Vorstellungen
Filmkritik
Wer im Konzertsaal nicht nur Klassische Musik hört, sondern sich gelegentlich auch auf die als schwer zugänglich geltende Disziplin Neue Musik einlässt, kommt am Ensemble Modern nicht vorbei. 1980 gegründet, gehört der Klangkörper mit Sitz in Frankfurt am Main zu den weltweit führenden Ensembles für zeitgenössische Musik. Die 18 Solistinnen und Solisten aus zahlreichen Ländern arbeiten basisdemokratisch zusammen, wählen gemeinsam Programme und Projekte aus und entscheiden im Kollektiv über Kooperationen mit anderen Institutionen. Sie sprechen auch gezielt Komponistinnen und Komponisten an, geben Werke in Auftrag und erarbeiten gemeinsam mit ihnen öffentliche Aufführungen. Jedes Jahr gibt das Ensemble etwa 100 Konzerte und nimmt rund 70 Kompositionen neu ins Programm auf, darunter etliche Uraufführungen. Damit übt es einen maßgeblichen Einfluss auf die internationale Entwicklung der Neuen Musik aus.
Der Autor und Regisseur Thorsten Schütte legt nun mit „Ensemble Modern - Why We Play“ den ersten abendfüllenden Dokumentarfilm über das Ensemble Modern vor. Den Schwerpunkt legt er dabei auf die Arbeitsprozesse des Klangkörpers: Er begleitet die Musizierenden zu Tests und Proben in Hannover, Offenbach und Köln, beobachtet organisatorische Abläufe, lässt die Mitglieder und den Geschäftsführer ausführlich zu Wort kommen und zeigt Konzertausschnitte der erarbeiteten Stücke auf Bühnen etwa in Frankfurt oder Bregenz.
Alles, was druckfrisch ist
In formaler Hinsicht kommt der Film konventionell daher: Ausführliche Statements der Musikerinnen und Musiker, der Komponistinnen und Komponisten wechseln sich mit Aufnahmen von Auf- und Abbauten sowie Impressionen aus dem alltäglichen Musikgeschäft ab. Dabei wird unter anderem deutlich, wie ambitioniert das Ensemble mit seinem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik vorgeht. Gleich zu Beginn betont der Kontrabassist Paul Cannon: „Wir befassen uns mit allem, was druckfrisch ist. Es geht darum, es auszutesten.“
Offensichtlich hat Schütte, der seit rund 30 Jahren Dokumentarfilme über Themen wie Musik, Kultur und Postkolonialismus realisiert, ein enges Vertrauensverhältnis zum Ensemble aufgebaut. Dazu passt, dass Konflikte und Reibereien hier kaum thematisiert werden, wenn man von lebhaften Diskussionen über aktuelle Interpretationen und kolportierten wilden Kontroversen in der Frühzeit über die künstlerische Ausrichtung des Kollektivs absieht.
In dem Film kann man gleichwohl viel lernen. „Wir sind eine GbR, uns gehört das Ensemble. Wir haben keinen Präsidenten, der uns herumkommandiert. Das macht es so besonders“, sagt ein Musiker mit einem gewissen Stolz in der Stimme. „Wir haben keine Festanstellung, wir sind alle selbstständig“, fügt ein anderer hinzu.
Unerschöpfliche Begeisterung für die Musik
260 Dienste im Jahr hat jedes Mitglied abzuleisten. Im Gegenzug erhält es einen Jahresvertrag, der jeweils verlängert werden muss. Mit 67 Jahren ist mehr oder weniger Schluss. Da einige Musiker nach jahrzehntelangem Engagement sich inzwischen dieser Altersgrenze nähern, schauen sie zum Teil mit besorgten Gesichtern in die Zukunft. So bleibt offen, ob sie in Rente gehen oder sich nochmal einen anderen Job suchen. Was auf jeden Fall deutlich wird, ist die unerschöpfliche Begeisterung der Mitglieder für die Musik. So bekennt der Violinist Jagdish Mistry: „Musik ist für mich mehr als eine Sprache geworden. Die Musik bin ich.“
Das Spannende an dem geduldig beobachtenden Dokuporträt ist die Konzentration auf die sorgfältigen Arbeitsprozesse. Schütte hört und schaut aufmerksam zu, wie Dirigenten und Musiker die Kompositionen erarbeiten, wie sie Interpretationen erproben und verwerfen, Alternativen ersinnen und spielen und sich schließlich zumindest vorläufig auf eine Fassung einigen.
Besonders schön zu sehen ist, wie die Solisten es genießen, im Dialog mit Komponistinnen und Komponisten Einfluss auf die Darbietung zu nehmen – anders als bei üblichen Konzerten mit klassischer Musik, deren Komponisten schon lange tot sind. „Die Gespräche mit den Komponistinnen und Komponisten sind für mich die Momente, die unseren Job so besonders machen“, sagt der Violinist Giorgos Panagiotidis bei einer Probe zum Stück „Transfixed“ der Komponistin Milica Djordjević. Sein Kollege Jaan Bossier, der Klarinette spielt, meint: „Hier habe ich das Gefühl, ich kann mitgestalten.“ An einigen Stellen entsteht sogar der Eindruck, dass die Komponierenden sich über kreative Ideen und Vorschläge freuen und bereitwillig ihre Notationen ändern oder anpassen. So sagt der Bassist Cannon einmal: „Sie ändern ständig ihre Meinung.“
Improvisationsfreudig bei der Einzelprobe
Im Lauf des Films ist die Kamera Gast bei etlichen Proben mit etablierten Dirigenten wie Ingo Metzmacher, Enno Poppe und Vimbayi Kaziboni sowie namhaften Komponistinnen und Komponisten wie Heiner Goebbels, Rebecca Saunders und Mark Andre. Bei der Arbeit sieht man aber auch jüngere Talente wie Brigitta Muntendorf oder Djordjević. Muntendorf zum Beispiel zeigt sich bei einer Einzelprobe zu ihrem Stück „Melancolia“, das von einem berühmten Holzschnitt von Albrecht Dürer inspiriert wurde, recht improvisationsfreudig. Als die japanische Violinistin Megumi Kasakawa für eine angepeilte Show-Einlage ein populäres japanisches Lied vorschlägt, bittet Muntendorf sie spontan zum Mikrofon und zeichnet den Liedvortrag auf, der am Ende im Konzert auch so zu hören ist.
Viele weitere Sequenzen machen deutlich, wie offen die Ensemblemitglieder und ihre kreativen Partnerinnen und Partner gegenüber Innovationen und frischen Ideen sind. Kein Wunder, wenn das Programmspektrum sehr weit gefasst ist und von Kammermusik über Musiktheater bis zu multimedialen Formaten mit Multi-Screen-Inszenierungen reicht.
Trotz des großen Renommees, das sich das Ensemble über 46 Jahre erarbeitet hat, klingen auch nachdenkliche Töne an. Einige Musiker machen sich angesichts ungewisser medialer Entwicklungen und veränderter Konsumgewohnheiten der jungen Generation Sorgen um die Zukunft. Der Schlagwerker David Haller sinniert: „Es wird immer schwieriger, rein auf diesem konzertanten Weg, wie wir es als Ensemble Modern gewohnt waren, ein Publikum zu finden.“ Sein kluger Kollege Paul Cannon wiederum, der im Film am häufigsten zu Wort kommt, denkt darüber nach, wie man das Interesse an Neuer Musik neu erwecken und bewahren kann. Er meint, man spiele nicht in „heiligen Hallen“. Jeder könne ins Konzert kommen.

