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Good Boy

73 minThriller, HorrorFSK 16
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Indy ist ein guter Hund. Treu, wachsam, eng verbunden mit seinem Herrchen. Doch als sich Todd verändert und gemeinsam mit ihm in das abgelegene Haus seines verstorbenen Großvaters zieht, spürt Indy, dass etwas nicht stimmt. Etwas Gefährliches nistet in dem neuen Zuhause und scheint es auf Todd abgesehen zu haben. Indy wird seinen besten Freund mit allen Mitteln verteidigen; denn was auch immer in diesem Haus lauert: Es kommt näher!
GOOD BOY ist eine Horrorgeschichte, die konsequent aus der Perspektive eines Hundes erzählt wird: emotional, verstörend und radikal anders. Irgendwo zwischen HACHIKO und WHITE DOG findet Regisseur Ben Leonberg seine ganz eigene Note, tierische Instinkte in Spannung, Irritation und Bedrohung zu verwandeln. Drei Jahre hat er an dem Film gemeinsam mit seinem vierbeinigen Hauptdarsteller gearbeitet. Die Entscheidung, seinen eigenen Hund zu besetzen, war dabei genau richtig. Indy kann es mit seiner ausdrucksvollen Mimik und Körpersprache mit jeder menschlichen Schauspielleistung aufnehmen. Dazu kommen die ausgeklügelte Kamera auf Hunde-Schulterhöhe, die mit starken Lichtkontrasten spielende, atmosphärische Ausleuchtung der Schauplätze und der dramatische Einsatz von Geräuschen und Musik. Hier war eindeutig ein Perfektionist am Werk – GOOD BOY ist selbst in den kleinsten Details ein ganz besonderes Erlebnis. Für alle, die Horror neu erleben wollen, auf vier Pfoten, ohne Ausweg.

Es beginnt mit einer schnellen, wütenden Abfolge von Szenen, in denen der 19-jährige Tommy (Anson Boon) wild und unkontrolliert durch das Nachtleben einer Großstadt irrlichtert. Er nimmt Drogen, trinkt zu viel, belästigt Frauen, pinkelt auf den Bürgersteig und verprügelt Passanten. Ein junger Mann ohne Moral, rücksichtslos und brutal. Dann folgt ein abrupter Szenenwechsel. Die junge Rina aus Mazedonien spricht in einer Kneipe mit Chris (Stephen Graham), bei dem sie sich für die Stelle einer Haushaltshilfe bewirbt. Tags darauf fährt Rina die endlos lange Auffahrt zu einem einsam gelegenen Herrenhaus hoch, um ihre Arbeit zu beginnen. Dort stößt sie auch auf den jungen Mann vom Anfang. Tommy ist im Keller am Hals an eine Kette gefesselt, die von der Decke hängt.

Erziehen mit Ken Loach und Harper Lee

Offensichtlich ist der junge Mann nach seiner wilden Partynacht von Chris und seiner Frau Kathryn (Andrea Riseborough) entführt worden. Er weiß weder, wo er ist, noch, wie er dort hinkam. Doch „Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes“ macht schnell klar, was Chris im Sinn hat: Er will Tommy erziehen. Der junge Mann muss sich fortan Fernsehsendungen über Gewalt und Kriminalität ansehen, was an Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ erinnert; auch Videos über die Frage, wie man ein richtiges und sinnvolles Leben führt, sind mit dabei. Einmal schauen sie zu dritt sogar „Kes“ von Ken Loach, ein filmisches Meisterwerk über einen zurückgewiesenen Schüler, der mit der Freundschaft zu einem kleinen Falken zu neuem Selbstbewusstsein findet. Tommy muss auch Bücher lesen, von Jane Austen bis Ray Bradbury; auch Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ ist mit dabei. Doch der Gedanke an Flucht lässt ihn nicht los.

Der polnische Regisseur Jan Komasa, der mit „Corpus Christi“ (2019) international bekannt wurde und zuletzt mit der Faschismus-Allegorie „The Change“ (2025) in den deutschen Kinos war, entwirft in seinem neuen Film das befremdliche Bild eines Ehepaares, das sich eine heile Familie schaffen will. Hinter der übertriebenen Höflichkeit und den perfekten Manieren verstecken sie einen strengen, moralischen Anspruch, der Tommy zu einem besseren Menschen machen soll. Ein ambivalentes Unterfangen, zumal Chris selbst zur Gewalt neigt; einmal prügelt er Tommy mit einem Baseballschläger windelweich. Zudem erpresst er Rinas Stillschweigen über die Entführung durch sein Wissen um ihren illegalen Aufenthalt in Großbritannien.

Leerstellen und eine mysteriöse Atmosphäre

Die Ehefrau Kathryn scheint zu Beginn den Wünschen ihres Mannes willenlos zu folgen, bis sie mehr und mehr zur handelnden Person wird. Warum, erfährt man nicht. Das Drehbuch von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid setzt bewusst auf Leerstellen, die wichtige Informationen aussparen. So wird nicht deutlich, warum Tommy so ist, wie er ist, oder warum das Ehepaar im Wohlstand und einem aufgeräumten, stets sauberen Herrenhaus lebt. Einen Sohn haben sie auch, Jonathan, der diese Entführungssituation schon zu kennen scheint und darum sehr konfliktscheu, fast realitätsfremd reagiert. Doch wer ist dieser unsichtbare Charlie, auf den er sich bezieht? Sein Bruder oder ein früheres Opfer?

Anstatt diese Fragen zu beantworten, legen die Macher von „Good Boy“ mehr Wert auf die Schaffung einer mysteriösen, beängstigenden, mitunter sogar grotesken Atmosphäre. Die Charaktere werden kaum unterfüttert, weshalb die neue Familienkonstellation emotional nicht zu packen vermag. Was bleibt, sind die Darstellungen von Anson Boon, der den verlorenen jungen Mann mit ungehemmter Energie verkörpert, und Stephen Graham, hinter dessen freundlichen Umgangsformen immer ein tiefer Abgrund zu lauern scheint.

Veröffentlicht auf filmdienst.deGood BoyVon: Michael Ranze (27.4.2026)
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