben Hania findet keinen überzeugenden Weg, Spiel- und Dokumentarfilm sinnvoll zusammenzuführen. In den tragischsten Momenten des Films drängt sie plötzlich eine formelle Meta-Spielerei in den Vordergrund. Während die Schauspieler langsam realisieren, dass Hind Rajab nicht überlebt hat, schiebt sich ein Smartphone ins Bild, auf dem die dokumentarische Ausgangsszene eben jenes Moments zu sehen ist. Am Schluss wiederum reiht „Die Stimme von Hind Rajab“ dokumentarisches Material aneinander, auf dem das lachende Mädchen zu sehen ist, oder seine Mutter vor dem zerschossenen Autowrack. Auch dieses Requiem wirkt seltsam losgelöst vom restlichen Film. Es mag der Wille gewesen sein, möglichst schnell auf dieses Ereignis aus dem Januar 2024 zu reagieren, der „Die Stimme von Hind Rajab“ in ein Dilemma gestürzt hat. Der Film möchte der Empörung Ausdruck verleihen, nimmt sich aber nicht die Zeit, dafür eine angemessene filmische Form zu finden.
