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Filmkritik
Schon Kurt Tucholsky wusste um die Spannung, aber auch die Flüchtigkeit des Flirts im öffentlichen Raum: ein bezauberndes Lächeln, ein offenkundiges Interesse am Gegenüber, und schon ist man verliebt, wenigstens für den Moment, und plötzlich ist der Moment auch schon vorüber. Dann das Bedauern: Man hat keine Adresse, keine Telefonnummer, das Einholen des Momentes rückt in weite Ferne. Früher schaltete man Kontaktanzeigen, in denen der Inserent der oder die Verschwundene, sich selbst und die Umstände der Begegnung genau beschrieb.
Heute gibt es das Internet, und hier setzt die romantische Komödie „Finding Emily“ von Alicia MacDonald ein. Eines Abends lernt der Musiker Owen auf einer Party in Manchester die hübsche und charmante Emily kennen. Man spricht über dies und das, flirtet miteinander und verbringt einen schönen Abend. Doch beim Abschied gibt Emily ihrem Verehrer eine unvollständige Telefonnummer, eine Ziffer fehlt. Absicht oder Versehen?
Rundmail an 318 Emilys
Owen geht die hübsche Studentin jedenfalls nicht mehr aus dem Kopf. Bei der Suche auf dem Campus lernt er die hilfsbereite Psychologiestudentin Sami kennen. Allerdings verschweigt sie ihm ihre wahren Absichten: Für eine Uni-Arbeit will sie herausfinden, ob Liebe wirklich blind macht. Owen scheint ihr da das perfekte Versuchskaninchen zu sein. Der hat sich derweil von einer befreundeten Sekretärin die E-Mail-Adressen aller Emilys an der Universität geben lassen, 318 immerhin. Seine Rundmail sorgt allerdings wegen des Datendiebstahls für Aufsehen in der Presse, auch Feministinnen bringen sich in Stellung: Eine Suche, die nur von äußerlichen Merkmalen geleitet ist, finden sie höchst frauenfeindlich.
Eine falsche Telefonnummer – das erinnert an Eric Rohmers „Wintermärchen“ von 1991, in dem ebenfalls ein „Lapsus“, wie es die Hauptfigur so entschuldigend ausdrückte, Mann und Frau den ganzen Film über voneinander trennte. Doch vom leichtgewichtigen Charme dieses Vorgängers ist „Finding Emily“ weit entfernt. Wie Liebe entsteht, wie unabdingbar sie unter Umständen für privates Glück und Lebenssinn ist, verhandelt die Regisseurin nur unzureichend. Stattdessen präsentiert sie mit Owen einen Protagonisten, der zu viel Aufmerksamkeit erregt und als unglücklich Verliebter einen eher anstrengenden als sympathischen Eindruck macht. Spike Fearn spielt ihn darum sehr steif als Getriebenen, der nicht aus seiner Haut kann und die Folgen seines Tuns hilflos zur Kenntnis nimmt. Die aufgebrachten Demonstrationen gegen seine Aktion hängen sich aufgeregt an die „MeToo“-Bewegung an, doch da unterliegt das Drehbuch von Rachel Hirons einem Missverständnis: Das romantische Kennenlernen von Mann und Frau ist per se noch nicht verdächtig oder tadelnswert.
Eine frühe Konkurrentin um die Gunst Owens
Durch die Vorwürfe von mehreren Seiten ändert sich der Ton des Films, die komische Romanze schlägt in eine absurde Farce um. Zudem macht das Drehbuch den Fehler, mit Sami viel zu früh eine Konkurrentin um die Gunst Owens einzuführen, als geübter Kinogänger ahnt man rasch, wohin das führt. Samis Darstellerin Angourie Rice kann man keinen Vorwurf machen. Den Zwiespalt, in den sie durch ihre verheimlichte Recherche geraten ist, verkörpert sie genauso glaubwürdig wie das schüchterne Interesse an einem Jungen, der sie lange Zeit übersieht.
Was bleibt, ist die Charakterisierung der englischen Stadt Manchester als quirliger und lebenswerter Metropole. Dass hier die Liebe so kompliziert sein soll, mag man gar nicht glauben.


