Szene aus Die Magnetischen
Filmplakat von Die Magnetischen

Die Magnetischen

95 min | Drama | FSK 16
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Bretagne, Frankreich, 1980er Jahre. Eine Gruppe von Freunden, die das langweilige Landleben satt haben und nach Aufregung streben, gründen einen Radiosender.
  • RegieVincent Maël Cardona
  • ProduktionFrankreich
  • Dauer95 Minuten
  • GenreDrama
  • AltersfreigabeFSK 16
  • TMDb Rating6/10 (68) Stimmen

Filmkritik

Philippe (Thimotée Robart) hasst es, am Mikrofon zu sitzen. Sein Bereich liegt dahinter, dort, wo Plattenspieler und Kassetten die Musik abspielen, wo Kabel, Vinyl und Magnetband das wiedergeben, was Kurz- und Langwelle in die Welt hinaussenden.

An seinem ersten Tag beim „British Forces Broadcasting-Service“, dem Radiosender der britischen Truppen, wird er in der Sendung liebevoll als „Mister Frog“ vorgestellt. Seine ersten Worte sollen eine Liebeserklärung an eine Frau werden, die er eigentlich nicht lieben darf. Worte, die Philippe bisher nicht gefunden hat und auch bei seiner Feuerprobe auf Sendung nicht findet.

Eine Liebeserklärung an eine Ära

Nach einigen Sekunden Stille – in Radiosendezeit gemessen eine Ewigkeit – rennt er aus dem Studio. Doch das ist nicht das Ende, sondern der Anfang seiner Radiokarriere. Philippe kehrt mit einem riesigen Lautsprecher ins Studio zurück. Er wuchtet ihn auf den Tisch, zieht die Mikrofone von der Decke, lässt sie über dem Lautsprecher schwingen und erzeugt aus dem, was eine Kakophonie von Störgeräuschen sein müsste, einen harmonischen Klangteppich. Darin ist der Beginn seiner Liebeserklärung verpackt, die er schließlich mit einer perfekten Überleitung auf „Teenage Kicks“ von den Undertones kürt.

„Die Magnetischen“ ist als Film genau das: eine Liebeserklärung. Nicht an eine Frau, sondern an eine Ära und ihre Musik; eine Liebeserklärung an die Mitterand-Zeit, an das Analoge und dem aus ihm geborenen Erfindergeist. Eine Hymne auf die Klänge, die Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre entstanden, als jedes Gerät zweckentfremdet und für die eigene musikalische Agenda eingespannt wurde.

Wenn Philippe beim lokalen Piratensender und beim späteren Militärfunk blüht diese Ära und mit ihr der Film auf. Kassetten springen aus dem Deck, Tonbänder laufen vor und zurück, ein von Marianne (Marie Colomb), der Angebeteten, geklautes Flüstern, wird mit einem Echo versehen, aus der Spule einer Kassette wird erstaunlicher Fingerfertigkeit eine Endlosschleife gebastelt – schon ist der Jingle für die eigene, zu dieser Zeit noch in der kleinen Heimatstadt aufgenommene Radiosendung fertig.

Im Zentrum des Kalten Kriegs

Der Moderator der Sendung ist Jérôme (Joseph Olivennes), Philippes großer Bruder. Obwohl der Film in seinen musikalischen Momenten sichtbar mehr Leidenschaft entwickelt, ist er notwendigerweise um den dramatischen Kern der brüderlichen Beziehung strukturiert. Der ältere, charismatischere Bruder, der am Mikron sitzt, bei den Frauen Erfolg hat, der Kleinstadt aber nie entkommen wird, und der Jüngere, der zurückhaltend im Hintergrund ausharrt, bis sein Talent ihm all die Wege eröffnet, die sein Bruder nie gehen wird.

Zu den ersten Schritten zwingt ihn der Staat. Philippe wird eingezogen. Mehr als Soldat verkleidet denn tatsächlich ein Soldat, wird er nach Berlin beordert. Ohne seinen Bruder und Marianne, nur mit seinem Talent im Gepäck, ist er plötzlich im Zentrum des Kalten Kriegs. Der interessiert ihn aber ebenso wenig wie der von seinem Umfeld feuchtfröhlich gefeierte Wahlsieg von François Mitterand. Philippe will Radio machen. Das ist kein Problem in der Metropole, die wie kaum eine andere Pulsschlag und Rhythmus der Zeit prägt. Trotz (oder eben wegen) des Wehrdienstes findet der junge Franzose vom Land einen Platz beim britischen Radiosender.

Ein Pionier der Subkultur

Eine Szene, in der Philippe in Uniform durch Berlin schlendert, nimmt bereits das vorweg, was die Zeit bringen wird. Sah der Kampfanzug mit Helm am Körper des schlaksigen Rekruten noch wie ein unfreiwillig getragenes Kostüm aus, ist Philippe im Armee-Parka schon mehr Subkultur-Pionier als Soldat.

Der Parka ist emblematisch für einen Film, der Zwänge, Abgründe und Tragödien immer schon zur Kunst verarbeitet hat, ehe sie sich entfalten können. Am Checkpoint Charlie gibt es Ecstasy, hinter der Mauer Untergrundpartys und bei der Dienstpflicht „Joy Division“, Nina Hagen oder „Malaria! zur Begleitung. Die Popkultur siegt auf ganzer Linie. So sehr einige Szenen auch dagegenzuhalten versuchen: Der Wehrdienst ist halb so schlimm, die unglückliche, weil unmögliche Liebe zu Marianne, die schwierige Beziehung zum älteren Bruder und die wirklichen Schicksalsschläge sind nur temporäre Hindernisse für eine Zukunft, die es gut meint mit denen, die wissen, wie man mit Vinyl und Magnetband umgeht.

Erschienen auf filmdienst.deDie MagnetischenVon: Karsten Munt (22.1.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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