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Filmkritik
Schon ein kurzer biographischer Abriss des Lebens von Frida Kahlo liest sich wie ein Abenteuer- und Bildungsroman zugleich, so viele Wendungen und Großartigkeiten gibt es darin; die Malerin, 1907 als Magdalena Carmen Frieda Kahlo y Calderón geboren und 1954 gestorben, ist vermutlich eine der bekanntesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.
Es ist nicht unbedingt zwingend, von ihrem Leben primär über ihre Kindheit zu erzählen – mit dem Malen begann sie erst mit 18 Jahren nach einem schweren Unfall. Andererseits taucht Kahlo zuverlässig in Büchern und Buchreihen (wie zum Beispiel „Little People, Big Dreams“) für Kinder auf, die im Sinne des Empowerments exemplarische Frauenbiographien vorstellen – eine Gegenbewegung zu den seit langem etablierten männlichen Genieerzählungen.
Eine sorglose Zeit
Karine Vézina und André Kadi haben für ihren Film „Hola Frida“ das Buch „Frida, c’est moi“ von Sophie Faucher als Vorlage gewählt, die Illustrationen von Cara Carmina dienten, man darf sagen: sehr lose als Inspiration für die Animation. Erzählt wird durch eine Rückblende, in der Rahmenhandlung folgt die erwachsene Kahlo einem Affen in ihren Lagerraum und findet ein altes Notizbuch mit Aufzeichnungen, Fotografien, Skizzen und Zeichnungen wieder, das sie in ihre Kindheit zurückversetzt. Zunächst in eine sorglose Zeit mit ihrer Mutter Matilde, ihrem Vater Guillermo und ihrer kleinen Schwester Cristina – die große Schwester Matilde, die sich in diesen Jahren mit ihren Eltern überwarf, taucht im Film nicht auf.
In Fridas Welt mischen sich die Einflüsse der Kolonialkultur mit der zapotekischen Kultur, die sie von ihrer Mutter nahegebracht bekommt. Der Film mischt beides in den Bildern ihrer Heimat, etwa in einer Marktszene, in der die Frauen zum Teil traditionelle Kleidung, zum Teil europäisch geprägte Kleider tragen. Wichtig wird diese Mischung, als Frida an Kinderlähmung erkrankt und in einem Fiebertraum – oder vielleicht in einer anderen Welt – mit dem Tod in Gestalt einer Frau um ihr Leben verhandelt.
Der Tod und die Fantasiewelt berühren das Leben
Diese Figur und diese Fantasiewelt berühren in der Handlung des Films immer wieder Fridas Leben, besonders noch einmal zum Ende hin, als Frida jenen Busunfall erlebt, der sie – lange ans Bett gefesselt – zur Malerei bringt. Zugleich haben die Filmemacher in diese Welt zahlreiche Motive eingebettet, die sich in Kahlos Malerei später finden werden: Rote Bänder, das Gemälde „Die beiden Fridas“ wird mit zwei kindlichen Fridas fast unverändert wiedergegeben.
Das Grundthema von „Hola Frida“ wird sich im Anschluss immer deutlicher zeigen: der Wille, gegen alle Widrigkeiten weiterzumachen und intensiv zu leben. Obwohl ihr rechtes Bein durch die Kinderlähmung dünner blieb als das linke, will die kleine Frida an einem Rollschuhrennen teilnehmen und trainiert unermüdlich. Obwohl dies für Frauen nahezu unvorstellbar ist, will sie studieren und Ärztin werden. Und nach dem Unfall verhandelt sie sich noch einmal vom Tod in die Welt zurück.
Durchhaltevermögen und pure Willenskraft
Vézinas und Kadis Film ist so ein durchaus unterhaltsamer und inspirierender Kinderfilm geworden, der ein bemerkenswertes Beispiel für Durchhaltevermögen und schiere Willenskraft vorstellt. Doch so vielfältig und vor allem bunt die Welt ist, die „Hola Frida“ aufmacht, so bedrohlich der Tod auch erscheint: Der Film schleift doch sehr viel von dem ab, was Kahlos Kindheit und Leben wirklich interessant gemacht hätte.
Die politischen Verwerfungen ihrer Zeit, die nicht nur die Künstlerin selbst später sehr beschäftigten, sondern offenbar auch schon ihre Mutter, tauchen hier nicht einmal am Rande auf. Mit ihren großen Augen und runden Köpfen wirken die Figuren des Films auch äußerlich eigentlich zu niedlich für die Welt und Wahrnehmung von Frida Kahlo, deren Kunstwerke in ihrem sehr eigenen Stil eher zwischen Surrealismus und Neuer Sachlichkeit changieren.
Jede Narbe verarbeitet
Außer einer biographischen Grundierung erzählt der Film auch nichts über die Künstlerin Kahlo, lässt sie aber in den letzten Sequenzen aus dem Off mit sehr viel Pathos ihr eigenes Leben kommentieren: „Ich hatte zweimal mit dem Tod getanzt, aber ich verarbeitete jede Narbe, mein ganzes Leid in meinen Gemälden, die wiederum meine ganze Lebensgeschichte erzählten. […] Und auch, wenn es nicht immer leicht war, habe ich mein Leben bedingungslos geliebt.“
Das soll womöglich die Aussage des Films noch einmal vereindeutigen, nur dass man eben genau von dieser Verarbeitung nichts erfährt. In der Niedlichkeit verschwinden die Narben weitgehend, und auch alles Irritierende und womöglich zunächst Abstoßende, das Kahlos Kunst auch ausmacht, kommen in diesem Film nicht vor.







