Filmplakat von Projekt Ballhausplatz

Projekt Ballhausplatz

95 min | Dokumentation | FSK 12
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2010 katapultiert sich Sebastian Kurz per Geilomobil ins Zentrum der Aufmerksamkeit, kurz darauf ist er Integrationsstaatsekretär, Außenminister, ÖVP-Chef und schließlich 2017 Kanzler. Der Weg an die Spitze war akribisch geplant, unlautere Mittel inklusive. Die Macht über den Staat war in der Hand ein paar weniger Menschen, seinen „Prätorianern“, wie sie sich selbst bezeichneten. Die Medien, zunächst skeptisch, liegen Kurz bald zu Füßen. In Deutschland feiert die Bild-Zeitung den „Klartext-Kanzler“ aus Österreich bis heute. Man möchte meinen, ein Comeback stehe im Raum, während in Österreich die Aufarbeitung gerade erst in die Gänge kommt. Kurt Langbein rekonstruiert in PROJEKT BALLHAUSPLATZ präzise den von langer Hand geplanten Aufstieg von Sebastian Kurz. Eine Collage aus Archivmaterial und Interviews mit Wegbegleiter*innen und Kritiker*innen dekonstruiert den Masterplan dahinter und zeigt die Methoden, die Kurz von der Jungen ÖVP ins Bundeskanzleramt führten.
Der Film erzählt den Aufstieg und Fall eines Bewunderten, dessen Geheimnis so furchtbar und banal ist, wie die Welt eines Selbstberauschten nun einmal funktioniert. Mit einer Politik zum reinen Selbstzweck, um Macht zu erweitern und zu zementieren.
  • RegieKurt Langbein
  • ProduktionsländerÖsterreich
  • Produktionsjahr2024
  • Dauer95 Minuten
  • GenreDokumentation
  • AltersfreigabeFSK 12
  • IMDb Rating5.6/10 (101) Stimmen

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Burgtheater Ratzeburg
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Filmkritik

Am Anfang war das Geilomobil. Eine Trash-Politkampagne rund um einen überdimensionierten Hummer-Geländewagen sowie leichtbekleidete junge Frauen machten Sebastian Kurz, der damals noch Wiener Lokalpolitiker und gerade einmal 24 Jahre alt war, im Jahr 2010 in Österreich landesweit bekannt. Woher das Geld für die aufwändigen Werbeaktionen kam, ließ sich schon damals nicht so leicht eruieren. Die Parteikassen der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) standen Kurz damals jedenfalls noch nicht offen, wie man aus dem Dokumentarfilm „Projekt Ballhausplatz: Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz“ entnehmen kann.

In dem Film von Kurt Langbein wird die Geilomobil-Nummer als Auftakt eines machttaktischen Kalküls beschrieben: Aufmerksamkeit um jeden Preis für den kecken Haargel-Jungpolitiker. Der Aufstieg verläuft rasant, wobei vor allem Kurz’ opportunistische Wandelbarkeit ins Auge springt. Als Integrationsstaatssekretär gibt er sich vergleichsweise liberal und problemorientiert, als Außenminister ist er vor allem auf Fototermine mit den Mächtigen dieser Welt aus – und als die Stimmung im Land immer mehr in Richtung rechts kippt, schwenkt er auf einen fremdenfeindlichen Hardliner-Kurs um.

Das System Kurz

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Der Schulterschluss mit der rechtspopulistischen FPÖ sowie dem ungarischen Ministerpräsident Viktor Orbán in der Europapolitik trägt ihn ins Kanzleramt, das am Wiener Ballhausplatz liegt, wo Kurz einen autoritären, strukturell korrupten Führungsstil pflegt und sich weiterhin regelmäßig auf Kosten von Migranten und anderen gesellschaftlichen Randgruppen zu profilieren versucht. Selbst die Ibiza-Affäre, die seinen Koalitionspartner zu Fall bringt, kann den Jungstar der Rechtskonservativen zunächst nicht stoppen – bevor dann ein Zufallsfund während einer Hausdurchsuchung das System Kurz zum Einsturz bringt.

Die Geschichte ist in ihren Grundzügen bekannt. Der Film fügt ihr nichts Neues hinzu, sondern beschränkt sich darauf, sie einigermaßen unterhaltsam nachzuzeichnen, hauptsächlich mithilfe einer Mischung aus Nachrichtenbildern und Talking-Head-Interviews. Die Gesprächspartner rekrutieren sich aus den Reihen der politischen Gegner von Sebastian Kurz. Den „inneren Zirkel“ des Ex-Kanzlers bekommt Langbein nicht vor die Kamera, wenngleich er im Film präsent ist. Denn immer wieder werden Chat-Nachrichten ins Filmbild eingeblendet, die die durchweg fragwürdigen und teils womöglich auch strafrechtlich relevanten Machenschaften der Kurz-Clique dokumentieren; eine erste Verurteilung von Kurz ist nach einer Berufung noch nicht rechtskräftig. Es sind eben jene Nachrichten, die Ermittler bei dem Kurz-Kumpel Thomas Schmid sicherstellten und die letztlich den Sturz des Kanzlers zur Folge hatten.

Größenwahn und Machtpolitik

Dabei geht es um gekaufte Berichterstattung, Gefälligkeiten für befreundete Unternehmer, die Einschüchterung politischer Gegner und ähnliches. Noch interessanter als die skandalösen Inhalte der Nachrichten ist dabei ihre Form, die Einblicke gibt in die Abgründe des zeitgenössischen Politikbetriebs. Die kraftmeierische Rhetorik aller Beteiligten und Schmids teils fast schon Groupie-mäßige Ranschmeißerei an das Alphatier Kurz evozieren den Eindruck einer selbstbesoffenen Jungmännergemeinschaft, in der zielgerichteter Machiavellismus und plumper Größenwahn nicht immer auseinanderzuhalten sind.

Zudem bringen die Textnachrichten eine andere Form der Sprache ins Spiel. In einem Film, der ansonsten ganz der Rhetorik der Massenmedien verpflichtet ist – das betrifft nicht nur die zahlreichen Ausschnitte aus Fernsehsendungen; auch die Interviewpartner sind durchweg Medienprofis – repräsentieren die Chat-Nachrichten eine sonst unsichtbar bleibende Rückseite des Politikbetriebs. Gewissermaßen dessen Unterleib. Wobei die Chats andererseits gerade deshalb interessant sind, weil sich die Beteiligten immer wieder auf ihre eigene Darstellung in den Medien beziehen, wenngleich in ungelenker und Fremdscham induzierender Manier. Auch im privaten Rückkanal können sich Schmid, Kurz und die anderen offensichtlich nicht aus dem medialen Spiegelkabinett lösen, das sie selbst errichtet haben.

Agitprop-Kino der ärgerlichen Art

Die Chatnachrichten sind allerdings schon der beste Einfall des insgesamt nicht allzu erhellenden Films. Anstatt auf Analyse setzt Langbein allzu oft auf billige emotionale Effekte. Wenn er wieder und wieder von Kurz-O-Tönen über die sogenannte Flüchtlingskrise auf weinende Flüchtende vor bewaffneten Grenzpolizisten schneidet oder in einer besonders simpel gestrickten Sequenz die Produktion grenzsichernder Metallzäune bebildert, bedient der Film sich populistischer Rhetorik. Zweifellos war Kurz’ Politik mitverantwortlich für das Leid vieler Menschen. Doch die Reduktion eines komplexen, multi-nationalen Entscheidungsprozesses, der auf eine dynamisch sich entwickelnde Situation reagiert, auf simple Schuss-Gegenschuss-Montagen, in denen Kurz höchstpersönlich hilflose Menschen weinen lässt, ist Agitprop-Kino der ärgerlicheren Art.

Inhaltlich fragwürdig ist vor allem auch die Nichterwähnung der Grünen. Die hatten Kurz 2020 zu einer zweiten Amtszeit als Kanzler verholfen. Doch bei Langbein kommen sie ungeschoren davon. Aber auch die Auswahl der Gesprächspartner überzeugt nicht. Die politische Einordnung von Kurz’ Karriere wird von lediglich zwei Gewährsleuten übernommen, einem Migrationsforscher und einer Journalistin der linksliberalen Wochenzeitung „Falter“. Zwar kommen gelegentlich auch eine Reihe von Politikern zu Wort, darunter auch ein FPÖ-Mann; doch eine in der Gesamtschau politisch ausgewogenere und vor allem intellektuell mehrstimmige Perspektivierung hätte „Projekt Ballhausplatz“ gutgetan. Die Gefahr, dass Sebastian Kurz und seine Helfer dabei zu gut weggekommen wären, besteht nicht wirklich, Denn deren beste Waffe war die kulturkämpferische Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Eine Antwort darauf sollte nicht in einer Gegenverkürzung (beziehungsweise, soviel Kalauer muss erlaubt sein: -verkurzung) bestehen, sondern in der Verteidigung von Komplexität.

Erschienen auf filmdienst.deProjekt BallhausplatzVon: Lukas Foerster (21.6.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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