Fluss

83 min
Szenebild von Fluss 1
FLUSS vollendet die Trilogie „Stadt, Land, Fluss“. Der Film folgt der Elbe von der Quelle im Riesengebirge bis zur Mündung in die Nordsee – einer Reise durch Landschaften, Geschichte und Gegenwart. Statt Postkartenansichten zeigt er Orte, die man sonst nicht sieht: Steinbrüche, Stahlwerke, Forschungsschiffe, Containerriesen, militärische Übungen. Archivbilder öffnen Resonanzräume, in denen Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen.
  • Veröffentlichung11.06.2026
  • Timo Großpietsch

Die Elbe mag eine weniger mythische Aura besitzen als der deutsche Fluss schlechthin, der Rhein. Doch auch sie bietet manche Schauwerte und hat vieles erlebt, und das, obwohl sie geologisch gesehen mit 10.000 bis 15.000 Jahren ein noch junger Fluss ist. Regisseur und Autor Timo Großpietsch, der auch schon „Stadt“ und „Land“ gemacht hat, nimmt die Zuschauer mit seinem Dokumentarfilm „Fluss“ mit auf eine Entdeckungsreise der Elbe. Sie beginnt im tschechischen Riesengebirge und erkundet das 1094 Kilometer lange Gewässer flussabwärts in Richtung Nordsee. Dabei geht es Großpietsch weniger um Postkartenbilder oder Insta-Spots in malerischen Landschaften oder Städten. Ihn interessiert die Wechselwirkung zwischen Natur und Zivilisation. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Menschen die Elbe mehrfach begradigt oder ihren Flusslauf verändert. Dem Publikum obliegt es, die im Film gezeigten Eingriffe am Fluss zu beurteilen.

Bei Donner, Sonne und Nebel

Los geht die filmische Reise am Quell mit idyllischen Bildern von Wasser, das aus dem bei Donner, Sonne und Nebel gefilmten Gebirge sprudelt. Vom Brunnen an der Elbquelle geht es weiter mit fließendem Wasser und natürlichen und konstruierten Wasserfällen. Ein Staudamm wird erkundet, das Wasser färbt sich zu trübem Gelb, dann ist es wieder klar und offenbart Kieselsteine und Gestein auf seinem Grund. Die Kamera erhebt sich und lässt per Drohne mehr Kontext erkennen. Der Blick von oben auf die Talsperre Les Království (auf Deutsch: Talsperre Königreichwald) lässt eine futuristisch anmutende steinerne Szenerie erkennen. Dann wieder glitzert das Wasser in unterschiedlichen Blautönen und befriedigt das Bedürfnis der Zuschauer nach Harmonie.

Im Laufe der Reise wird bei den verschiedenen Etappen stets per Kilometerangabe eingeblendet, wie weit es noch bis zur Mündung ist. Einem Wasserkraftwerk folgt ein Porenbetonwerk, und dann zeigt die letzte Station auf tschechischer Seite in Usti nad Labem (Usti an der Elbe) an: noch 769 Kilometer. Ein Viertel der Strecke ist bei Grenzübertritt in sächsisches Gebiet bereits geschafft. Bald wechseln sich Archivbilder, oft in Schwarz-weiß, über bedeutende bauliche Eingriffe am Fluss mit heutigen Bildern ab. Sie wurden immer als Fortschritt deklariert und gingen oft mit Spatenstichen, feierlichen Reden und Festlichkeiten einher. Dann wieder vergleicht Großpietsch per Split Screen direkt das Gestern mit dem Heute. Die Drohnen gleiten in Dresden über Brücken mit Straßenbahnen, Autos und winzig klein erscheinenden Fußgängern. Im Elbsandsteingebirge werden kurz selfieschießende Touristen eingeblendet, doch auch das ist eine distanzierte Sicht, die nicht wertet, sondern eine Realität beschreibt.

Bei Präzisionsbohrern wird es rhythmisch und synthesizer-industriell

Erklärungen sucht man im Film vergebens. Einige der Archivbilder lassen sich von allein verstehen, nicht zuletzt, weil sie Originalton verwenden. Ansonsten muss man sich auf die regelmäßig gefilmten, diversen Industrieanlagen seinen eigenen Reim machen: Im Sandsteinbruch in Lohmen werden Felsbrocken gewonnen und geschliffen. Bagger arbeiten auch nachts, und wenn die Präzisionsbohrer ins Bild kommen, passt sich auch der Soundtrack an: Es wird rhythmisch und synthesizer-industriell. Auch Überschwemmungen der Vergangenheit spart der Film nicht aus. Eine Wechselwirkung von menschlichen Eingriffen und der Reaktion des Flusses kann man sich denken, muss es aber nicht. Es erfolgt kein eindeutiges Aufzeigen von Ursache und Wirkung.

Das filmische Archivmaterial erzählt auch von Geschichte, etwa der deutsch-deutschen Teilung: Früher floss die Elbe durch die Tschechoslowakei, die DDR und die Bundesrepublik. West- und ostdeutsche Grenzer blicken auf das jeweilig andere Ufer oder kommentieren die Teilung des Flusses. Meist gibt es außer dem Filmscore und den Originalgeräuschen jedoch keine menschlichen Stimmen, geschweige denn Kommentar.

Auf den Fluss als Lebensader angewiesen

Manchmal lässt Großpietsch sein Publikum mit dieser Vorgehensweise etwas allein. Nicht immer weiß man den Zweck der Industrieanlagen oder aber einer Militärübung zu deuten. Was dagegen rasch klar wird, ist, wie sehr Menschen auf den Fluss als Lebensader angewiesen sind. Nicht umsonst haben sich Siedler immer an Flüssen niedergelassen – Großstädte wie Dresden, Magdeburg oder Hamburg zeugen davon. Containerschiffe nutzen den Fluss als Verkehrsader, Häfen lagern ihre Fracht. Außerdem spendet die Elbe Rohstoffe und schafft Arbeitsplätze. Dass die Flora und Fauna des unbeirrt fließenden Stromes jedoch fast komplett ausgespart werden, irritiert etwas. So waltet im Film der Mensch als alleiniger Bezug zur Elbe: Wenn am Ende der über 1000 Kilometer erzählten Reise die Elbmündung in Cuxhaven und das Meer erscheinen, weiß man: Das offene Gewässer erzählt wiederum eine ganz andere, freiere Geschichte.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFlussVon: Kira Taszman (27.5.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de