Vorstellungen
Filmkritik
Der niederländische Taucher Peter van Rodijnen hat seine Begeisterung für das Tauchen zum Beruf gemacht. Seit zehn Jahren filmt er unter Wasser für Filme und Serien wie „Holland - The Living Delta“ oder „Der Atem des Meeres“, in denen die imposante Welt unter der Meeresoberfläche nahegebracht wird. Für „Die wilde Nordsee“ von Mark Verkerk hat er viele sehenswerte Orte zwischen den Niederlanden und Schweden gefilmt und führt überdies als Kommentator aus dem Off durch das Geschehen.
Die Unterwasserbilder kombiniert sein Landsmann, der erfahrene Dokumentarfilmregisseur Mark Verkerk, mit Aufnahmen des Kameramanns Dick Harrewijn an Land. Sie erweitern den Blick auf menschliche Eingriffe in die Natur und aktuelle Probleme wie den industriellen Fischfang oder die Erderwärmung. Verkerk knüpft dabei an seine Doku „Amsterdam - Streifzug auf Katzenpfoten“ (2018) an, die aus der Perspektive einer Katze den wilden Pflanzen und Tieren in Amsterdam nachspürt.
Geheimnisvolles unter ungestümen Wellen
Der Film zeigt schnell auf, wie wenig man über die Nordsee weiß, die eine Fläche von 57.000 Quadratkilometern bedeckt und zu den nährstoffreichsten Meeren der Erde gehört. Und noch weniger über die geheimnisvolle Welt, die sich unter den ungestümen Wellen verbirgt. Denn im Wasser und auf dem Meeresboden erschließen sich eine reichhaltige Pflanzenwelt und eine große Vielfalt von Tierarten, vom winzigen Plankton bis zum zehn Meter langen Riesenhai.
Durch die Erläuterungen van Rodijnens erhält der Film eine sehr persönliche Note. Gleich zu Beginn zeigt ein Homevideo, wie er als blonder Junge im Fernsehen die abenteuerlichen Tauchfahrten von Jean-Yves Cousteau verfolgte. „Die Unterwasserwelt wurde meine Leidenschaft“, sagt der heutige Naturfilmer, „der Same von Cousteau ist aufgegangen.“ Dem großen Vorbild erweist der Film auch dadurch seine Reverenz, dass er immer wieder Zitate von Cousteau eingeblendet werden.
Zuweilen fallen diese Off-Kommentare etwas zu ausführlich aus und schwächen die raumgreifenden Bilder; gelegentlich gerät der Erzählton auch etwas zu pathetisch. Im Gegenzug bemüht sich van Rodijnen aber um eine lebhafte, pointierte Ausdrucksweise. Etwa wenn ein dahingleitender Riesenhai mit weit offenem Maul Plankton aus dem Wasser siebt: „Riesengroß frisst Winzigklein.“
Warteschlange der Einsiedlerkrebse
Hin und wieder verblüfft der Film auch mit faszinierenden Bildern, etwa wenn in einer lauen Nacht Plankton in der Brandung hell aufleuchtet, um Fressfeinde abzuschrecken. Beeindruckend ist auch, wie Dutzende Einsiedlerkrebsen auf einer Sandfläche nach leeren Muscheln suchen, um ihr weiches Hinterteil zu schützen. Manchmal bilden sie sogar eine Warteschlange, um ein Gehäuse zu ergattern, das frei wird, weil der bisherige Bewohner nicht mehr hineinpasst.
Ein anderes Mal beobachtet der Film einen männlichen Seeskorpion, der standhaft die vielen rosafarbenen Eier bewacht, die ein Weibchen abgelegt hat. Erst nach sechs Wochen ist seine Aufgabe erfüllt. Dann schlüpft der Nachwuchs und treibt in der Strömung davon.
Über dem Wasser wird man Zeuge, wie nistende Papageientaucher und Trottellummen ihre Jungen füttern und sie gegen räuberische Möwen verteidigen. Der Brutplatz an den steilen Felswänden vor der schottischen Küste steht dabei unter Naturschutz, nicht aber die Gewässer. Wissenschaftler, die diese Kolonie seit 50 Jahren erforschen, haben registriert, dass die Zahl der Brutpaare in den vergangenen Jahren stark gesunken ist. Erst nach langem Rätseln entdeckten sie die Ursache dieses Einbruchs: die Überfischung der Sandaale, von denen sich die Vögel ernähren. In ihrer Not jagen die Vögel nun immer öfter Sprotten, die zwar fetter, aber weniger nahrhaft sind. Ein Teufelskreis, der erst durchbrochen werden kann, wenn die Menschen mehr Rücksicht auf die Natur nehmen.
Alles hängt zusammen
Auf diese Weise deckt der Film Verbindungen auf, die das empfindliche Ökosystem der Nordsee an vielen Orten prägen. Anschaulich kann man mitverfolgen, wie wichtig das Plankton als Grundlage einer komplexen Nahrungskette im Meer ist. „Alles hängt zusammen“, sagt van Rodijnen einmal.
Trotz der deutlichen Kritik an der menschlichen Hybris lässt der Film Raum für Hoffnung. So arbeitet er die erstaunliche Fähigkeit der Natur zur Regeneration und Selbstheilung heraus. Die Kamera gleitet einmal zu einer Ansammlung von Grabsteinen, die ein Frachter vor 30 Jahren verloren hat. Längst haben viele Pflanzen und Tiere die Steine auf dem Meeresgrund besiedelt und ein Riff erbaut, das ein ganzes Ökosystem beherbergt. Dieses Beispiel macht Schule: Die Betreiber von Offshore-Windkraftanlagen schichten inzwischen ebenfalls Steine um die Pfeiler der Türme – als Einladung an Fauna und Flora zum Bau weiterer Riffe.
Der Film verweist so auch auf erfolgreiche Lösungsansätze, die Menschen entwickelt haben. So ist es Biologen und Fischern in Dänemark mit vereinten Kräften gelungen, Hindernisse aus einem Fluss und einer Lagune zu beseitigen, weshalb die Lachse, die in dieser Region schon lange als ausgestorben galten, wieder zum Laichen zurückgekehrt sind.










