Vorstellungen
Filmkritik
Die Jugend ist der Lebensabschnitt, der die meiste Nostalgie auf sich konzentriert. Wer aus einem gelebten Leben, nach Jahrzehnten der Lebenserfahrung, zurückschaut, fühlt nicht mehr die Intensität der Selbstzweifel, die soziale Entfremdung und die sexuelle Verunsicherung, die die Jugendjahre bestimmen. Oft bleibt, wenn die Zeit vorbei ist, in der man plötzlich nicht mehr ganz man selbst zu sein schien, primär die Erinnerung an die Freiheit übrig, die noch gefühlten Möglichkeiten und Hoffnungen, die die Jugendzeit prägten. Oder, wie es Romain, einer der jungen Protagonisten von „Folktales“, sagt: „Alle wollen Teenager sein, außer Teenager.“
Wie es die Nornen formulieren
Romain ist einer von drei Heranwachsenden, die der Dokumentarfilm von Heidi Ewing und Rachel Grady durch ein Jahr an einer norwegischen Volkshochschule begleitet. Dabei werden sich Romain, Björn-Tore und Hege in Frage stellen, scheitern, sich unterschätzen, unterstützen und lernen, dass die unbequemen Seiten des Lebens große Geschenke sind. So formulieren es ihre Lehrer, so formulieren sie es selbst und so formulieren es die Nornen. Die Weberinnen, die an den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil die Schicksalsfäden der Menschheit spinnen, geben dem Film seinen Namen und halten zugleich als Beweis dafür her, dass das Erwachsenwerden unabhängig von Zeit und Kultur eine universelle menschliche Erfahrung ist.
Der Film vertieft das nicht und überhaupt wenig. Das kommt der Erzählung nicht immer zugute. Doch wo sich allzu triviale Gegensatzpaare aufdrängen, schaffen die Regisseure mitunter so unaufdringlich montierte wie treffende Alternativen. So entpuppt sich das eingangs gezeigte Partyleben, das die junge Hege mit Clublicht mit dem Vaporizer in der einen und dem Glas in der anderen Hand zeigt, als falscher Kontrast zum Leben am Polarkreis. Auch dort wird, wenngleich ohne die elektronische Einwegzigarette und das Glas in der Hand, durchaus ausgelassen gefeiert.
Das Steinzeit-Gehirn aufwecken
Der Film begleitet das einjährige Lehrprogramm der Pasvik-Volkshochschule, das die jungen Menschen sanft an die harsche Natur der ebenso einsamen wie malerischen Provinz Finnmark heranführt. Volkshochschulen haben eine lange Tradition in Skandinavien. Heute ermöglichen sie allen vor dem Eintritt ins Erwachsenenleben ein „Jahr der Unabhängigkeit“. 300 Kilometer jenseits des Polarkreises bedeutet das Überleben in der Kälte und Schlittenhund-Training. Das in modernen Zeiten überforderte „Steinzeit-Gehirn“ soll aktiviert werden. Bei der Jagd, mit Handwerk, Tanz, Gesang und unzähligen Ritualen des Miteinanders, das die Teilnehmer nicht nur fordert, sondern, ohne dass sie es zunächst ahnen, auch zur Selbstreflexion zwingt.
Kern des Films aber bleibt die Arbeit mit den Schlittenhunden. Über sie finden die Jugendlichen Zugang zu sich und zu anderen. Ob dabei die Jugendlichen oder die Tiere selbst den Hauptteil der Arbeit übernehmen, lässt sich bald nicht mehr klar erkennen; dass die Hunde den Jugendlichen einen direkten Zugang zu ihren Gefühlen ermöglichen, ist dennoch nicht zu übersehen.
„Folktales“ greift die dazugehörigen Routinen recht beiläufig ab, vergisst dabei aber nie zu staunen: über die Schönheit des Polarkreises, über Polarlichter, endlose Nächte und den Glanz, den die Schneeflocken verleihen, wenn man sie im Licht einfängt. Wenig Lärm und viel Leben gibt es hier. Vor allem aber bleibt der Film ein Porträt der jungen Menschen, die hier die erwartbar universellen Erfahrungen machen.
Das notwendige Gewicht
Der eine oder andere Gemeinplatz bleibt dabei ebenso wenig aus wie der etwas arg artifizielle mythologische Überbau. Dennoch findet der Film gerade in den etablierten Routinen und oft wiederholten Phrasen eine Art von Wahrhaftigkeit. Die Lehrer der Volkshochschule Pasvik geben dem, was Hunderte Erwachsene vor ihnen gesagt haben und was all die Jugendlichen hundertfach gehört haben, das notwendige Gewicht. Vielleicht braucht es dafür ein Jahr jenseits der Zivilisation.










