Zum Hauptinhalt springen

Father Mother Sister Brother

110 minDrama, KomödieFSK 12
Tickets
Szenebild von Father Mother Sister Brother 1
Szenebild von Father Mother Sister Brother 2
Szenebild von Father Mother Sister Brother 3
Szenebild von Father Mother Sister Brother 4
FATHER MOTHER SISTER BROTHER ist ein behutsam als Triptychon komponierter Spielfilm. Die drei Geschichten kreisen um die Beziehungen erwachsener Kinder zu ihren teils distanzierten Eltern und untereinander. Jedes der drei Kapitel spielt in der Gegenwart, jedes in einem anderen Land: FATHER ist im Nordosten der USA angesiedelt, MOTHER in Dublin und SISTER BROTHER in Paris. Es ist eine Reihe von Charakterstudien, ruhig, beobachtend und ohne Wertung – und zugleich eine Komödie, durchzogen von feinen Fäden der Melancholie.
In seinem neuesten Geniestreich lässt Regie-Ikone Jim Jarmusch den hochkarätigen Cast um Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps, Indya Moore und Luka Sabbat die Untiefen familiärer Beziehungen ausloten. FATHER MOTHER SISTER BROTHER wurde bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
  • Veröffentlichung26.02.2026
  • Jim Jarmusch
  • Frankreich (2025)
  • 6.7/10 (885) Stimmen

Im Sprachgebrauch von Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) bezeichnet der „Twin Factor“ einen Moment des simultanen Empfindens oder auch Denkens. Etwa zeitgleich zu spüren, wenn der Zwillingsbruder hunderte Kilometer weit entfernt gerade eine Mikrodosis Marihuana einnimmt, oder wenn sich die Zwillingsschwester mit einem Virus ansteckt. Skye und Billy, das Geschwisterpaar in der dritten Episode von „Father Mother Sister Brother“, haben sich in Paris verabredet, um ein letztes Mal das inzwischen leer geräumte Apartment der tödlich verunglückten Eltern aufzusuchen und Abschied zu nehmen. Auf der Fahrt durch die Stadt sprechen sie über dieses und jenes, und immer wieder kommt es dabei zu diesen „Twin Factor“ genannten quasi-telepathischen Momenten.

Harmonie fällt durch Abwesenheit auf

Erfahrungen des Gleichklangs und der stillen Harmonie fallen in den ersten beiden Episoden umso mehr durch Abwesenheit auf; die Interaktion zwischen den entfremdeten Familienmitgliedern ist sichtlich verquer, verklemmt und verlogen. Im ersten Teil „Father“ besuchen die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) nach zwei Jahren erstmals ihren verwitweten Vater (Tom Waits) in einer abgelegenen Hütte im winterlichen New Jersey. Auf der Autofahrt machen sich die beiden Gedanken darüber, wovon der Vater überhaupt lebt – irgendwelche „Projekte“, meint Jeff, bevor er zugibt, dass er für häusliche Reparaturarbeiten mit größeren Summen ausgeholfen hat. Der Vater produziert derweil mit gezielten Eingriffen wie Wäsche- und Bücherstapeln Unordnung in seinem Zuhause.

Das Wiedersehen ist zäh, jede Sekunde zieht sich quälend in die Länge. Es gibt Wasser zu trinken und nichts zu sagen, der Hahn tropft und der Vater, der den Trottel mimt, trägt merkwürdigerweise eine – er sagt: gefälschte – Rolex. Einziger Lichtblick: ein schöner Schaukelstuhl, auf den sich zuerst Emily, dann Jeff niederlässt, um ein wenig auf den See zu schauen und dem ganzen Theater wenigstens einen friedlichen Augenblick abzuringen.

Es knirscht schon bei der Anfahrt

Fast noch verquerer, verklemmter und nicht unbedingt ehrlicher verläuft die jährliche Familienzusammenkunft in einer bourgeoisen Wohngegend in Dublin. Wie jede der drei Episoden wird auch die mittlere mit einer Autofahrt eingeleitet. In „Mother“ knirscht es schon bei der Anfahrt. Die alte Karre von Timothea (Cate Blanchett) bleibt liegen, und Lilith (Vicky Krieps) beauftragt ihre Freundin, die sie mit dem Auto bringt, der Mutter (Charlotte Rampling) die Uber-Fahrerin vorzuspielen. Es gibt Tee und exquisite kleine Törtchen in Pastellfarben. Weil Timotheas Blumenstrauß angeblich die Sicht versperrt, wird er von der Mutter durch etwas „Dezenteres“ ausgetauscht. Auch hier verlaufen die Gespräche zäh wie Kleister. In den Gesten, Blicken und wenigen Sätzen, die gewechselt werden, wird hingegen alles deutlich ausformuliert: die überspielte Enttäuschung der als Autorin erfolgreichen Mutter, das Bemühen der älteren Schwester und die Show der jüngeren, das ökonomische Gefälle und die feinen Unterschiede.

Fremdsein und Einsamkeit sind Konstanten im Werk von Jim Jarmusch. In seinem mittlerweile 14. Spielfilm verlagert er diese Befindlichkeiten in die Eltern-Kind-Beziehung – eine Konstellation, die dem Jarmusch-Komplex bisher eigentlich eher fremd war. Erzählerisch schließt das Triptychon hingegen an die episodische Struktur früherer Arbeiten wie „Mystery Train“ (1989) und „Night on Earth“ (1991) an.

Alle unglücklichen Familien gleichen einander

Verbunden sind die drei Teile durch den „Twin Factor“, gemeinsame, leicht variierte Motive, Korrespondenzen und Spiegelungen: die Fahrten mit dem Auto, Skateboarder, die in Slow Motion vor dem Autofenster vorbeiziehen, rote und bordeauxfarbene Kleidungsstücke, die „falsche“ Rolex, ein Sprichwort und die witzlose Frage, ob man mit Wasser oder Schwarztee überhaupt anstoßen „darf“. Die Wiederholungen sind weniger Spiel als Diagnose. Es herrscht die Umkehrung des „Anna Karenina“-Prinzips: Alle unglücklichen Familien gleichen einander.

Jarmusch möchte die angeknacksten Familienbeziehungen weder sezieren noch heilen, und er hat auch kein Interesse daran, überhaupt zu Abgrund und Schmerz vorzudringen. „Father Mother Sister Brother“ kommt ganz ohne die zynischen Spitzen aus, die in Filmen über dysfunktionale Beziehungen üblicherweise vorherrschen; auch müssen keine Familiengeheimnisse gelüftet werden. Die Hilflosigkeit im Umgang hat vielmehr etwas Rührendes.

Nahezu lautlos

Geradezu tröstend ist die nahezu lautlose Atmosphäre des Films, das beruhigende Dahingleiten im Auto, das Ausblenden der Nebengeräusche beim Cafébesuch von Skye und Billy mit den für Jarmusch typischen „Top Shots“ aus „Coffee and Cigarettes“. So schippern die Geschichten gemächlich und bei aller in Szene gesetzten Anspannung unterspannt, aber eben auch frappierend uninteressant vor sich hin.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFather Mother Sister BrotherVon: Esther Buss (16.12.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de