Vorstellungen
Filmkritik
Nach einem Drogenentzug versucht die 17-jährige Rue Bennett (Zendaya) wieder an ihrer High School Fuß zu fassen. Doch ihre innere Leere wird erst mit Leben gefüllt, als sie die neu zugezogene, transsexuelle Jules Vaughn (Hunter Schafer) kennenlernt. Auch die anderen aus Rues Schul-Clique haben mit adoleszenten Problemen zu kämpfen. Das betrifft sowohl ihre Freundinnen Kat Hernandez (Barbie Ferreira) und Cassie Howard (Sydney Sweeney) als auch den narzisstischen Football-Star Nate Jacobs (Jacob Elordi) und dessen missbräuchliche Beziehung mit Maddy Perez (Alexa Demie).
Von der ersten Minute an wird der Zuschauer von Sam Levinsons Serie „Euphoria“ in die fragile und selbstzerstörerische, zugleich aber auch von Neugier und Sinnsuche geprägte Lebenswelt der Teenager hineingesogen. Diese sind auch ein Spiegelbild der Gen Z, die wie keine andere Generation zuvor mit der Informationsflut des Internets und dem permanenten Sichtbarkeitsdruck auf Social Media zu kämpfen hat.
Dieses Alleinstellungsmerkmal findet sich auch in der Optik der Inszenierung wieder: Neonlichter, glitzerndes Make-up und eine dynamische Kamera erzeugen die Bilderwucht, die es benötigt, um die emotionale Achterbahnfahrt der Figuren erfahrbar zu machen. Die visuelle Kraft wird durch den Filmsound perfekt: Dröhnende Bässe wechseln sich mit melancholischen Melodien ab. Sie machen den Rausch, die Angst und die Einsamkeit hautnah spürbar.
Die toxische Spirale der Sucht
Im Zentrum der Inszenierung stehen die Konsequenzen von Rues Drogenabhängigkeit. Hier wird auf schmerzhafte Weise der schonungslose Umgang einer Süchtigen mit ihrer Familie und sich selbst thematisiert. Weder die Liebe von Rues Mutter noch die ihrer kleinen Schwester können das Verlangen der Protagonistin nach immer härteren Drogen verhindern. Trauer, Wut, Liebe und Hass geben sich die Klinke in die Hand – die Suchtkrankheit wird zur Zerreißprobe und gipfelt in der totalen Eskalation.
Man kennt diese herzzerreißende Dynamik bereits aus thematisch verwandten Filmdramen wie „Jim Carroll“ mit Leonardo DiCaprio als drogensüchtiger Teenager oder „Beautiful Boy“, in dem Steve Carell den verzweifelten Vater und Timothée Chalamet den jugendlichen Junkie mimte.
Sexuelle Grenzerfahrungen
Während die zunehmend enge Freundschaft zwischen Rue und Jules zwar kompliziert, aber mit viel Herz daherkommt, lassen insbesondere Geschehnisse um den manipulativen Nate in tiefe (sexuelle) Abgründe blicken. Gleiches gilt für seinen Vater Cal (Eric Dane), der als vermeintliches männliches Alphatier die meisten Leichen im Keller hat. Die Verfechtung gesellschaftlicher Rollenbilder wird hier dekonstruiert.
Tragisch ist auch der Leidensweg von Cassie: Während sie in der ersten Staffel noch als das klassisch-naive, von außen hypersexualisierte Mädchen von nebenan auf der Suche nach emotionaler Validierung charakterisiert wird, vollzieht sie in Staffel 2 eine radikale Metamorphose. Ihre Sehnsucht nach Liebe mutiert zu einer psychotischen Obsession, die in Betrug und Verrat mündet.
Eine späte Fortführung: Staffel 3
Aufgrund diverser Verzögerungen der Dreharbeiten – vor allem wegen der Covid-Pandemie und des Autorenstreiks in Hollywood – liegen zwischen der zweiten und dritten Staffel vier Jahre. Das spiegelt sich auch auf der Zeitebene der Serie wider. Die bunten Highschool-Partys sind vorbei. Wie steht es nun um die einst leidgeplagten Teenager?
Dreh- und Angelpunkt Rue wird im Staffelauftakt rasant in Szene gesetzt: In „Breaking Bad“-Manier rast die noch immer bei der Dealerin Laurie (Martha Kelly) in der Schuld stehende Hauptfigur mit einem Auto durch die Wüste von Mexiko, um einen Berg von Drogen in die USA zu überführen. Dabei kollidiert sie spektakulär mit dem Trump’schen Grenzzaun und muss die Reise zu Fuß weiterführen. Dass sie im Anschluss von einer gottesfürchtigen Republikaner-Familie aufgenommen wird und so ihren Drogendeal sicher über die Bühne bringen kann, ist ein schöner Seitenhieb auf die Doppelmoral der US-amerikanischen Konservativen.
Quentin Tarantino lässt schön grüßen
Doch den ursprünglichen Fokus von „Euphoria“, die Sorgen und Sehnsüchte einer Generation unter die Lupe zu nehmen, verlieren die Serienmacher in Staffel drei zunehmend aus den Augen. Wer auf einer konsequenten Weiterentwicklung der zuvor so feinfühlig aufgebauten Charaktere hofft, wird enttäuscht. Stattdessen ist die Dramaserie zu einem bemüht coolen Ausflug in die cineastische Popkultur mit Reminiszenzen an Gangsterfilme wie „Scarface“ und „Pulp Fiction“ geworden.
Wenn der schwarze Gangsterboss Alamo (Adewale Akinnuoye-Agbaje) ausführlich darüber sinniert, ob eine rassistische Beleidigung oder die Betitelung als „Schwein“ verwerflicher ist, wähnt man sich eher in einem Tarantino-Film als in der Welt von „Euphoria“. Als Rue schließlich zur Waffenhändlerin „aufsteigt“ und im Gespräch mit Kunden über die Vorteile der einzelnen Schusswaffen schwadroniert, wird es richtig hanebüchen. Diese Rollenzuschreibung hat endgültig nichts mehr mit der suchtgeplagten jungen Frau aus den ersten beiden Staffeln zu tun. Negativer Höhepunkt der überdrehten Popkultur-Anspielungen ist Cassies King-Kong-Variante, in der sie Hollywood wortwörtlich als Sex-Monster zum Beben bringt.
Mehr nackte Haut als erzählerische Tiefe
„Sex sells“ ist ohnehin das Motto der dritten Staffel. Während sexuelle Ausschweifungen und Tabubrüche bis dato mit einer komplexen Charakterisierung der Figuren einhergingen, verkommt die nun gezeigte nackte Haut in unzähligen Stripclub-Szenen samt Close-ups auf weibliche Brüste und Hinterteile überwiegend zum voyeuristischen Selbstzweck. Gleiches gilt für die auf die Spitze getriebenen Perversitäten bei Cassies Auftritten auf der Internetplattform OnlyFans.
Schließlich versucht die Serie eine moralische Kehrtwende. Rues rastlose Suche nach Gott und der finale blutige Kampf ihres Mentors Ali (Colman Domingo) gegen das Böse – in Form einer völlig unrealistischen Hommage an das Western-Genre – wirken wie ein verzweifelter Mahnruf, der im sonst so nihilistischen Universum von „Euphoria“ eher deplatziert erscheint.
Sprungbrett in die A-Liga der Traumfabrik
Trotz aller erzählerischen Brüche in Staffel drei bleibt „Euphoria“ in seiner Gesamtheit ein visuell unvergessliches und zutiefst erschütterndes Dokument moderner Einsamkeit. Das blieb auch in Hollywood nicht unbemerkt. Insbesondere für Zendaya („Dune“) und Sydney Sweeney („The White Lotus“) bedeutete die Serie den endgültigen Karrieredurchbruch. Zendaya emanzipierte sich mit der Serie radikal von ihrem Disney-Image. Ihre physisch und psychisch fordernde Darstellung der tablettensüchtigen Rue brachte ihr zwei „Emmys“ ein. Gleichzeitig bewies Sweeney als Cassie, dass sie extrem emotionale und verletzliche Charaktere mit einer radikalen, fesselnden Hingabe auf die Leinwand bringen kann.



