Vorstellungen
Filmkritik
Zu den einprägsamsten Dokumentarfilmen der letzten anderthalb Dekaden gehören solche über den Tanz, wie Wim Wenders’ „Pina“ (2011) oder Florian Heinzen-Ziobs „Dancing Pina“ (2022). Menschliche Bewegung zu Musik und das dokumentarische Bewegtbild scheinen eine besondere Anziehungskraft aufeinander auszuüben. Beide sind Archive des Wissens, in beiden geht es um die sinnliche Weitergabe von Geschichten und Zuständen.
Im besten Fall kann ein Tanz oder ein Dokumentarfilm den Blick auf die Welt verändern, jenseits „richtiger“ Schritt- oder Schnittfolgen. Heinzen-Ziob öffnete in „Dancing Pina“ den Blick auf das Weiterleben des Pina-Bausch-Stücks „Le sacre du printemps“ als gelebte interkulturelle Utopie. In der École des Sables im Senegal studieren darin afrikanische und europäische Tanzprofis das ungeheuerliche Werk Igor Strawinskys vom Menschenopfer neu ein, unter Anleitung von Malou Airaudo und Germaine Acogny.
Eine radikal neue Form von „Afrikanität“
Acogny, die 1944 in Benin geborene Gründerin der École des Sables, ist eine der Schlüsselfiguren des zeitgenössischen Balletts und die Protagonistin des Dokumentarfilms „Germaine Acogny - Die Essenz des Tanzes“ von Greta-Marie Becker. Klassisch ausgebildet in Frankreich, fing Acogny früh an, nach dem Vorbild Martha Grahams und geschult an traditionellen afrikanischen Tänzen, ihr eigenes zeitgenössisches Vokabular zu entwickeln. Sie erfand eine radikal neue Form von „Afrikanität“, wie der Choreograf Maurice Béjart es einmal nannte.
Wer „Dancing Pina“ gesehen hat, erkennt in „Germaine Acogny“ die von milchigem Licht durchfluteten Räume der École des Sables wieder. Doch während bei Heinzen-Ziob die Dramaturgie von den Proben zu „Le sacre du printemps“ geprägt war und mit grafischer Präzision den Tanz eher nachvollzog als abbildete, unternimmt Becker in ihrem zweiten Langfilm (nach ihrem Abschlusswerk „The Whisper of the Marimba“) den Versuch einer umfassenden Werkbiografie Acognys.
„Die Brust ist die Sonne, der Po der Mond - jede Pobacke ein Halbmond -, das Schambein die Sterne““, sagt die Tänzerin und Choreografin Germaine Acogny, „ein kleiner Kosmos in unserem Körper.“ Bei Acogny, mit Anfang 80 noch von ungebrochener Autorität, Kraft und Beweglichkeit, bleiben Aussagen wie diese immer geerdet. Manchmal klingen sie geradezu gefährlich. Sie bestehen, könnte man in Anlehnung an die Acogny-Methode sagen, auf ihrem Gewicht. Denn bei dieser Tanzmethode geht es nicht ums Schweben über den Dingen; es geht um Leben und Tod.
Das Eigene finden
Die Füße im Sand, hat die „Mutter des afrikanischen Tanzes“ ihre Schüler genau im Blick, und treibt sie mit muskulösen Armen zu Bewegungen an, die wellengleich die Körper erfassen. Der Expression geht immer die Introspektion voraus: „Da wir ohne Spiegel arbeiten, müsst ihr genau beobachten, was in eurem Körper passiert.“ Nach der Acogny-Methode zu tanzen, heißt nicht nachahmen, sondern nach bestimmten Grundelementen das Eigene finden. „Ich habe euch Blumen gegeben, ihr bindet daraus jetzt einen bunten Strauß“, fordert sie streng.
Auch ein Dokumentarfilm muss wissen, was er will. Manchmal findet er das erst im Prozess des Filmens und Schneidens heraus. Mit seltenen Archivaufnahmen etwa von Auftritten im französischen Fernsehen, wo die junge Acogny respektvoll „Päpstin des Tanzes“ genannt wird, mit kurzen Ausschnitten aus ihren Solo-Stücken der letzten Jahre und klassischen Talking-Heads-Passagen droht der Film in der Fülle seines Jahrzehnte umspannenden Materials manchmal die Konzentration zu verlieren. Doch klugerweise bezieht Becker eine kontemplative Ebene ein, in der ihr Film sich tatsächlich nur für den Tanz als visuelle Sprache interessiert, und für die Räume, in denen er stattfindet.
Die Kamera von Sophie Maintigneux begleitet die Nachwuchs-Tänzerinnen und -Tänzer auch an Alltagsorte, wo zwischen Ziegen und Autowerkstätten Passanten stehen bleiben und schauen: eine unerwartete Erscheinung, eine fließende, entrückte Choreografie, ein Spiel mit Licht und entsättigten Farben, die dennoch genau an diesen Ort zu gehören scheinen. Fabrice Bouillon LaForests unaufdringliche Komposition von sacht wiegenden und murmelnden Klavierklängen gibt solchen Szenen eine traumartige Anmutung, ohne das Gezeigte künstlich zu überhöhen.
Die politische Dimension der Acogny-Methode
Der Film widmet sich auch der politischen Dimension der Acogny-Methode. Sie wolle ihre Eleven lehren, den Raum einzunehmen und sich zu verteidigen, sagt die Choreografin. Etwa gegen die haarsträubenden Worte des einstigen französischen Präsidenten Sarkozy. Der sprach 2007 in Dakar während eines Staatsbesuchs dem „afrikanischen Menschen“ die Fähigkeit zum zivilisatorischen Fortschritt ab. Eine Beleidigung.
Eher nebenbei bezieht Becker das Privatleben Acognys ein und wahrt sichtlich Abstand, wo es der Respekt gebietet. Dass es eine Vergangenheit mit einem Mann gab, der offenbar sehr traditionelle Vorstellungen von Ehe inklusive Polygamie hatte, wird nur angedeutet. Seit Jahrzehnten ist ihr Partner Helmut Vogt an ihrer Seite, ruhig, verlässlich, sensibel. Er hat die Schule mit aufgebaut. Acognys Sohn Patrick ist in die Fußstapfen der Mutter getreten, eine Tochter lebt mit ihren Töchtern in New York und kommt zum Unabhängigkeitstag nach Benin, wo sie gemeinsam ein gigantisches Standbild einer Amazone betrachten. Eine ihrer Vorfahrinnen, sagen die Frauen halb ernst, halb im Scherz.
Das Gebet ist ein Tanz
Becker macht aus ihrer bewundernden Haltung gegenüber dieser machtvollen Frau kein Hehl. Bei den Verleihungen höchster Auszeichnungen ist sie ebenfalls dabei. Nach dem „Goldenen Löwen“ für ihr Lebenswerk 2021 erhielt Acogny 2023 auch den „Grand prix" der Académie des beaux-arts in der Kategorie Choreografie. Dabei erzählt Acogny von der einst unberührten Lagune, an der ihre Tanzschule liegt, und wo jetzt Bagger die Baobab-Bäume fällen und einen Hafen ausheben. Während man sieht, wie Vegetation plattgemacht wird, klingt Acognys Rede nach: Mag die Natur verschwinden, die Körper ihrer Tänzerinnen und Tänzer seien die Archive ihrer Technik.
„Die Toten sind nicht unter der Erde“, sagt Acogny, die sich zum Animismus ihrer Vorfahren bekennt. In Venedig, am Grab von Igor Strawinsky, dem Schöpfer des „Sacre du printemps“, legt sie eine angerauchte Zigarre nieder, besprenkelt lachend den Stein mit „bestem Wodka“ und spricht dann still ihr Gebet. Es ist ein Tanz.

