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Die Treibende Kraft

78 minDokumentarfilm
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Angelika Nain ist eine von mehr als 50 000 Bildenden Künstlerinnen und Künstlern in Deutschland. Seit fast 30 Jahren versucht sie, vom Kunstschaffen zu leben. Ihre Werke – Malerei, Objekte, Druckgrafik – spiegeln eigene Lebenserfahrungen: Die langjährige Arbeit mit Geflüchteten, die Beschäftigung mit Kolonialismus und Postkolonialismus, die Erlebnisse als Teil der Crew auf einem Seenotrettungsschiff zwischen Libyen und Italien. Aber auch der eigene Garten als Ort der Reflexion über das Werden und Vergehen in der Natur. Die Einkommenssituation war immer prekär und geprägt durch Nebentätigkeiten. Angelika Nain steht damit exemplarisch für die Mehrzahl der Bildenden Künstlerinnen und Künstler in Deutschland. Trotzdem gibt es diese Treibende Kraft, die sie nie aufgeben lässt.
  • Veröffentlichung28.08.2025
  • Klaus Peter Karger
  • Deutschland (2025)

Über eine knarzige Holztreppe betritt Angelika Nain ihr Atelier, hantiert mit Farbe, Farnen, die sie im hauseigenen Garten gepflückt hat, Hartschaumplatten und einer Druckwalze. Für eine Ausstellung ist sie mit der Gestaltung einer bühnenhaften Holzkiste beschäftigt, in mehreren Schichten druckt sie Pflanzen auf Seidenpapier. Wie die fertige Arbeit genau aussehen soll, ist offen, mehr als einmal spricht sie vom „prozesshaften Arbeiten“. Eine Herangehensweise, die auch der Filmemacher Klaus Peter Karger für sich in Anspruch nimmt.

Maximal entfernt vom globalen Kunstbetrieb

Die Künstlerin Angelika Nain, geboren 1956 in Trossingen, ausgebildet an der Freien Hochschule für Grafik-Design und Bildende Kunst Freiburg, ist von dem Zusammenhang, der sich „globaler Kunstbetrieb“ nennt, maximal weit entfernt. Sie stellt regional aus, in Städten wie Trossingen, Bahlingen, Haslach und Ortenau, die Ausstellungsorte sind kleine Kunstvereine und Städtische Galerien, gelegentlich auch Stadtbüchereien, Kliniken und Seniorenheime. Ihre Verkäufe sind überschaubar, die Preise für ihre Werke bewegen sich im unteren Bereich. Strukturen also, die einer bestimmten Form des Filmemachens entsprechen – in Eigenproduktion, abseits von Filmförderung und Senderbeteiligung.

Im Intro zu „Die treibende Kraft“ weist der – gleichfalls regional arbeitende – Villinger Dokumentarfilmemacher Klaus Peter Karger auf die Analogie hin: „Nach den Gesetzen des Marktes sollte ich diesen Film nicht machen.“ Wie Nain arbeitet er „im Kleinen“, neben Idee und Regie zeichnet er für Kamera, Ton und Montage verantwortlich, auch die Kinoauswertung betreut er selbst.

Künstler:innen außerhalb von Markt und institutioneller Anerkennung

Kargers Produktionsweise, in Verbindung mit der Dokumentation von Künstler:innen außerhalb von Markt und institutioneller Anerkennung, lässt unmittelbar an die Porträts der Filmemacherin Sabine Herpich denken. Wobei Filme wie „David“ (2016) und „Ein Bild von Aleksander Gudalo“ (2018) ihren Blick konsequent auf den Entstehungsprozess der künstlerischen Arbeit richten. „Die treibende Kraft“ folgt dagegen einer klassischen Form aus beobachtenden Szenen und Interviews, hinzu kommen ein präsentes Voice-over und Musikuntermalung.

Über neun Monate hat Karger die Künstlerin Angelika Nain mit der Kamera begleitet. Er sieht ihr beim Arbeiten über die Schulter, folgt ihr zu einer Buchvorstellung und lässt sie über ihren Werdegang, ihr Selbstverständnis als Künstlerin und politischer Mensch erzählen. Nain ist schon seit dreißig Jahren in der Geflüchtetenhilfe aktiv, war mit ihrem Partner schon in Gambia auf Reisen und beteiligte sich an einer Seenotrettung zwischen Libyen und Italien – Erfahrungen, die sich auch in ihrer Kunst spiegeln. Eine Porträtserie von Geflüchteten entstand, um den Kopf eine echte Rettungsdecke aus Goldfolie drapiert, eine andere Serie stellt die Einkaufssituationen und -praktiken in Europa und Afrika einander gegenüber. Nains Arbeiten sind sozial engagiert und einfach lesbar, es braucht kein Vorwissen, um ihre Botschaft zu verstehen.

Im Erklär- und Zeigemodus

Mitunter nähert sich „Die treibende Kraft“ dem Genre des Lehrfilms an. Die Off-Stimme ist im Erklär- und Zeigemodus, nach dem autobiografischen Bezug zu Beginn des Films mutet der Gestus eher unpersönlich an, dabei kennt der Filmemacher die Künstlerin schon lange. Bereits vor 20 Jahren entstand ein Porträt, wie Ausschnitte aus dem früheren Film zeigen. Nain hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und teilte sich mit anderen Künstler:innen ein Gemeinschaftsatelier in Offenburg. Sie malte vor allem Landschaften und Planeten mit verkarsteten Oberflächen.

Erst gegen Ende des Films rücken ökonomische Fragen stärker ins Zentrum und damit auch das Exemplarische von Nains Künstlerinnenexistenz. Von der Kunst konnte sie schon damals nicht leben, ihre Existenz sicherten Pflegearbeit und Lehrtätigkeiten, zudem das feste Einkommen ihres Lebenspartners. Vor Jahren kaufte das Paar eine ehemalige Bahnhofswirtschaft; ihr Atelier, um das sie die meisten Künstler:innen in den urbanen Zentren sicher beneiden würden, war früher der Schankraum.

Prekär, doch noch vergleichsweise privilegiert

Dass ihr Prekär-Sein noch vergleichsweise privilegiert ist, weiß sie. Auch um strukturelle Defizite. Zu Recht kritisiert sie, dass bei Ausstellungsbeteiligungen grundsätzlich kein Honorar gezahlt wird. Aber auch wenn die kreative Arbeit sie nicht ernährt, ist ihr Selbstbild als Künstlerin unerschütterlich. Es gehe ihr nicht gut, wenn sie nicht ins Atelier könne: „Dann fehlt mir etwas ganz Wichtiges.“

Veröffentlicht auf filmdienst.deDie Treibende KraftVon: Esther Buss (13.1.2026)
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