Vorstellungen
Filmkritik
Im Vorspann ist zu lesen, daß die Ähnlichkeit der Namen und der Geschehnisse mit authentischen Personen und Begebnissen rein zufällig und nicht beabsichtigt sei. Niemandem aber wird entgehen, daß die Parallelen zur Kruppschen Familie überdeutlich sind. Visconti zeichnet die Geschichte vom Untergang einer mächtigen Familie zu Beginn des Dritten Reiches. Bei der Geburtstagsfeier Joachim von Essenbecks sind sämtliche Protagonisten versammelt: Der Liberale Herbert Thallmann mit seiner Frau Elisabeth, einer geborenen Essenbeck, und seinen beiden Töchtern, Sophie von Essenbeck, ihr Geliebter Friedrich Bruckmann und ihr Sohn Martin; der SS-Offizier Aschenbach, ein weitläufiger Verwandter, und Konstantin von Essenbeck, eine hohe SA-Charge mit seinem Sohn Günther. Den Hörigen des neuen Regimes ist es nur allzu passend, vom alten Essenbeck zu hören, daß er trotz aller Einwände gegen die Nazis aus geschäftlichen Gründen mit ihnen paktieren müsse. Mit diesem Entschluß scheint der Abstieg zu beginnen. Erst wird der alte Baron mit Heriberts Revolver getötet. Thallmann muß fliehen, der Verhaftungsvorwand ist geliefert; seine Frau und seine Kinder kommen ins KZ, wo Elisabeth stirbt. Konstantin - von Joachim von Essenbeck noch als Vizepräsident eingesetzt - verliert seinen Posten, da jetzt Martin als Erbe die Ämter vergibt und Friedrich auf Drängen von Sophie zum Generalbevollmächtigten macht. Konstantin wird beim sogenannten Röhm-Putsch in Bad Wiessee ermordet, unter den Mördern befinden sich Aschenbach und Friedrich. Der sexuell abartig veranlagte Martin - er hat kleine Mädchen verführt und ein jüdisches Mädchen in den Tod getrieben - begibt sich dadurch in die Hände der SS. Auf Betreiben Aschenbachs plant er, Joachim und Sophie zu beseitigen. Er schläft mit seiner Mutter, zerbricht sie seelisch, inszeniert die Hochzeit Friedrichs mit ihr und vergiftet dann beide. In SS-Uniform erhebt er über den Leichen die Hand zum Gruß. Das Schlußbild ist wie der Beginn des Films. Rotglühendes, heißes Eisen läuft aus den Trögen der Waffenschmiede. - Ein grausiges Spektakel. Die Diadochenkämpfe um die Macht sind im Stil der großen Oper inszeniert. Das Melodram als ästhetisches Mittel für die Sichtbarmachung des Untergangs einer mächtigen Familie, die sich mit einer verbrecherischen Politik verbündet und deren Formen der Auseinandersetzung integriert. Luchino Visconti, Sproß einer alten Adelsfamilie, Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, Mitbegründer des Neoverismus ("Ossessione", 1943; "La terra trema", 1948), hat versucht, seine Erfahrungen aus der Opern-Regie in den Film imiteinzubringen. Der Realismus der epischen Erzählweise wirkt ungemein ausdrucksvoll. Die Farbdramaturgie setzt Akzente, die Horrorgefühle hervorrufen: Ingrid Thulins sich grün färbendes Gesicht beim Ausbruch der Spannungen zwischen Martin und ihr. Die bedrückende Sequenz der Heirat Friedrichs: der mit den blutroten Hakenkreuz-Fahnen ausstaffierte Raum, der Zarah-Leander-Song von der Schallplatte, die Flittchen als Hochzeitsgäste, die vom Inzest geistig gestörte Sophie mit weißgepudertem Gesicht. James Ensor scheint mit Pate gestanden zu sein. Die Szenerie ist fast durchweg in Dämmerlicht getaucht - das Unheimliche der Handlung unterstreichend; die Gesichter sind zu Masken stilisiert. Auch hier bricht Viscontis Liebe zur großen Oper durch. Die Dekors, die Räume - alles wird der Theatralik unterworfen. Einer der Höhepunkte des Films ist das SA-Treffen in Bad Wiessee. In braunen und orangegetönten Farben sind die Saufereien und Homosexuellen-Orgien inszeniert. Dazu Lieder wie "Wir werden weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt". Das anschließende Massaker der SS bringt Berge von nackten Männerleichen, mit Blut bespritzt, alptraumhafte Bilder. - All diese Inszenierungskünste besagen aber nichts über die Gültigkeit der Darstellung. Die Verbindung des individuellen Schicksals einer mächtigen Familie mit dem einer bestimmten geschichtlichen Ära, die noch nicht Historie ist - gibt sie Erklärungen für den Aufstieg und den Untergang des Dritten Reiches? Übersieht Visconti die Millionen Mitläufer, die vielen anderen Dispositionen für das Entstehen der Hybris? Herbert Thalimanns Vorwurf gegen seine Familie bei der Geburtstagsfeier: "Der Nazismus wurde von uns erschaffen, mit unserem eigenen Geld aufgepäppelt", scheint zu einfach, um aufklärend zu wirken. Visconti ist bei seiner Vorliebe für große Oper der Inszenierung zum Opfer gefallen. Ansatzpunkte einer Analyse sind kaum vorhanden, vielleicht weil das Dritte Reich zwar melodramatische Akzente hatte, aber kein Melodrama war. Die Aufnahme des Films muß zwiespältig bleiben, aber selbst wenn der Film als thematisch mißlungen eingestuft wird, die grandiose Inszenierung sollte anerkannt werden. Visconti hat auf jeden Fall mit seinen Dekorationen, seinen Farben, seinen durchkomponierten Bildern, seinem Pathos einen in vielerlei Hinsicht diskutablen Film geschaffen.










