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Filmkritik
„Eine Tochter, die beschnitten ist, bringt mehr Kühe als eine unbeschnittene. Dann bin ich mehr wert!“ Als Nancy elf Jahre alt ist, soll sie beschnitten und verheiratet werden. Doch sie läuft von zu Hause fort und findet in einem Schutzhaus Unterschlupf. Ganz ruhig und reflektiert erzählt die mittlerweile 14-Jährige aus Tansania von den Ungeheuerlichkeiten, die ihr um ein Haar zugefügt worden wären. Auch die anderen Teenager, die der Dokumentarfilm „Girls don’t cry“ porträtiert, äußern sich teils fast erschreckend reif, manchmal geradezu abgeklärt. Der Umstand, als Mädchen in einer patriarchalen Gesellschaft heranzuwachsen, sorgte dafür, dass Nancy, Sheelan, Nina, Paige, Selenna und Sinai allzu früh erwachsen werden mussten.
Sorgen vor „Remigration“
Sheelan etwa: ein schmales Mädchen mit großen, dunklen Augen, das zusammen mit seiner jesidischen Familie vom IS gefangen genommen wurde und später nach Deutschland fliehen konnte. Vater, Bruder und Onkel blieben zurück, wurden vermutlich ermordet. Während der Dreharbeiten wartet Sheelan sehnsüchtig auf die große Schwester Sawsan, die nach vielen Jahren in der Gefangenschaft des IS endlich frei ist und zum Rest der Familie stoßen soll. „Weißt du eigentlich, ob Sawsan vergewaltigt wurde?“, fragt Sheelan ihre andere Schwester Jihan einmal. Überlegungen, die eine 14-Jährige nicht umtreiben sollten – die in der Welt, die Sheelan kennengelernt hat, allerdings naheliegen. In Deutschland, dem Ort, an dem sie eigentlich sicher zu sein glaubte, geht es derweil immer öfter um die „Remigrationspläne“ der AfD. Regelmäßig debattieren Sheelan und ihre Freundinnen darüber, welche von ihnen zuerst das Land verlassen müsste.
Nina hat das bereits erlebt. Eines Morgens stand die Polizei vor der Wohnungstür in Stuttgart; die Roma-Familie wurde abgeschoben. Nun leben sie in einem winzigen Häuschen im serbischen Novi Sad. Eine rückständige Gegend, Wellblechhütten, Armut, Macho-Kultur. Nina sieht die Benachteiligung von Frauen in dieser Gesellschaft sehr klar. Sie will einen Schulabschluss machen und arbeiten – und nicht wie ihre Mutter und Schwester früh heiraten und von einem Mann abhängig sein.
Neben Nancy, Sheelan und Nina kommen Paige aus England, Selenna aus Chile und Sinai aus Südkorea zu Wort. Während Paige mit 15 Jahren alleinerziehende Mutter wurde, ist Selenna ein Transmädchen, das „schon immer“ wusste, dass sie eine Frau ist. Die halbprofessionelle BMX-Fahrerin Sinai schließlich verweigert sich dem massiven Schönheitsdruck in ihrem Land.
Sensibel, mitreißend & erschütternd
Die Regisseurin Sigrid Klausmann und ihre Co-Regisseurin Lina Luzyte kommen den sechs Mädchen bemerkenswert nahe. Ganz ohne Off-Kommentar lassen sie die Jugendlichen aus ihrem Leben berichten, sind aber auch auf dem Schulweg, im Alltag, in der Familie oder bei Gesprächen mit Freundinnen mit dabei. Ein klein wenig schwächer fallen die Episoden aus Chile und Südkorea aus; hier ist etwas mehr Distanz zu spüren. Dennoch fügen sich die sechs Teile zu einem ebenso sensiblen wie mitreißenden, erschütternden und zugleich doch inspirierenden Einblick in weibliche Lebensrealitäten.
Daran haben auch die klaren Bilder von Thorsten Harms, Justyna Feicht, Gabriel Díaz und Lina Luzyte großen Anteil, die sich ganz in den Dienst der Geschichten stellen. Ihren Gestaltungswillen erkennt man an gelegentlichen Vogelschwärmen am Himmel oder einer sich im Wind wiegenden Plastiktüte als Symbolen der Freiheit. Stimmig ist auch die prägnant eingesetzte Musik von Lea-Marie Sittler.
„Girls don’t cry“ ist ein wichtiger, zu Herzen gehender Film, der aufwühlt, ohne in Kitsch abzudriften oder erdenschwer zu sein. Umso bedauerlicher ist, dass Sigrid Klausmann, die sich in ihrem dokumentarischen Filmschaffen fast ausschließlich mit Heranwachsenden befasste, diese mit „Girls don’t cry“ nun aus Altersgründen beendet.





