Vorstellungen
Filmkritik
„Lutz Schelhorn war schon immer ein Rebell und lehnte sich gegen die schwäbische Bürgerlichkeit auf. Als Rocker stehen für ihn Motorradfahren, die Brüderlichkeit und die Suche nach persönlicher Freiheit im Mittelpunkt.“ So wird der (Haupt-)Protagonist im Presseheft von „Unter Brüdern“ beschrieben. Einen Rebellen stellt man sich dann wohl als wüsten Draufgänger und Abenteurer mit wehender Mähne und ständig wechselnden Bräuten auf dem Sozius seiner Harley vor. Doch der ewige Rebell Schelhorn ist nicht mehr der Jüngste, kann den Bauchansatz nicht verbergen, trägt ein Bärtchen zum zurückweichenden Haupthaar, wohnt mit Sohn und Tochter in einer gutbürgerlichen Siedlung in Stuttgart nebst Garage fürs Motorrad und ist Vorsitzender des örtlichen „Hells Angels“-Ablegers (in der Vereinssprache „Charter“ genannt). Seine Brötchen verdient er als Fotograf und als solcher hat er in den vergangenen Jahren an einem Bildband über die deutschen Hells Angels gearbeitet. Der Dokumentarfilmer Marcel Wehn hat ihn dabei mit der Kamera begleitet und versucht darüber Einblicke in das Innenleben der deutschen Rocker-Szene zu gewinnen. Was ihm aber nicht wirklich gelungen ist. Denn seine einzige Quelle für diese Insider-Informationen ist Schelhorn selbst. Andere Angels, so sie denn mal gefragt werden, geben sich überaus maulfaul und sondern allenfalls irgendwelche Stereotypen von Freiheit und Abenteuer ab. Aber auch Schelhorn schwärmt in erster Linie von den guten alten Zeiten und lamentiert über Justiz-Willkür sowie das beklagenswerte aktuelle Image der Angels, die in der Öffentlichkeit nur noch mit Drogenhandel und Prostitution in Verbindung gebracht würden. Völlig zu Unrecht, sagt Schelhorn; zumindest in seinem Charter sei alles in Ordnung. Ein Stuttgarter Polizeikommissar ist da etwas anderer Ansicht. Als irgendwann zur Sprache kommt, dass der Frankfurter Ortsverein der Angels verboten werden soll, weil sich Mitglieder unter anderem der Vergewaltigung schuldig gemacht haben sollen, erklärt Schelhorn, dass so etwas in Stuttgart den sofortigen Ausschluss nach sich ziehen würde. Um dann allerdings anzufügen, dass er die Entscheidung über Schuld oder Unschuld des Betreffenden nicht der Justiz überlassen, sondern selbst treffen würde. Ein Bekenntnis zur Selbstjustiz, von dem sich der Filmemacher im Gespräch mit Schelhorn lediglich ein wenig irritiert zeigt. Wie der Film überhaupt den Eindruck erweckt, dass der Regisseur aus lauter Dankbarkeit gegenüber seinem Protagonisten, sich auf das Filmprojekt eingelassen zu haben, jede Distanz zu seinem Sujet verloren hat. So setzt er zwischendurch die Ausflugsfahrten der Angels auf ihrer knatternden Kisten durch die schwäbische Provinz bereitwillig und zu erwartbaren Rocksongs in Szene, begleitet Schelhorn zu Fotoarbeiten nach Berlin, wo ein finster dreinblickender Rocker an einer Elektrozigarette nuckelt, oder präsentiert die harten Jungs bei einer Jubiläumsfeier in einer Mehrzweckhalle, zu der befreundete Charter mit (womöglich selbst gebackenen) Schokoladentorten anrücken. Fast möchte man wetten, dass die meisten von ihnen altdeutsche Schrankwände mit Polstergarnituren in ihren Wohnzimmern stehen haben. Doch die offensichtlichen Diskrepanzen zwischen vermeintlichem Rebellentum und zutiefst (spieß-)bürgerlichen Existenzformen sind in diesem gänzlich ironiefreien Film kein Thema.