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Ghost School (Geisterschule)

88 minDrama, FantasyFSK 6
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Als Rabia erfährt, dass die einzige Schule ihres Dorfes geschlossen wird, beginnt sie nach den Gründen zu suchen. Während die Jungs künftig eine Schule im Nachbardorf besuchen können, bleibt den Mädchen diese Möglichkeit verwehrt. Auf der Suche nach Antworten durchquert Rabia das Dorf und befragt die Erwachsenen. Doch statt Klarheit trifft sie auf Schweigen, Ausflüchte und ein Gerücht: Die Schule sei verflucht und der Lehrer von einem Dschinn besessen. Je hartnäckiger sie nachfragt, desto stärker beginnt sie an den Geschichten zu zweifeln, die die Schließung der Schule erklären sollen. Ist an dem Gerücht über die verfluchte Schule etwas dran oder verschleiert es eine ganz andere Wahrheit?

Dass Rabia gerne in die Schule geht, ist in den ersten Sekunden des pakistanischen Films „Ghost School“ schon klar. Am liebsten möchte sie, dass alle lernen können, auch der Esel, der einen Karren durch die Straße vor ihrem Haus zieht.

Aber als sie am Schultor ankommt, ist dies verschlossen; der Lehrer sei nicht da, sagt der Wachmann, man sagt, er sei besessen. In der Schule, die Gerüchte und Vermutungen steigern sich schnell, hause ein Jinn, ein Geistwesen, deshalb könne man sie leider nicht öffnen. Die meisten Schüler:innen gehen heim – endlich Zeit zum Spielen, Schule war doch eh langweilig. Rabias Freund Ali erzählt, er gehe jetzt auf die Schule ins Nachbardorf, allerdings sei das eine reine Jungenschule.

Für sie, antwortet ihre Mutter auf Rabias Erzählung davon, komme das aber nicht in Frage – für Mädchen sei es viel zu gefährlich, das Dorf zu verlassen. Ob sie ihrem Vater sein Essen an den Hafen bringen könne? Und anschließend auf dem Heimweg Gemüse einkaufen?

Eine Schule ohne Unterricht

Rabia (famos zurückhaltend und ernst von Nazualiya Arsalan gespielt) aber will verstehen, warum ihre Schule jetzt geschlossen bleibt; die Zehnjährige kommt schnell vom aufgetragenen Weg ab, fragt und fragt, läuft los und trifft den Wachmann, den Lehrer, den für die Schulleitung zuständigen Mann, fragt und fragt. Irgendwann wird klar: Rabias Schule wird womöglich eine „Geisterschule“ wie so viele andere in Pakistan: Die Gebäude sind noch da, Gehälter werden bezahlt, aber Unterricht findet nicht statt.

Der Debüt-Spielfilm von Seemab Gul entlehnt seinen Namen diesem Phänomen, dreht ihn aber auch wörtlich um: Ist da wirklich ein Geist in der Schule? Wohnt da ein Jinn? Als Rabia spät auf ihrer Suche allein in die verlassene Schule kommt, wird das als Gruselmoment inszeniert, mit säuselnden Winden und Schattenspielen. Bis das Mädchen diese Wahrnehmung aus seinen Gedanken vertreibt und sich als Lehrerin vor leere Bänke stellt, die Tafel freiwischt und „Ghost School“ hinschreibt. „Wir sollten alles um uns hinterfragen, damit uns niemand leicht zum Narren halten kann.“

Eine naive Perspektive als effektiver Hebel für Fragen

Gul hat vorher dokumentarische Filmprojekte gemacht, es ist kein Wunder, dass ihr Kinderfilm sich thematisch in der Realität verankert und diese kritisch beäugt. Die für die Lebensrealität um sie herum noch recht naive Perspektive Rabias ist dabei ein effektiver Hebel, um einfach Fragen stellen zu können. Warum darf ich nicht zu der Schule gehen? Warum soll der Lehrer Bestechungsgeld zahlen, um seinen Job zu behalten? Wer ist dafür zuständig, dass ein neuer Lehrer kommt? Und so weiter.

Ihre beharrlichen Fragen führen Rabia nicht nur zu den jeweiligen Entscheidungsträgern – immerzu Männer –, sie fragt auch ihren Onkel, einen Friseur, um Rat, bespricht sich mit einem Mann, der sie auf seinem Karren mitnimmt, und anderen Menschen um sich herum. Die einzige Schwäche dabei ist, dass viele Aussagen etwas apodiktisch und erwartbar daherkommen. Die einfachen Leute durchschauen das System, sehen sich auch selbst als ungebildet, aber nicht dumm („Angst ist ein Herrschaftssystem“), während der Großgrundbesitzer keine Scheu hat, diesem einfachen Mädchen seine Vorstellungen zu präsentieren: Wenn alle zur Schule gingen, würde ja niemand mehr in Landwirtschaft und Fischerei arbeiten wollen.

Den ganzen Tag in der Schuluniform

Rabia hingegen zieht ihre Schuluniform den ganzen Tag über, den der Film sie begleitet, nicht aus. Die Kamera von Zamarin Wahdat begleitet sie mal dicht von hinten oder setzt sie frontal ins Zentrum der Bilder; immer wieder sieht man sie in Totalen oder Panorama-Aufnahmen durch die Siedlungen laufen, viel trockener Boden und einzelne Gebäude. Nur selten sind mehr als zwei oder drei Menschen im Bild, und dann ist Rabia oft fast unmerklich die einzige Frau, das einzige Mädchen. Gelegentlich spürt man dann, dass Gul sich wohl von Abbas Kiarostamis „Wo ist das Haus meines Freundes?“ hat inspirieren lassen: der unermüdliche Fußweg, die Erforschung und Darstellung gesellschaftlicher Realität, die Suche nach einer Wahrheit in einer Welt, die sich weniger fürs Lernen als für den Erhalt der Machtstrukturen interessiert.

Als dann die Vorurteile und Gerüchte dazu führen, dass eine Gruppe Jungs und Männer mit viel Getöse und Fackeln nachts in die Schule eindringen, läuft Rabia als Zeugin hinterher; alles, was sie an diesem Tag und der anschließenden Nacht erfahren, erfragt, verstanden hat, führt sie zu einem Entschluss, der einerseits vor dem System kapituliert und es andererseits subversiv unterminiert; wohin ihre Reise gehen wird, bleibt unklar. Zugleich wachsen dem Film so Flügel, verlässt er das trockene Land der Realität und macht Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Veröffentlicht auf filmdienst.deGhost School (Geisterschule)Von: Rochus Wolff (27.8.2026)
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