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Das Gewicht der Welt

94 minDokumentarfilmFSK 0
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Wissenschaft soll sachlich sein: Fakten statt Gefühle. Aber eine neue Generation Naturwissenschaftler:innen erlebt, wie ihre Forschung durch den Klimawandel aus den Fugen gerät. Statt die Wunder der Natur zu entdecken, sind Maria, Doktorin der Glaziologie, Sebastian, Professor für Physikalische Chemie, und Nana, Molekularbiologin, Chronisten einer untergehenden Welt. Aber niemand hört auf sie. Was tun? Statt sich frustriert in den Elfenbeinturm ihrer Forschung zurückzuziehen, verlassen Maria, Sebastian und Nana das Labor und werden zu Aktivist:innen, denn sie tragen auf ihren Schultern das Gewicht der Welt.
DAS GEWICHT DER WELT ist mehr als ein Klimadokumentarfilm – es ist ein zutiefst menschliches Porträt dreier Naturwissenschaftler:innen, die erkennen, dass ihre Forschung alleine nicht mehr ausreicht. In Zeiten zunehmender Klimakatastrophen, politischer Lähmung und gesellschaftlicher Spaltung bietet der Film einen emotionalen Zugang zu einer der zentralen Fragen unserer Zeit: Was bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen?
  • Veröffentlichung01.01.2026
  • Florian Heinzen-Ziob
  • Deutschland (2026)

Der Chemieprofessor Sebastian Seiffert aus Mainz ist ein empathischer Mann, der für sein Fach und dessen Methoden begeistern will. Den jungen Studierenden stellt er deshalb immer wieder Fragen und verdichtet seine Aufführungen in markanten Bildern und Grafiken. Unter anderem nutzt er das Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich als eine Art Metapher für wissenschaftliche Erkenntnis. Doch wenn er das ikonische Bild dann kurz aktualisiert und den Mann im Gehrock in eine vor Hitze rotgelb glühende Welt des 21. Jahrhunderts starren lässt, registriert er eine wachsende Distanz im Hörsaal – über den Klimawandel und seine Folgen wollen viele nichts mehr hören. Und zwar nicht, weil sie wie Seiffert und die beiden anderen Forscherinnen, um die sich der Dokumentarfilm „Das Gewicht der Welt“ dreht, von den unumkehrbaren Folgen der Erderwärmung überzeugt sind. Sondern weil sie wie die Politik, die Medien und weite Teile der Gesellschaft die drohende Katastrophe schlicht nicht wahrhaben wollen.

Der Kampf ums Klima ist verloren

Genau das aber können die drei Protagonisten, neben Seiffert die Glaziologin Maria Hörhold und die Molekularbiologin Nana-Maria Grüning, nicht: die Augen verschließen und im Elfenbeinturm weiter still ihren Forschungen nachgehen. Sie wissen nur allzu gut, dass in den 2020er-Jahren die Fortexistenz der menschlichen Zivilisation, wie sie sich während des klimatisch gemäßigten Holozäns herauskristallisiert hat, auf dem Spiel steht – und dass dieser Kampf in ihren Augen inzwischen endgültig verloren ist. Denn das 2015 in Paris erkämpfte 1,5-Grad-Ziel der Erwärmung des Klimas gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ist schon jetzt Makulatur; 2,5 bis 3 Grad gelten bis Ende des 21. Jahrhunderts als sehr wahrscheinlich, mit allen bekannten desaströsen Folgen.

Wie geht man mit einer solchen Horrorvision um, ohne daran zu verzweifeln? Darum kreist der geduldige Film von Florian Heinzen-Ziob mit großer Ruhe und eindringlicher Bedächtigkeit, wohl auch, um jeden Anflug von agitatorischer Emphase zu vermeiden. Mit visuell ausgeklügelten Einstellungen beobachtet und porträtiert er Seiffert, Hörhold und Grüning als Forschende wie als Privatpersonen. Hörhold analysiert im Alfred-Wegener-Institut in Bremen jahrtausendealtes Eis aus Grönland; im dicken Polaranzug und mit vor Kälte geröteten Wangen sequenziert sie im eisigen Bohrkern-Depot Schicht für Schicht das Klima vergangener Zeiten. Ihr Mann hingegen arbeitet im Bremer Hafen, dem größten Verladeort für Autoexporte, was familiär mitunter durchaus zu Spannung führt; die Kamera setzt die endlosen Pkw-Reihen als Symbole des Wohlstands, aber auch als Menetekel einer C02-getriebenen Wirtschaft mehrfach beiläufig ins Bild.

Bei Nana-Maria Grüning klingen die Widersprüche deutlicher an. Die stille, eher introvertierte Biologin, die am Institut für Biochemie der Charité in Berlin arbeitet und zuhause kunstvolle Aquarelle von Vögeln malt, engagierte sich in den letzten Jahren stark im Netzwerk „Scientist Rebellion“, das die Öffentlichkeit aufrütteln will. Eine Sisyphos-Arbeit, die in der wissenschaftlichen Community von vielen Seiten angefeindet und von den Medien zu immer spektakuläreren Aktionen genötigt wird. Ihr Aktivismus hat dabei nicht nur strafrechtliche Konsequenzen, sondern zieht auch physische Erschöpfung und das Gefühl der Leere nach sich. Während die Kamera der robusteren Glaziologin Hörhold auf langen Fahrradfahrten entlang der Hafenkais in Bremen folgt, weilt sie bei Grüning öfter in deren Berliner Wohnung und verfolgt gespannt, wie aus ein paar Farbtupfern und Linien das Gefieder eines Singvogels erwächst.

Keine Zukunft, aber rettet die Menschlichkeit

Mit Seiffert beginnt der Film, den eine Drohne bei einer Wanderung durch die von Trockenheit und dem Borkenkäfer zerstörten Fichtenwälder im Harz filmt, und der dabei gleich zweifach Abschied nimmt: von der Landschaft seiner Kindheit, in der er aufgewachsen ist und die sich in eine gespenstische Ödnis verwandelt hat; aber auch von der Hoffnung, die Folgen der Erderwärmung mildern zu können. Er habe aufgehört, an die Zukunft zu denken, sagt Seiffert, nur bei seinen Kindern will ihm das nicht immer gelingen; ganz ähnliche Gedanken formuliert auch Hörhold, die mit Blick auf ihre und andere Familien an einer fürsorglichen Hoffnung festhält. Seiffert hingegen hat auch als Wissenschaftler seinen Fokus verändert; als „Chronist einer untergehenden Welt“ gilt es jetzt eher, „zu retten, was noch zu retten ist – allem voran die Menschlichkeit“. Deshalb wendet er sich nun Wassertechnologien zu und arbeitet an organischen Polymeren, mit denen sich Meerwasser entsalzen lässt – einzig mit Hilfe des Tag-Nacht-Wechsels und des damit verbundenen Temperaturunterschieds. Am Ende der Vorlesung sieht man ihn allein die große Tafel im Hörsaal wischen.

„Das Gewicht der Welt“ ist ein vielschichtiger, nicht ganz leicht zu greifender Film, weil er über einen längeren Zeitraum entstanden ist und auf keine These hinauswill, sondern sich mit einer beobachtenden Haltung begnügt und nach Kinobildern sucht, die sich im Gedächtnis festhaken und nachhallen. Daraus resultiert eine beträchtliche Kraft, weil der Film sehr unmittelbar an nicht vertraute Orte mitnimmt und sich die Zeit lässt, damit man sich als Zuschauer dort akklimatisieren kann – im Bohrkern-Depot, auf dem Brocken im Harz, bei einer Demo von Klimaklebern. Die Geduld, die es braucht, um den anfänglich etwas kursorischen Erzählsträngen zu folgen, zahlt sich auf diese Weise doppelt aus, da sich die Beschäftigung mit den Thesen und Überzeugungen der drei Protagonisten nicht mit dem Ende des Films erschöpft.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDas Gewicht der WeltVon: Josef Lederle (29.4.2026)
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