Vorstellungen
Filmkritik
Wer kennt dies nicht? Man sitzt mit der Familie am Esstisch und die Kinder starren auf ihre Smartphones. Irgendwann hat der Vater genug und sagt: „Nun leg doch mal das Ding weg! Das macht euch ganz blöd im Kopf! Komm mal zurück in die Realität!“ Man könnte sich diesen Vater auch als den Hollywood-Regisseur Gore Verbinski vorstellen, nur dass der, anstatt das Ganze am Esstisch zu sagen, 20 Millionen Dollar in die Hand nimmt und daraus eine Science-Fiction-Komödie macht. Verbinski ist offensichtlich frustriert von den Techniktrends der Gegenwart und macht in „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ daraus kein Geheimnis. Allerdings ist er professionell genug, um alles mit viel Humor und Augenzwinkern zu erzählen, damit hinter diesem Frust noch ein Film übrig bleibt, der eine unterhaltsame Geschichte erzählen kann.
American Diner, Version 117
Mit einem Plastikmantel umwickelt und einer „Bombe“ um den Bauch stürmt ein heruntergekommener Mann (Sam Rockwell) in ein US-amerikanisches Diner. Er kommt aus der Zukunft und will die Welt vor einer KI-Apokalypse bewahren. Was hat diese Katastrophe ausgelöst? Die Menschen begannen schon nach dem Aufstehen, immer länger an ihren Handys zu scrollen, bis sie gar nicht mehr aus dem Bett kamen. Ein Weltuntergang mit TikTok statt Terminator.
Der Mann aus der Zukunft ist bereits zum 117. Mal im Diner und sucht nach seinem Dreamteam für die Weltrettung. Bislang ohne Erfolg. Die schüchterne Frau mit der Brille hat er schon mehrfach verführt, wurde aber dann jedes Mal von ihr verraten. Der enthusiastische Rentner stirbt immer wieder an Herzversagen, wenn er mitdarf. Und der große Herr mit Knieproblemen ist ein Unglücksrabe. Es muss also eine neue Kombination her: Dieses Mal sind ein Lehrerehepaar (Michael Peña, Zazie Beetz) und eine junge Frau im Prinzessinnenkleid (Haley Lu Richardson) die Auserwählten. Das fühlt sich vielversprechend an. Wenn es schief läuft und alle draufgehen, startet später dann eben der 118. Versuch.
Smartphone-Zombie-Horror und bittere Farce
Ein großer Teil des Films „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ besteht aus Rückblenden, die klären, womit sich das Team aus Taugenichtsen vor seiner Ankunft im Diner beschäftigte. Die Vignetten skizzieren, stark überzeichnet, unterschiedlichste Aspekte technologischer Abhängigkeit – zumindest so, wie Gore Verbinski sie wahrnimmt. Die Storys variieren im Stil und in der Stimmung, um etwas Abwechslung zu bieten. Wenn man nicht ganz genau hinschaut, könnten sie als ironisch gebrochene Episoden der „Black Mirror“-Serie durchgehen; es wird Smartphone-Zombie-Horror an einer High School geboten, ebenso wie ein Beziehungsdrama in Zeiten der virtuellen Realität.
Die mit Abstand überzeugendste Episode kommt als schwarzhumorige Satire daher, in der eine Mutter ihr Kind bei einem Schulmassaker verliert. Bald findet die verzweifelte Frau heraus, dass sie sich ein vom Staat subventioniertes Ersatzkind klonen lassen kann. Wenn sie es „mit Werbung“ kauft, wird es sogar noch günstiger! Mit überraschender Schärfe wird dabei die Grenze des guten Geschmacks zugunsten einer bitteren Farce überschritten. Die Witze auf Kosten eines Systems, für das ermordete Kinder kein Verlust, sondern ein Businessanreiz sind, wirken zynisch, aber erschreckend schlüssig.
Wem kann man trauen?
Man wünschte sich, dass der Rest des Films ebenso bissig mit seinen Themen umginge, anstatt auf der Bildschirmzeit von Teenagern herumzureiten. Denn wann immer es zurück in die Rahmenhandlung geht, wird sie konfuser in ihrer Logik und voraussehbarer in ihren Botschaften. Jede Vorgeschichte bringt nämlich diverse Geheimnisse zurück in die Hauptgeschichte: Wer steckt hinter der KI-Revolution? Wem kann man trauen? Wer hat eine finstere Vergangenheit? Verbinski und der Drehbuchautor Matthew Robinson stellen Fragen, um die Spannung zu erhalten, vergessen aber, die passenden Antworten zu liefern. Die Wendungen sind im besten Fall wenig überraschend und im schlimmsten Fall belanglos oder unlogisch. Jedes neue Mysterium wirkt wie eine unnötige Fußfessel, die die Actionkomödie ausbremst.
Der Wettlauf ums Ende der Welt kommt nur deshalb nicht komplett zum Stillstand, weil Sam Rockwell genau die manische Energie mitbringt, die der Film benötigt. Mit seiner bestechenden Darbietung kann er zwar das Sehvergnügen über weite Strecken retten, die Story aber auch nicht davor bewahren, zum Ende hin immer stärker zu zerfasern.
Kurz davor, Realität zu werden
Die Aussagen von „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ über den momentanen Stand der Gesellschaft sind spannender als der Film selbst. Viele der Szenarien, die als bedrückende Zukunftsvisionen vorgestellt werden, sind kurz davor, Realität zu werden. Verbinski greift die Wut und Angst auf, die sich momentan aus der Mitte der Gesellschaft gegen die rasante KI-Revolution richten. Daraus hätte eine schwungvolle Science-Fiction-Komödie entstehen können, die den Finger in eine brandaktuelle Wunde legt. Dieser Film schimmert durchaus immer wieder durch, doch er kann sich nie vollends entfalten.
Verbinski wirkt etwas zu angegriffen von den Kindern und ihrem Online-Verhalten und verfällt mitunter in den belehrenden Duktus einer Anti-Drogen-Kampagne. Die erste Hälfte des Films ist kreativ genug, um dieses Konzept zu tragen, doch gegen Ende verheddert er sich immer mehr in einem Wust aus falschen Fährten und nichtssagenden Wendungen, so dass auch die verrücktesten Einfälle und der visuelle Bombast nicht mehr dagegen ankommen.
Am besten genießen kann man „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“, wenn man sich vom Bilderregen mitreißen lässt, weil dann die Widersprüche und logischen Unstimmigkeiten nicht allzu sehr auffallen. Eine seltsame Ironie liegt dabei darin, dass Gore Verbinski offensichtlich darauf pocht, dass das Scrollen durch die bunten, unzusammenhängenden Videoschnipsel der sozialen Medien kritisches Denken zugunsten stumpfer Unterhaltung dezimiert – er aber quasi das filmische Äquivalent dazu liefert. Der maßgebliche Unterschied zwischen „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ und einer Social-Media-App ist, dass der Film über kinoreife Bilder Sam Rockwell verfügt. Das macht das Doomscrolling zumindest unterhaltsam.










