Vorstellungen
Filmkritik
Wenn der Lehrer in der Dorfschule den Namen Ahmet aufruft, stehen gleich vier Jungen auf, die diesen Namen tragen. Doch nur einer ist der Sohn des Schafhirten – der mit den In-Ear-Kopfhörern im Ohr. Er wird wieder einmal vom Unterricht befreit, um seinem Vater mit dem Vieh zu helfen. Ahmet (Arif Jakup) ist 15 Jahre alt und würde lieber den ganzen Tag Musik hören oder sie auflegen. Doch zum einen funktioniert das Internet nur schlecht in dem nordmazedonischen Bergdorf, und auch sein Datenvolumen ist schnell aufgebraucht. Zum anderen gibt es keinen Club und keine Disco im Ort. Ahmets Vater bringt nur wenig Verständnis für die Musikleidenschaft seines Sohnes auf. Stattdessen soll Ahmet die Herde hüten, Schafskäse verkaufen und auf seinen kleinen Bruder Naim (Agush Agushev) aufpassen. Dieser ist verstummt, seit die Mutter gestorben ist und ihre Söhne als trauernde Halbwaisen ihr Leben neu gestalten müssen.
Auch die Mutter mochte Musik und Tanz, genau wie die Söhne. Wenn der Vater außer Haus ist, tanzen beide. Der kleine Naim am liebsten zu Shakira, während Ahmet mehr auf elektronische Musik steht. Als er eines Tages die gleichaltrige Aya (Dora Akan Zlatanova) kennenlernt, verschlägt es ihm die Sprache. Später lernt er, mit dem selbstbewussten Mädchen zu sprechen und es für sich einzunehmen. Bald ist Ahmet unsterblich in Aya verliebt, doch die ist aus Deutschland ins Heimatdorf ihres Vaters abgeordert worden, um eine arrangierte Ehe einzugehen.
Vereint in der Liebe zur Musik
Die Verbindung der beiden Teenager wird im Dorf nicht gern gesehen. Ahmet gilt als Außenseiter und wird als Sohn des Schafhirten geringgeschätzt. Aya dagegen tut alles, um der Ehe mit dem ihr versprochenen Mann zu entgehen. Die Liebe zur Musik eint Ahmet und Aya, die sich zudem liebevoll um den kleinen Naim kümmern. Der Vater schleppt den Jungen regelmäßig zu einem geschäftstüchtigen Scharlatan, der sich als „Heiler“ ausgibt und Naim mit autoritären Mitteln wieder das Sprechen beibringen will.
So türmt sich in „DJ Ahmet“ von Georgi Unkovski ein ganzer Berg an Problemen vor dem jugendlichen Protagonisten auf. Obwohl er an seiner familiären Situation schon genug zu tragen hat, muss er auch noch den Mut aufbringen, Ayas Herz zu erobern. Dabei will er ganz auf seine Leidenschaft für die Musik und auf Hartnäckigkeit setzen. In den Augen der Dorfjugend spricht zunächst nicht viel für ihn. Mit seinem vom Wind und Wetter gegerbten Gesicht und seiner ärmlichen Kleidung – meist trägt er einen schäbigen Rollkragenpullover unter seinem altmodischen Trainingsanzug – erscheint er zunächst nicht besonders attraktiv. Sein Vater ist arm und ungebildet und befindet sich am unteren Ende der sozialen Skala des Dorfes.
Die Herde platzt in die Tanzenden
Doch der junge Protagonist dieser anrührenden Tragikomödie ist durchsetzungsfähiger als gedacht. Er hat ein gutes Herz, beschützt seinen kleinen Bruder vor dem Vater und dem Heiler und teilt mit ihm die Trauer über den Verlust der Mutter. Zwar bringt sich Ahmet regelmäßig in brenzlige und auch peinliche Situationen. Bei einem nächtlichen Rave auf dem Acker vor dem Dorf platzt seine Schafherde mitten in die tanzenden Jugendlichen. Als sie die wolligen Huftiere mit ihren Handys filmen, wird der junge Hirte über Nacht prompt zum TikTok-Star. Außerdem macht ihn seine aufkeimende Liebe zu Aya erfinderisch. Mit etwas Trickserei besorgt er Lautsprecher, die er auf seinem Traktor befestigt, damit Aya und ihre Freundinnen ihren Tanz für das Dorffest einüben können.
Der Film spielt in der türkischsprachigen Gemeinschaft Nordmazedoniens, wo teilweise noch rigide Traditionen und eine strenge Moral herrschen. Doch Modernität in Form von „Technologie“, wie der Dorf-Imam es nennt, hält auch hier Einzug. Durch sein technisches Geschick kann Ahmet bei den älteren Dorfbewohnern Eindruck machen und sich auch mit Aya auf TikTok verbinden.
Ein rosarotes Schaf & ein gutes Geschäft
Die Jugend sucht sich ihre Nischen, allen voran Aya, die das freiheitliche Leben in Deutschland kennengelernt hat. Mit ihren Freundinnen spielt sie Fußball – in traditionellen Gewändern – und lässt es sich auch nicht nehmen, Ahmet auf dem Motorrad durch die nächtliche Gegend zu kutschieren. Trotzdem hat das Patriarchat – verständnislose Väter, wohlhabende Bürger – das Sagen. Sie wollen der jugendlichen Rebellion Grenzen setzen, doch das gelingt nicht immer. Außerdem sucht der Film nicht um jeden Preis die Konfrontation und lässt Platz für Humor und absurde Situationen. So beschert ausgerechnet ein rosarotes Schaf Ahmet ein gutes Geschäft.
Der Imam wiederum ist alles andere als technikaffin, was einen Running Gag mit Lautsprechern auf dem Minarett zur Folge hat. Auch eine Gruppe von tratschenden Frauen, die als eine Art griechischer Chor fungiert und einiges über das Dorf und seine Bewohner verrät, sorgt für Heiterkeit.
Es sind vor allem die kleinen Beobachtungen, die den Film sehens- und liebenswert machen: das Leben der Dörfler zwischen Tradition und Moderne, die hügelige, karge Landschaft, die Kleidung der Menschen und ihre Rituale. Irgendwann nimmt ein an klassischen Erzählmustern orientierter Plot dann die Überhand, weshalb einiges zu auserzählt wirkt – auf Kosten des Atmosphärischen. Dennoch stützt sich der Film vor allem auf seine anrührenden Figuren, die zumeist mehrdimensional und lernfähig sind. Insbesondere die Geschichte des kleinen Bruders Naim geht dabei zu Herzen. Die jugendlichen Darsteller, die alle vor Ort engagiert wurden, vermitteln durch ihr Spiel Natürlichkeit und Authentizität.







