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Filmkritik
„Scheiß da nix, dann feit da nix“ lässt sich als bayerisches Pendant zu „Don’t worry, be happy“ verstehen und ist das Lebensmotto des waschechten Münchner Originals Wiggerl Brunner (Maximilian Brückner). In der Komödie „Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang“ von David Dietl trägt der Ausspruch genau so weit, wie diese Devise im Diesseits eben reicht. Denn eine konsequent gelebte „Ois easy“-Einstellung, wie sie Hauptfigur Wiggerl an den Tag legt, führt unweigerlich zu Konsequenzen. Mit „ois easy“ und entsprechend einhergehender Leichtigkeit ist nämlich bald Schluss, „nix easy“ quasi.
Die Vorlage des Spielfilms ist prominent: Die 1911 erschienene Humoreske „Der Münchner im Himmel“ von Ludwig Thoma um den Münchner Dienstmann Alois Hingerl, der nach seinem Tod im Himmel weder Bier noch Ruh findet und von einem genervten Herrgott persönlich zurück auf die Erde geschickt wird – ins Hofbräuhaus, versteht sich. Der gleichnamige Zeichentrickkurzfilm von 1962 hat den Stoff endgültig zum bayerischen Kulturgut geadelt. Die erste abendfüllende Realverfilmung tritt daher mit einem gewissen Erwartungsdruck an.
Tagsüber Taxifahrer, nachts Teilzeitrocker
Dietls Wiggerl ist kein klassischer Grantler mit Schnauzbart, wie er ins kulturelle Gedächtnis eingegangen ist, sondern ein Hallodri mit Lederjacke. Tagsüber Taxifahrer, nachts Teilzeitrocker, dazwischen gerne nackt im Englischen Garten und am Morgen verlässlich neben einer anderen Gespielin. Seine Noch-Ehefrau Kathi (Hannah Herzsprung) müsste eigentlich gemeinsam mit ihm Mietschulden abstottern, doch in dieser Hinsicht ist Wiggerl ein Totalausfall – ebenso wie als Vater seiner Tochter Toni (Momo Beier), deren Geburtstag er über seinem nächsten Auftritt prompt vergisst. Ein dem Chaos und der eigenen Ablenkbarkeit geschuldeter Unfall befördert Wiggerl schließlich himmelwärts.
Der Himmel, den Dietl entwirft, hält sich werkgetreu an Thoma: kein Bier, nirgends, nur Manna. Gott, gespielt von Ina Müller, lässt eigentlich nicht mit sich verhandeln, macht beim aufsässigen Münchner aber eine Ausnahme. Wiggerl darf auf Bewährung zurück, mit Auftrag: ein Brief Gottes ist der Bayerischen Staatskanzlei zu überbringen. Den Brief lässt der Stenz erwartungsgemäß bald in der Isar treiben.
Bis hierhin funktioniert der Film. Die ersten gut dreißig Minuten etablieren Figur und Schauplatz mit Schwung: ein München, dessen Nonchalance und entspannte Selbstgewissheit tatsächlich filmischen Reiz haben, eine Hauptfigur, deren Unbekümmertheit Charme hat. Brückner spielt das mit einer authentischen Lässigkeit, die der Film nur allzu gerne ebenso besitzen würde.
Als lebendiges Gespenst einen Problemberg abtragen
Doch mit Wiggerls Wiedereinrichtung im Diesseits kippt der Ton von „Ein Münchner im Himmel“. Aus der urigen, verspielten Komödie wird ein allzu behäbiges Pflichtprogramm, das freudlos eine erzählerische Station nach der anderen abhakt: Als lebendiges Gespenst – sichtbar nur für die Tochter – muss Wiggerl einen Problemberg und einen Scherbenhaufen moralischer Verfehlungen abtragen. Was in der Anlage schwebend war, wird nach und nach plotgetrieben, krampfig, moralinsauer. Sogar eine gescheiterte Vater-Sohn-Beziehung kommt noch dazu, in der Heiner Lauterbach deutlich fehlbesetzt ist; ein waschechter Grantler und Anarchist im Geist eines Franz Xaver Kroetz hätte der Rolle weit mehr Reibung gegeben.
Der Schema-F-Plot frisst zusehends die Coolness, das Spielerische, das liebevoll Beobachtete. Dass „Scheiß da nix, dann feit da nix" als Haltung posthum nicht mehr trägt, ist erzählerisch konsequent – nur leider gilt das auch für die Inszenierung selbst, die ihre Unbekümmertheit und Lakonie unterwegs verliert. Das hängt auch damit zusammen, dass sich der Film von seiner Vorlage abwendet, um einen Läuterungsreigen abzuspulen, der im Widerspruch zur anarchischen Figurenanlage des Protagonisten steht. Man hätte Regisseur David Dietl mehr Mut gewünscht, sich in seiner Inszenierung von den schematischen Vorgaben von Mainstreamkomödien zu emanzipieren.








