Vorstellungen
Filmkritik
Die zahlreichen Filmplakate, die die Kamera während des Vorspanns einfängt, zeugen vom goldenen Zeitalter des ägyptischen Kinos in den 1950er- bis 1970er-Jahren: schöne Frauen, starke Männer, ein Kuss, im Hintergrund die Andeutung von Konflikten, dabei immer das Versprechen auf Action und ein wenig Erotik. George Fahmy (Fares Fares) verkörpert dieses Versprechen noch immer. Er ist der beliebteste Schauspieler Ägyptens, so etwas wie ein moderner Omar Sharif. Zu seinen Erfolgen zählt auch so ein filmischer Unsinn wie „Der erste Ägypter im All“. George ist Christ und nicht an die Gesetze des Islam gebunden, darum darf er von seiner Frau getrennt leben. Wenn man ihn im seidenen Pyjama in seinem großen, geschmackvoll eingerichteten Appartement sieht, ein Glas Wein in der Hand und die Aufmerksamkeit seiner viel zu jungen Geliebten Donya (Lyna Khoudri) genießend, ahnt man, dass sich an diesem Leben nichts ändern soll.
Die Marionette unsichtbarer Drahtzieher
Es kommt anders. Erst verschwindet Georges Wohnwagen vom Gelände der Unlimited Media Studios, dann verliert er die Hauptrolle in einem wichtigen Film. Produzenten schneiden ihn, die Presse zieht über ihn her. Widerwillig nimmt George deshalb das Angebot an, den Staatspräsidenten Abd al-Fattah as-Sisi in einem patriotischen Propagandaschinken zu verkörpern. Rasch wirft er sein Method Acting über Bord und verkörpert as-Sisi so, wie der Geheimagent Dr. Mansour (Amr Waked) es verlangt. Plötzlich findet sich der Schauspieler im inneren Kreis der Macht wieder, der „Eagles of the Republic“ genannt wird und sich dem Erhalt der Autokratie verschrieben hat. Zunehmend wird er darüber zur Marionette unsichtbarer Drahtzieher, die sogar seinen bei der Mutter lebenden Sohn entführen, um den Schauspieler gefügig zu halten.
Mit „Eagles of the Republic“ vollendet Tarik Saleh seine Kairo-Trilogie, zu der „Die Nile Hilton Affäre“ (2017) und „Die Kairo Verschwörung“ (2022) gehören. In allen drei Filmen spielt der libanesisch-schwedische Darsteller Fares Fares die Hauptrolle. Nach dem korrupten Polizisten, der so etwas wie ein moralisches Gewissen entwickelt, und dem korrupten Militärvertreter, der einen unschuldigen Studenten manipuliert, gibt Fares hier einen Schauspieler, der beim Studio, vor allem aber bei den Behörden in Ungnade gefallen ist.
Tarik Saleh, der als Sohn einer Schwedin und eines Ägypters in Schweden lebt, setzt damit die Beobachtung der ägyptischen Gesellschaft fort. Dabei entwirft der Regisseur mit der Figur von George Fahmy zunächst das Psychogramm eines unpolitischen Dandys, der es sich gut gehen lässt und sich in seinem Erfolg sonnt. Sogar eine Affäre mit der Frau (Zineb Triki) eines hohen Generals leistet er sich – und macht sich so erpressbar.
Ein Profi, der sein Bestes gibt
Wegen seiner Berühmtheit glaubt George sogar, sich für verschwundene Nachbarssöhne oder in Ungnade gefallene Kolleginnen einsetzen zu können – auch das eine Illusion. Fahmy steht damit für das komplexe Verhältnis des Künstlers zu Macht und Geld, in dem es keine Sicherheiten mehr gibt. Bezogen auf die Schauspielerei versteht er sich als Profi, der sein Bestes gibt. Für ihn ist klar, dass er as-Sisi nur mit Glatze und Bauch darstellen kann. So viel Wahrheitstreue muss sein. Doch die Produzenten wollen einen as-Sisi, der so aussieht wie George Fahmy: groß, schlank, volles Haar. Später sieht man auf der Straße Film- und Wahlplakate nebeneinander, der falsche Präsident hängt neben dem echten, die Illusion trifft auf die Realität – besser kann man die beabsichtigte Vortäuschung nicht konterkarieren. Trotz der Anspielung auf den Militärputsch 2013 kommt dem Präsidenten, so Tarik Saleh in einem Interview, eher eine metaphorische Bedeutung zu: „Er ist eine abstrakte Figur, ein Symbol, eine Institution.“
Fortan bewegt sich der Film auf zwei Erzählebenen: den Dreharbeiten zu as-Sisis Filmbiografie und Georges Kampf um den Erhalt seines Berufs- und Privatlebens. Er ficht gegen einen unsichtbaren Gegner, sodass man sich zuweilen an Costa-Gavras’ „Z“ oder an „Zeuge einer Verschwörung“ von Alan J. Pakula erinnert fühlt. In der letzten halben Stunde verbinden sich beide Erzählebenen zu einem packenden Showdown, den man so nicht erwarten konnte. Das macht aus „Eagles of the Republic“ einen ebenso spannenden wie anspruchsvollen Politthriller.
