Vorstellungen
Filmkritik
Ehrenamt – das meint per definitionem eine freiwillige, gemeinwohlorientierte Tätigkeit ohne Gewinnerzielungsabsicht, die in der Freizeit beispielweise in Sportvereinen, in der Jugend-, Sozial- oder Gemeindearbeit, bei der Feuerwehr, dem Umweltschutz, der Nachbarschaftshilfe oder der Integration von Migrant:innen geleistet wird. Weil ein kommerzielles Interesse ausfällt, ist die mal mehr, mal weniger abstrakte intrinsische Motivation zur Bekleidung eines Ehrenamts von großer Bedeutung. Im besten Fall handelt es sich dabei, wie die Dokumentation „Ehrenamt - Eine Kulturreise im ländlichen Raum“ von Daniel Hofmann auf sehr unterhaltsame Weise zeigt, um eine Win-Win-Situation.
Hofmanns Film, eine subjektiv-parteiische Langzeitstudie und gleichzeitig ein Werbefilm für das eigene Projekt, handelt von Musikfans in der Provinz, die irgendwann beschließen, nicht länger ihrer Musik hinterherzureisen, sondern der Musik vor Ort eine Plattform zu bieten: das mittlerweile überregional bekannte „Metal Diver Festival“, beheimatet im „Metal-Mekka Marsberg“ (O-Ton des Marsberger Bürgermeisters).
Sprung ins kalte Wasser
Marsberg ist eine Kleinstadt im nordöstlichen Sauerland. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wohin die längeren Reisen gehen müssten, wollte der Metal-Fan von hier aus zu einschlägigen Konzerten anreisen. Warum also nicht den umgekehrten Weg wählen und eine Alternative oder zumindest Ergänzung zu den traditionellen Schützenfesten schaffen? So wurde 2013 ein Verein gegründet und im März 2014 feierte das Metal Diver Festival seine Premiere. Wie genau dieser Sprung ins kalte Wasser ablief, bleibt im Filmverlauf etwas im Dunkeln. Wer hat die Kontakte zu den Bands hergestellt? Wie lief die Kommunikation vor Ort und in der Szene? Wie reagierte die kleinstädtische Öffentlichkeit auf das Festival, das über die Jahre zum Wirtschaftsfaktor wurde? Wie wurde von wem die Premiere finanziert? Wie entstehen Netzwerke zu anderen Veranstaltern in der Region und darüber hinaus? Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Rückblickend und mit viel Humor und einem Gespür fürs Anekdotische erzählt „Ehrenamt“ die Professionalisierung des Festivalteams als ein erfolgreiches „Learning by doing“, das hierin höchstwahrscheinlich vielen ähnlich gelagerten Initiativen in der Provinz ähnelt. Es gilt das DIY-Ethos und jeder, der mitmachen möchte, kann seinen Einsatz mit Qualitäten bestreiten, die aus seinem Berufsalltag herrühren. Wie steht es um die Versorgung der Festivalbesucher und das Catering für die Bands? Wer hilft beim Auf- und Abbau der Bühne? Woher kommt der Strom? Wer kennt sich mit Lichttechnik aus? Wie organisiert man den Karten-Vorverkauf? Wie sieht es mit den Sanitäranlagen aus? Sollte man den Getränkeausschank wirklich an Dritte auslagern? Ist der März im Hochsauerland wirklich der ideale Festivaltermin? Wie bekommt man die Fans sicher (Wegbier!!) nach Marsberg und zurück?
Keine Planungssitzung ohne Bier
„Ehrenamt“ mischt mal mehr, mal weniger aussagekräftige Talking-Heads-Passagen mit Archiv-Material älterer Festival-Ausgaben, die episodisch abgearbeitet werden. Das Metal Diver Festival ist zunächst einmal ein Festival von Fans für Fans und der Film verdoppelt diese Qualität, weil sich das ehrenamtliche Engagement – trotz „Wacken“ – noch immer etwas am einschlägigen Habitus und Dresscode der Metal-Szene reibt: Keine Planungssitzung ohne Merch-T-Shirts und einen Kasten Bier! Wenn der Festival-Shuttle-Betrieb die Fans in der Region aufsammelt, hat das Ganze auch etwas von Klassenfahrt mit Pommesgabel, aber in so freundlich-enthusiastischer Manier, dass der Shuttlebusfahrer nicht umhinkann, lächelnd zu lenken. Schön auch die Pointe, dass das Catering des Festivals sich über die Jahre zur Professionalisierung gezwungen sah, weil sich die auf der Bühne gerne martialisch gebenden Musiker:innen vielfach längst vegetarisch oder vegan ernähren.
Das ist alles durchaus vergnüglich anzuschauen, bleibt jedoch oberflächlich, verglichen mit der strukturellen Schwäche der nicht profitorientierten Festival-Landschaft, wie sie die Corona-Pandemie offenlegte. Zwei Festivaljahrgänge mussten kurzfristig abgesagt werden, aber die trotzdem entstandenen Kosten hätten das Projekt fast beendet, weil keine Rücklagen erwirtschaftet worden waren. So erzählt „Ehrenamt“ einerseits eine ernstzunehmende Erfolgsgeschichte, weil das Festival längst auch für Stadtmarketing und für die Region insgesamt eine wichtige Rolle spielt und deshalb auch institutionell von der Kommunalpolitik unterstützt wird (und in diese rückwirkt). Andererseits weist der Film aber auch darauf hin, dass das Denken von Festivalausgabe zu Festivalausgabe sehr empfindlich ist, wenn beispielsweise kein Nachwuchs in die gewachsenen Strukturen integriert werden kann.
Die Metal-Szene ist in die Jahre gekommen
Denn – das zeigt der Film wahrscheinlich ohne Hintergedanken, aber unübersehbar eben auch – die Metal-Szene in der Provinz ist vor, hinter und auf der Bühne deutlich in die Jahre gekommen und zudem kaum divers. Aber Ehrenamt im Kulturbereich – und sei dieser auch noch so subkulturell speziell – hat als Ü50-Männersport auf Dauer keine Zukunft. Auch das ist ein schmerzlicher Erfahrungswert aus dem nicht kommerziell orientierten Kulturbetrieb.










