Vorstellungen
Filmkritik
Achim Oldenburg fährt mit seinem Tesla-Auto im Modus Autopilot in Mecklenburg-Vorpommern eine schnurgerade Allee entlang. Die äußeren Bedingungen sind optimal, dennoch kracht das E-Auto in einen Straßenbaum. Der Fahrer verbrennt im Wrack. Nach einer Woche schließt die Polizei die Ermittlungsakten, wie die Witwe Anja Oldenburg berichtet. Der Autobauer gibt an, es lägen keine Unfalldaten vor.
Wie konnte es zu dem Unglück kommen? Hat das Auto den Unfall verursacht? Diese Fragen treiben die Witwe Anja Oldenburg noch nach Jahren um. Während sie Überreste des Fahrzeugs aus einem Einmachglas hervorholt, sagt die alleinerziehende Mutter: „Wir wussten, dass Tesla alles aufzeichnet.“ Was also ist mit den Daten passiert?
Auf diese Einstiegssequenz folgt ein Auftritt des Tesla-Chefs Elon Musk, der im November 2024 in Siegerpose sein Cybercab vorstellt, eine futuristische Limousine, die vollständig autonom fahren soll und weder Lenkrad noch Pedale braucht. Autonom fahrende Autos seien „zehn Mal sicherer als ein menschlicher Fahrer“, ruft er stolz in die Menge. Es gibt eine frappierende Diskrepanz zwischen folgenschweren Unfällen mit selbstfahrenden Tesla-Autos und den vollmundigen Behauptungen Musks.
Diese Diskrepanz versucht der renommierte Südtiroler Dokumentarist Andreas Pichler, der zuletzt mit den Filmen „Das System Milch“ (2016) und „Alkohol - Der globale Rausch“ (2019) hervorgetreten ist, mit großem Recherche-Aufwand auszuleuchten. Er kombiniert in „Elon Musk Uncovered“ in geschmeidigen Montagen TV-Aufnahmen, Werbevideos, Posts in Sozialen Medien sowie Interviews mit ehemaligen Tesla-Mitarbeiter:innen, Fachjournalisten und Experten. Die vielen Talking Heads werden immer wieder kontrastiert mit atmosphärisch dichten Einstellungen aus der Vogelperspektive, die Massen von aufgereihten Autos oder nächtliche Verkehrsbewegungen in glitzernden Metropolen zeigen.
Sicherheitsmängel wurden systematisch vertuscht
Im Film berichten mehrere ehemalige Angestellte von Einschüchterungsversuchen und Kündigungen, nachdem sie auf Sicherheitsmängel hingewiesen haben. So erzählt John Bernal, ein junger Ex-Mitarbeiter für Künstliche Intelligenz, dass er zunächst fasziniert gewesen sei vom innovativen Ansatz des Autobauers. Er half, die acht Kameras zu trainieren, die für den Tesla-Autopilot notwendig sind. Als Bernal sich einen Tesla kaufte, stellte er schnell fest, wie fehlerhaft der Selbstfahrmodus ist. „Es gab Situationen, in denen ich dachte, das Auto will mich umbringen“, sagt er. Nachdem er ein Video über einen Unfall mit dem eigenen Wagen an die US-Verkehrsbehörde geschickt hatte, wurde er nach eigenen Angaben 24 Stunden später entlassen.
Weitere Beispiele machen deutlich, wie wichtig Informanten sind, die Berichte über illegale Machenschaften öffentlich machen. Besonders hilfreich sind Fachleute, die aus erster Hand berichten wie Christina Balan, eine frühere Tesla-Ingenieurin. Nachdem das Unternehmen eineinhalb Jahre nach internen Meldungen über gefährliche Sicherheitsmängel der Fahrzeuge nichts unternommen habe, konnte sie nicht länger schweigen. „Solche Sicherheitsmängel wurden systematisch vertuscht“, konstatiert sie. Prompt sei sie zur Kündigung gezwungen worden.
Elon Musk, der reichste Mann der Welt, lässt sich von solchen Interventionen und Rückschlägen nicht beirren. Er treibt die Expansion des Konzerns voran, 2019 kündigt er an, bis 2030 jährlich 20 Millionen Autos zu verkaufen. 2020 melden TV-Sender, dass Tesla nun der wertvollste Autohersteller der Welt sei.
Die „Tesla Files“ bringen neue Erkenntnisse
Einen großen Schritt voran machen die Recherchen des Filmteams durch die sogenannten „Tesla Files“. Ende 2022 erhält das Investigativ-Team von Sönke Iwersen bei der Zeitung „Handelsblatt“ über einen Whistleblower Zugang zu zahlreichen Daten aus dem IT-System von Tesla. Der ehemalige technische Tesla-Mitarbeiter Lukasz Krupski aus Norwegen hat sie heruntergeladen, nachdem er von Todesopfern und Verletzten durch Unfälle mit selbstfahrenden Autos des Konzerns erfahren hat.
Im Dezember 2024 veröffentlichte das „Handelsblatt“ eine große Enthüllungsstory über das Datenleck bei Tesla. Der US-Korrespondent der Zeitung, Felix Holtermann, erklärt, dass die Daten 2400 Kundenbeschwerden über Selbstbeschleunigungen und über 1500 plötzliche Bremsvorgänge sowie Meldungen über mehr als 1000 Unfälle enthalten. Oft sei der Status dieser Meldungen „ungelöst“. Sein Fazit: „Das Problem ist sehr viel größer, als wir angenommen haben.“
Der politische Einfluss Musks würgt Untersuchungen ab
Wegen des Datenlecks musste Tesla eine Börsenpflichtmitteilung abgeben, die die Regulierer aufweckte. Als die Verkehrssicherheitsbehörde und das Justizministerium eine formale Untersuchung gegen Tesla einleiten, gerät Musks Imperium unter Druck. Er reagiert sofort: Mit 250 Millionen Dollar unterstützt er den Wahlkampf von Donald Trump. Als Trump die Wahl gewonnen hat, steigt er in die Regierung ein.
Missy Cummings, Professorin für Robotik und ehemalige Beraterin der Verkehrsbehörde, erhebt in diesem Zusammenhang schwere Vorwürfe gegen Musk: „Ich bin überzeugt, dass er Trump gekauft hat, um die Ermittlungen zu stoppen.“ Eine solche Diagnose liegt nahe, wenn man dem texanischen Politiker Greg Casar folgt. Er konstatierte im Februar 2025 im US-Senat: „Mindestens fünf Generalinspektoren, die Elon Musks Unternehmen untersucht haben, wurden von der Trump-Musk-Regierung entlassen.“
Ein selbsternannter Messias
Pichler schildert nicht nur die Wandlung eines Unternehmers zu einem politischen Akteur, sondern leuchtet auch die ideologischen Hintergründe des rechtsradikalen Aktivisten Musk aus, der in Deutschland die AfD unterstützt. So weist Craig Davis, Ex-Leiter Marketing & Vertrieb von Tesla in Europa, darauf hin, dass Musk mehr Zeit auf seine Raumfahrtfirma Space X verwende als auf Tesla. Sein großer Plan sei, „die technischen Voraussetzungen und das nötige Geld für den Weg ins All zusammenzubringen“. Es gehe letztlich um „die Besiedlung des Weltraums“. Erstes Ziel ist demnach der Mars. Der Philosoph Émile P. Torres fügt hinzu, Musk sehe sich selbst als Messias und träume von einer Verbesserung der Menschheit. „Er vertritt die Ideologie, dass wir fortschrittliche Technologien entwickeln und nutzen sollten, um eine neue posthumane Spezies zu erschaffen.“
Anders als Anja Oldenburg war die Familie eines weiteren Tesla-Todesopfers gerichtlich gegen den Konzern vorgegangen. Die Angehörigen von Naibel Benaides, die 2019 bei einem Tesla-Unfall mit aktiviertem Autopiloten in Florida tödlich verletzt worden war, erwirkte nach einem fünfjährigen Rechtsstreit, dass eine Geschworenenjury im August 2025 Tesla schuldig sprach und eine Strafe von 250 Millionen Dollar auferlegte. Der Konzern legte umgehend Berufung ein. Begründung: Der Fahrer sei schuld an dem Unfall.
Im Abspann erfährt man, dass die Interviews im August 2025 abgeschlossen wurden. Jüngere Ereignisse wie etwa das Ausscheiden Musks aus der Trump-Regierung konnten somit nicht mehr einfließen. Tesla, Musk und Trump hätten Anfragen zu Stellungnahmen nicht beantwortet.

