Vorstellungen
Filmkritik
Kann ein Deutscher oder die heutige deutsche Gesellschaft die Vergangenheit - Erfahrungen und Wesensbelastungen aus zwei Jahrhunderten - noch loswerden oder überwinden? Wo und wie kann der deutsche Mensch eine eigene Reise unternehmen, um den Sünden der Väter zu entgehen, zu lernen, mit dem Leben fertig zu werden, ohne Träume, mit gesundem Menschenverstand zu leben und zu lieben, ohne sich zutiefst zu täuschen und den möglichen, kontaktbereiten Partner im wesentlichen zu enttäuschen?
Ein unendlicher Katalog persönlicher und gesellschaftlicher Fragen steckt in einem vielfach erstaunlichen deutschen Film, der das gesellschaftliche und politische Befinden mit dem scheinbar privaten Zustand von Gefühl und Moral gleichsetzt, wo nicht einander befragendes Tun, sondern "der Anblick bereits ein Ereignis ist", in einem Lande, wo es wie eh eine paradoxe, traumhaft schöne Landschaft gibt, die dazu da ist, menschlich unfruchtbare Träume zu entwickeln, doch kein schöpferisches Individuum (mehr) gebärt.
Worin und wieweit hat sich dieses Land verändert? Wie wirken Veränderungen nach, die sich in 180 Jahren ereigneten, wo Verheißungen eines Goethe und eines Hitler, extrem entgegengesetzter "Befreier" deutscher Seele, sich auf so widersprechende Weise niedergeschlagen haben? Inwiefern differieren sie in manch verflixter Schwäche für "Stärke", für Fortschritt und Lebensbejahung, die "allen Widergeist, alles Mißwollen und Mißreden beseitige" (Goethe), die eine "zusprechende aktivistische Gesamtstimmung" begünstigt hat, welche hundert Jahre später zu chaotischer Ordnungsliebe führt: "Das kulturelle Leben in Deutschland ist dadurch gekennzeichnet, daß sich allmählich in allen kulturellen Gebieten, entsprechend dem durch die Kriegsverhältnisse gegebenen Rahmen, eine in sich gleichmäßig geordnete Entwicklung abzeichnet." ("Meldungen aus dem Reich", 1939) Werden die Lehrjahre des (Unbehaglichkeits-) Gefühls einmal abgeschlossen sein? -
Dreißig - oder: hundertachtzig - Jahre danach bricht Wilhelm Meister (Rüdiger Vogler), der Held oder Anti-Held unsicheren Begriffs von richtiger und falscher "Bewegung", im hohen deutschen Norden, in seinem Heimatort Glückstadt auf, um das ganze deutsche Land zu durchqueren bis zum untersten, höchsten Punkt des Landes, wo es ihm auch auf der Zugspitze, trotz klarer, weiter Sicht noch dräut, "vieles versäumt" zu haben und "immer noch was zu versäumen mit jeder neuen Bewegung". Auch die Natur in deutscher Landschaft erlebt Wilhelm quasi als Abbild weltschmerzlich-gefühligen, persönlichen und politischen Befundes. Unterwegs ist er zwei Generationen begegnet, aus denen er eine Erfahrung zog: daß "Gutmütigkeit und Erbarmungslosigkeit" - so will er als Schriftsteller beweisen - "zusammengehören".
Die äußerst heterogene Gruppe, die sich auf dem Wege seiner Selbstsuche gebildet und im romantisch-verkommenen Rheinschloß eines verzweifelten Industriellen sich zu "finden" bemüht hatte, fiel nach dem Selbstmord des Schloßbesitzers wieder auseinander. Es waren Mignon (Nastassja Kinski), ein stummes Artistenkind von unerklärter Anziehungskraft, der vom Rassismus unbewußt verfolgte Harmonika-Harfner Laertes (Hans Christian Blech), dann Therese (Hanna Schygulla), selbstbewußte, schlichte Schauspielerin, zu vernünftiger, kameradschaftlicher Liebe fähig, doch durch die Schuld ihrer Umgebung nicht weniger vereinsamt als Wilhelm, der ihre Liebe nicht wahrzunehmen und umzuwerten vermag. Schließlich Landau (Peter Kern), der charmante, etwas tragikomische österreichische Dichter, mit besserer Beobachtungsgabe für Einzelheiten, größerer Berührungsfähigkeit und Fabulierlust als Wilhelm, noch mehr geprägt von mutloser Scheu vor der landläufigen Angst, die "hier gilt als Eitelkeit oder Schande", wie der dem geschäftigen Leben entfremdete Industrielle klagte, dessen Frau sich drei Wochen vorher im einsamen Schloß erhängt hat.
"Warum muß zwischen mir und der Welt so ein maßloser Unterschied sein", so endet anfangs Landaus Gedicht für die Gruppe charakteristisch. "Mit geschlossenen Augen sah ich ganz deutlich, was ich mit offenen nicht wahrhaben wollte", artikuliert Wilhelm später, inmitten von Wohnbetonklötzen, seine mangelnde Liebesfähigkeit und seine Abneigung gegen Politik. Aber kann man heute "unpolitisch schreiben"? "Ja, wenn man beschreiben könnte, wie man sich dem Politischen entfremdet hat..."
Wilhelm ist jedoch auf dem Wege zu begreifen, daß "das Politische und das Poetische" nie eins sein können. Oder wäre das nur das Ende einer - falsch bewegten - Sehnsucht und der Beginn eines neuen, besseren Weltverständnisses? "Ich bewegte mich durch die Landschaft, als wenn ich alles erlitte", bekennt Wilhelm, der sich den Veränderungen mehr ausgeliefert fühlt, anstatt selbst etwas mehr "wirklich zu tun", was allein Thereses Gegenwart fordert.
Die literarische Vorlage von Peter Handke, den titelgleichen Roman über den Sinn gegenwärtigen geistigrealen Lebens, von jugendlicher Verdrossenheit und Un-Lust "auf Menschen", von Kontaktschwäche und falscher Unruhe, hat Regisseur Wim Wenders in einen elegisch ausgeglichenen, farblich ungemein schön komponierten Film geschmolzen, der das lähmende Lebensgefühl, kulminierte Depressionen aus mehreren deutschen Epochen, filmisch und darstellerisch versinnlicht, ohne jedoch den Ansatz einer sozialpsychologischen Analyse zu versuchen. Das unlöslich anmutende Stimmungssinnbild am Abgrund ständigen Fortschritts (eines Fortschreitens vom Menschen) ist zweifellos einer der besten deutschen Filme.


