Vorstellungen
Filmkritik
Filmtitel, auf Arabisch und Englisch, werden eng getaktet aneinandergereiht, gefolgt von Texttafeln, die am Anfang der Filme stehen: „Seit dem 13. April 1975 herrscht ununterbrochen Krieg im Libanon.“ Oder: „Am 1. Oktober 2024 marschierte die israelische Armee im Süden des Libanon ein. Es war die sechste israelische Invasion seit 1978.“ Die Ausschnitte stammen aus Spiel- und Dokumentarfilmen über die unzähligen Kriege im Libanon, zu denen im Jahr 2026 ein weiterer hinzugekommen ist.
Von Ansichten des Meeres und Bildern zweier Kinder – ein einbeiniger Junge geht mit Krücken – springt „Do You Love Me“ mitten hinein ins Genrekino. Männer mit Waffen, die Knarre unter dem Mantel oder im Kofferraum des Autos, unterwegs durch die trümmerhafte Stadt Beirut. Irgendwann übernehmen Busse, bevor der Film mit Ansichten von Blumen, Brotbacken und Märkten zu Tankstellenbildern übergeht und schon bald zu Verkabelungen von Sprengsätzen. Explosionen, brennende Autos, Trümmer. Wieder ist Krieg. Diesmal sind es Nachrichtenbilder.
Keine einheitlichen Geschichtsbücher
Die in Beirut lebende Filmemacherin und Multimediakünstlerin Lana Daher hat für ihren Film Archivmaterial aus 70 Jahren montiert – ohne Chronologie oder den Ausweis ihrer Quellen im Bild zu nennen; die werden erst im Abspann und auf einer zu den einzelnen Filmen verlinkenden Website aufgelistet. Die Bild- und Tonaufnahmen stammen aus 20 000 Quellen unterschiedlichster Archive: unabhängige libanesische Kinofilme, Fernsehaufnahmen und Home Movies, Fotografien, Musik, Podcasts, O-Töne. Der Archivfilm füllt dabei auch eine Lücke. Die Geschichte des Libanon ist nur fragmentiert dokumentiert. Das Nationalarchiv ist wenig zugänglich, historische Materialien wurden durch Kriege, Krisen und Vernachlässigung zerstreut; auch in den Schulen gibt es keine einheitlichen Geschichtsbücher. Im reichen Filmerbe wird das kollektive Gedächtnis sichtbar und erfahrbar.
Der Film bewegt sich wie ein Bilderstrom vorwärts, collagiert aus Motivketten, Match-Cuts und assoziativen Sprüngen. Kriege und Gewalt brechen immer wieder wie eine heftige Welle herein, Trümmerlandschaften und Gerippe von Häusern sind allgegenwärtig. Dazwischen wird getanzt, gefeiert, gekocht, geliebt, geheiratet. „Das ist unser Zuhause“, erzählt eine Frau zwischen zerbröckeltem Gemäuer, „das, was davon übrig geblieben ist. Hier war mein Schlafzimmer.“ Die Bilder stammen aus „Beyrouth, ma ville“ (1982) von Jocelyne Saab, die mit ihren essayistischen Porträts ihrer Heimatstadt Beirut während des Libanesischen Bürgerkrieges bleibende (film-)geschichtsschreibende Dokumente schuf.
Widersprüche als dialektisches Prinzip
Der Libanon sei ein sehr kleines, aber auch ein sehr schönes Land, erzählt eine Fremdenführerin einer Gruppe von Touristen. Sie nennt Daten und Zahlen zu Geografie, Größe, Einwohnerzahl und religiöser Zusammensetzung – Geschichtsunterricht mit den Mitteln des Kinos oder eher: Geschichtsschreibungen. Die Diversität an Material bringt zwangsläufig Widersprüche hervor, die sich als dialektisches Prinzip durch den Film hindurchziehen. Der „Murr-Turm“ sei ein Kriegsmonument, ein Mahnmal, erklärt ein Taxifahrer Catherine Deneuve, als sie sich nach dem nur halb fertiggestellten Hochhaus vor ihren Augen erkundigt. Der Mann im darauffolgenden Filmausschnitt hält von dieser Form der Gedenkkultur wenig. Es brauche keine durchlöcherten Gebäude, um zu realisieren, dass es keinen Krieg mehr geben sollte; er spricht von Kriegspornografie und Fetischismus.
„Do You Love Me“ beschreibt einen scheinbar endlosen Kreislauf aus Zerstörung und Wiederaufbau, Gewalt und Widerstandsfähigkeit. In einer Sequenz wird der Archivfilm tautologisch und zeigt Bilder von gestapelten Filmrollen, Videobändern und Archivschachteln. Aber man sieht auch Regale, in denen nur noch verbrannte Reste liegen.






