Vorstellungen
Filmkritik
Während der Recherche für einen Film über Care-Arbeit erfährt die Filmemacherin Annelie Boroş, dass ihre Mitbewohnerin Kathrin sich das Leben genommen hat. Nach der Heimkehr befragt die Regisseurin in einem imaginären Dialog die Freundin: „Wie hätten wir dir helfen können?“ Der Selbstmord lässt ihr keine Ruhe. Schließlich fragt sie: „Wie hätte die Welt für dich sein müssen, damit du nicht als einzigen Ausweg gesehen hättest, von ihr zu verschwinden?“ Das ist der Ausgangspunkt für die Porträts von vier Menschen, die auf unterschiedliche Weise auf Fürsorge und Pflege angewiesen sind oder diese leisten.
In Hamburg hat Arnold vor vielen Jahren seine Arbeitsstelle gekündigt, um seinen schwerbehinderten Sohn Nico zu pflegen. Neben der aufreibenden Versorgung rund um die Uhr engagiert er sich aber auch für die Belange pflegender Angehöriger. Außerdem versucht Arnold, ein integratives Hausbootprojekt auf die Beine zu stellen.
Die polnische Pflegerin Bożena hat in Deutschland und der Schweiz bis zur totalen Erschöpfung Senioren gepflegt. Sie beklagt die schlechte Bezahlung von Pflegekräften durch die Vermittlungsagenturen. Bożena erzählt von den privaten Schattenseiten ihres belastenden Berufs. Um im Westen zu arbeiten, musste sie ihre minderjährige Tochter bei Verwandten zurücklassen, was ihr schwere Schuldgefühle bereitete. Mit Hilfe einer Gewerkschaft unterstützt sie nun andere Pflegerinnen, die sich für die Wahrung ihrer Rechte engagieren.
Nicht mit der Trennung von Freundschaft und Pflege abfinden
In München hat Samuel, der seit einem Unfall vom Hals an gelähmt und an den Rollstuhl gebunden ist, Freunde und Bekannte als „Assistenten“ engagiert. Doch er will sich nicht mit der Trennung von Freundschaft und Pflege abfinden und versucht mit Gleichgesinnten ein inklusives Wohnprojekt ins Leben zu rufen.
Die peruanische Klimaaktivistin Amanda, die in Deutschland Medizin studiert, legt dar, wie die Erderwärmung den Lebensraum ihrer Familie in der ohnehin von giftigen Abwässern geschädigten Bergbaustadt La Oroya weiter untergräbt. Sie untersucht Klimakatastrophen und versucht bei einem Besuch in dem vom Hochwasser zerstörten Ahrtal den Menschen klarzumachen, dass man nur gesund bleiben könne, wenn auch die Erde gesund ist. Ihr Fazit lautet resignativ: „Der Planet braucht uns nicht.“
Gemeinsam ist allen Protagonisten, dass sie für eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung der Leistungen von Pflegenden kämpfen, für bessere Bezahlung und die Wahrung grundlegender Rechte sowie generell für eine Welt, in der Rücksicht und Solidarität herrschen. Auch die Regisseurin würde erklärtermaßen gerne „in einer Kultur der Fürsorge“ leben.
„Die zärtliche Revolution“ pendelt zwischen den vier Figuren hin und her und begleitet sie in ihrem Alltagsleben. Zugleich nimmt die Inszenierung sich genügend Zeit für genaue Beobachtungen. Zwischendurch erzählen die Protagonisten mit Blick in die Kamera Episoden aus ihrer Lebensgeschichte. Sie schildern Fürsorge-Erfahrungen und beschreiben ihre Überzeugungen, wobei sie aus Briefen an die Regisseurin vorlesen. Auch wenn dies dem knappen Budget geschuldet ist, wirkt der Umweg über die schriftliche Fixierung der Äußerungen allerdings ziemlich konstruiert und bringt etwas Gekünsteltes in den ansonsten authentischen Dokumentarfilm.
Symbol für Begrenzungen und Sachzwänge
Ins Auge fällt die ungewöhnliche Kadrierung durch die Kameraführung von Lenn Lamster. Zumeist sieht man ein quadratisches Bild, das als Symbol für die Begrenzungen und Sachzwänge gedeutet werden kann, denen Pflegende und zu Pflegende jeden Tag ausgesetzt sind. Dramaturgisch plätschert der Film allerdings allzu gemächlich vor sich hin, weil es an Antagonisten und Konflikten fehlt. Ein Eindruck, den die kontemplative Musik zusätzlich verstärkt.
Ungeachtet des Filmtitels präsentiert die kritische Bestandsaufnahme keine einfachen Lösungen. Die Hartnäckigkeit, mit der aus verschiedenen Blickwinkeln die Defizite des Pflegesystems analysiert werden, wirkt sympathisch. Der Film fordert Verbesserungen ein und zeigt Ansätze dazu auf. Erfreulich ist auch, dass viele Fragen gestellt und Denkanstöße geliefert werden. Etwa wenn Samuel die Regisseurin fragt, wie unsere Welt aussähe, wenn „nicht das Wachstum der Wirtschaft, sondern die Pflege unserer Beziehungen die größte Wertschätzung erfährt“.
Es mag utopisch klingen, dass eine Welt machbar ist, in der hilfsbedürftige Menschen mit ihren Problemen nicht allein gelassen werden und sich jeder die Zeit nehmen kann, um auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Aber das ist allemal besser, als sich mit Missständen abzufinden.










