Filmplakat von Horizon

Horizon

85 min | Drama
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Am nördlichen Stadtrand von Paris, wo sich Wohnprojekte aus Feldern erheben, brennt die 18-jährige Adja vor Lebenslust. Während ihr Bruder als Profifußballer durchstartet, ihre beste Freundin als Influencerin in den sozialen Medien auftaucht und ihre Mutter um die Rettung ihrer Heimatstadt im Senegal kämpft, hat Adja nur eine verschwommene Vorstellung von ihrer Zukunft. Mit Arthur, der mehr als nur ein Freund wird, wächst ihr politisches und ökologisches Bewusstsein, und Adja schließt sich dem Kampf ihrer Generation an.

Vorstellungen

C1 Cinema
Lange Str. 60
38100 Braunschweig
Cineworld-Cineplex
Mainfrankenpark 21
97337 Dettelbach

Filmkritik

„Dream City“ lautet der verheißungsvolle Name eines riesigen Einkaufszentrums, das einen Vorort von Paris schmücken soll. Der in eher prekären Verhältnissen lebenden Bevölkerung wird das Projekt mit der Aufwertung des Viertels sowie zahlreichen neuen Arbeitsplätzen schmackhaft gemacht. Widerstand regt sich jedoch bei denen, die diesen Traum für eine Lüge halten. Denn Bauern sollen ihr Land verlieren, Ladenbesitzer einen übermächtigen Konkurrenten bekommen und die Natur weiter industrialisiert werden.

Die 18-jährige Adja (Tracy Gotoas), die gerade ein Praktikum als Altenpflegerin macht, interessiert das in „Horizont“ zunächst alles recht wenig. Während man sie dabei beobachtet, wie sie sich bei der Arbeit geduldig um eine Patientin kümmert oder zu Hause von ihrem Bruder zurechtgewiesen wird, der als aufstrebender Fußballprofi die Familie finanziell unterstützt, bekommt Adjas Wesen langsam Kontur. Das Mädchen ist offen und einfühlsam, passt sich den äußeren Umständen aber etwas vorschnell an.

Eine Tür in eine andere Welt

Ganz anders ist ihr Kollege Arthur (Sylvain Le Gall), der sich dem entschiedenen Kampf gegen „Dream City“ verschrieben hat, weil seine Eltern Landwirte sind. Adja und er ziehen sich zwar ständig gegenseitig auf, aber sie tun es mit einer Vertrautheit, die verrät, wie sehr sie sich eigentlich mögen. Der hübsche und verständnisvolle Junge mit den langen Rasta-Locken öffnet in dem Film von Emilie Carpentier die Tür in eine andere Welt.

Mit einem aus Bretterbuden gebauten Dorf hat Arthur gemeinsam mit anderen jungen Öko-Aktivisten den Baugrund besetzt. Adja kommt in diese Parallelwelt als Besucherin, die sich noch nicht richtig festlegen will. Auch als sie Arthur auf eine Demo begleitet, die schließlich gewaltsam von Polizisten aufgelöst wird, tritt sie im entscheidenden Moment zurück und bleibt Beobachterin.

Die Distanz des Mädchens erlaubt einen ambivalenten Blick auf die Aktivisten. Dass es sich überwiegend um Kinder aus gutem Haus handelt, die sich hier zwischen Sozialwohnungen einen Spaß daraus machen, möglichst ursprünglich zu leben, findet Adja befremdlich. Besonders ein Mädchen, das ständig vulgäre Grimmassen zieht und gern ihre nackten Brüste zeigt, muss dabei eine Weile als grob gezeichnete Gegenspielerin herhalten.

Um Leben und Tod

„Horizont“ erzählt von keinem Erweckungserlebnis, sondern von einem sich zögerlich entwickelnden Bewusstsein. Adja beginnt langsam zu verstehen, wie stark ihr Leben von äußeren Umständen geprägt ist und wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind. Die Stärken von „Horizont“ liegen in seiner unverbindlichen, neugierig mäandernden Erzählweise. Mitunter aber greift die Inszenierung auch auf plumpe dramaturgische Manöver zurück. So wird Adja zur Aktivistin, weil ihr Bruder wegen einer Verletzung plötzlich seine Karriere beenden muss und ihre Familie im Senegal mit einer Überschwemmung kämpft, die explizit als Folge des Klimawandels bezeichnet wird. Auch Arthurs Engagement soll besonders dringlich erscheinen, weil sein Vater aus Verzweiflung in den Hungerstreik tritt. Es reicht nicht, dass die Jungen unzufrieden sind, es muss gleich um Leben und Tod gehen.

Über weite Strecken zeichnet Carpentier die Situation aber durchaus komplex. Zwar nimmt der Film Adjas Blick ein, muss deshalb aber andere Meinungen nicht zwangsläufig als Lügen entlarven. Als ein Polizist (Slimane Dazi) das Mädchen daran erinnert, dass es mit einer Vorstrafe keinen Job bekomme und überdies die Vorzüge des Einkaufszentrums betont, hat er damit nicht unrecht, sondern nimmt lediglich eine andere Perspektive ein.

Die Ohnmacht der jungen Protagonisten übersetzt der Film in einen konkreten Kampf. Der Aktivismus bleibt allerdings diffus und unbeholfen, weil er zwar einen Gegner kennt, sich aber kaum mit konkreten Maßnahmen beschäftigt. Der titelgebende Horizont, den die mehrmals in die Lüfte schnellende Kamera ins Visier nimmt, steht für eine ungewisse und deshalb beängstigende Zukunft, aber auch für eine Hoffnung, die im jugendlichen Tatendrang liegt.

Ein trügerischer Glanz

Gerade weil Carpentier meist das Gesamtbild im Blick behält, wirkt das Ende ein wenig naiv. Adjas Aufbegehren wird romantisiert und dessen Aussichtslosigkeit völlig ausgeblendet, so als wäre schon etwas damit gewonnen, wenn man seiner Wut freien Lauf lässt. Die Revolution, die am Ende von „Horizont“ steht, wirkt dadurch nicht weniger trügerisch als der Name „Dream City“.

Erschienen auf filmdienst.deHorizonVon: Michael Kienzl (28.1.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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