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HÄNDE ÜBER DER STADT

105 minDramaFSK 12
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Der Spekulant und Inhaber einer großen Baufirma Edoardo Nottola erklärt dem Bürgermeister Neapels, Maglione, die Vorteile neuer Landerschliessung am Rand der Stadt. Billiges Ackerland wird durch den Beschluss des Stadtrats zu teurem Bauland. Das bedeutet große Gewinne für die Beteiligten, die man als Wohltaten für die Bevölkerung verkaufen kann, da diese neue, moderne Häuser bekommt.

Angesichts der Schärfe und Wucht, mit welcher der Angriff vorgetragen wird, überlegt man sich zweimal die Einschränkung, die der Film selber nachträglich anbringt, wenn er erklärt, seine Personen seien erfunden, hingegen stimme der soziale Hintergrund der Handlung. Was da stimmen soll, ist tatsächlich nur Hintergrund, obwohl es gelegentlich für die Hauptsache genommen worden ist: Die Mißstände im Wohnungsbau einer italienischen Großstadt (Neapel). Von ihnen geht Francesco Rosi aus in seinem 1963 in Venedig mit dem "Goldenen Löwen" ausgezeichneten Film. Er benennt sie sehr präzise; aber im Grunde führt er auch sie nur beispielshalber an. Die Mißstände, um die es ihm letztlich geht, sind politischer Natur.

Der Film wird eingeleitet durch drei Szenen, die zusammen mit seinem Schluß einen selbständigen Rahmen bilden. In ihrer reportagehaften Distanz und Kürze und in der Logik ihrer Abfolge sind sie kennzeichnend für Stil und Aufbau des ganzen Films. Thematisch geben sie zugleich eine Art Exposition. Ein Unternehmer verspricht seinen Teilhabern 5000 % Rendite, wenn es gelinge, die Behörden zur Erschließung des von ihnen zusammengekauften Landes am Stadtrand zu veranlassen; der Bürgermeister fordert von der Regierung finanzielle Unterstützung für diese Erschließungsarbeiten; ein Minister gibt die Gewährung der verlangten Hilfe bekannt. Die Schlußsequenz mit der feierlichen Eröffnung der Arbeiten bestätigt den Erfolg der ganzen Manipulation. Zusammen ergeben diese Szenen das Bild einer großangelegten Steuerung öffentlicher Gelder im Sinne privater Interessen. Wie ist eine so skandalöse Machenschaft möglich? Auf die Beantwortung dieser Frage zielt der Film in seinem Hauptteil ab, in welchem er eine Begebenheit schildert, die beinahe den schönen Plan mit der großen Rendite zunichte machen würde.

Bei Abbrucharbeiten in einem anderen Stadtteil kommt es zum Einsturz bewohnter Gebäude. Der Unfall gibt Anlaß zu einer Intervention im Stadtparlament. Eine Kommission wird eingesetzt, welche nach Verantwortlichen suchen soll. Sie stellt fest, daß die betreffenden Grundstücke für öffentliche Zwecke reserviert waren, aber dennoch dem Abgeordneten Nottola, eben jenem Unternehmer, verkauft worden sind; daß die Baubewilligung innerhalb drei Tagen erteilt worden ist, obwohl das Verfahren sonst mehrere Monate zu dauern pflegt; daß Sicherungsmaßnahmen zwar vorgeschrieben waren, aber nie kontrolliert worden sind. Die Ergebnisse sprechen deutlich, aber die Untersuchung hat keine Folgen. Es wird niemand zur Verantwortung gezogen. Nottola wird als Abgeordneter wiedergewählt und kann seine Pläne ungehindert verwirklichen.

Hinter den sozialen Mißständen sieht Rosi also ein Komplott mächtiger Spekulanten und korrupter Politiker. Ihnen gilt sein Angriff, ihren Interessen-Händeln sieht er die demokratische Ordnung machtlos ausgeliefert. Und er verfolgt mit seiner Darstellung sehr konkrete politische Ziele. Das verrät sich deutlich in Szenen, welche die Köderung der Wähler mit Geld, mit schönen Worten und großaufgezogener Propaganda anprangern. Den Leuten, die polizeilich aus ihren baufälligen, aber wenigstens erschwinglichen Wohnungen ausgetrieben werden, wirft er offen Selbstverschulden vor: Bei den Wahlen haben sie den falschen Kandidaten ihre Stimme gegeben. An sie, an die Bürger als Wähler, wendet sich im Grunde der Film mit der Aufforderung, den Politikern auf die Finger zu schauen, sie nicht nach täuschenden Gesten und Worten, sondern nach ihren Taten zu beurteilen.

Dabei ist auch ohne Namensnennung die politische Rollenverteilung ziemlich eindeutig: Die Linke fordert Rechenschaft, die Rechte deckt ihre Leute, die Mitte macht den faulen Pakt um des Erfolges willen. Rosi hat so einen Film des entschiedenen politischen Engagements geschaffen. Das ist sein gutes Recht, sollte aber beachtet werden. Sein Recht ist es um so eher, als er sich der Schwarzweißmalerei enthält. Ob er sich der Sache nach Einseitigkeiten oder Übertreibungen zuschulden kommen läßt, ist zwar aus Distanz schwer zu entscheiden. In der Zeichnung der Figuren dagegen müht er sich sichtlich um Abstand.

Die verschiedenen Akteure des Spiels erscheinen im wesentlichen nur als Träger von Ideen, Verkörperungen von politischen Tendenzen. Sie erhalten insofern gewisse Attribute des Lebensstils, des Auftretens, aber im Psychologischen legt sich der Film größte Zurückhaltung auf, er wahrt auch hier den fast unpersönlichen Stil der Reportage. Nicht private Motive und individuelle Charaktere interessieren ihn, sondern die Austragung der politischen Gegensätze im Wortgefecht. Diesem räumt er eine gewichtige Stellung ein, und Rosi zeigt, wie schon in früheren Filmen, eine Vorliebe für die fiebrige Stimmung des Kampfes.

Daß er neben bewährten italienischen Schauspielern den Amerikaner Rod Steiger in der Hauptrolle einsetzt, ist kein Zufall. Er lehnt sich auch gestalterisch an den harten, dramatisch kraftvollen Stil des amerikanischen Kriminalfilms an. Im Bild arbeitet Gianni di Venanzo mit großflächigen, scharfen Kontrasten, welche alles Versöhnliche oder Pittoreske bannen. So erscheint die Kulisse eines neuen Neapels - in der vortrefflich zusammengefügten Titelszene aus der Vogelschau, später vorab in photografischen Reproduktionen in Nottolas Büro - geradezu dämonisiert, gedeutet als das Muster einer ins Monumentale wuchernden Betonlandschaft, als Ausgeburt nicht des sozialen Fortschrittes, sondern einer ins Maßlose strebenden Bautätigkeit um des Profites willen. Die Eindrücklichkeit dieser Vision wird unterstrichen durch das sparsam verwendete, wuchtige und spannungsgeladene Musik-Thema. Rosi vernachlässigt also trotz gewichtigem Dialog die übrigen Gestaltungsmittel nicht. Er verzichtet auch nicht auf emotionale Elemente, aber er hält Maß in ihrer Verwendung.

"Hände über der Stadt" beeindruckt deswegen nicht allein durch seine dramatische Kraft und die sorgfältig konstruierte Abfolge der Szenen, sondern auch durch intellektuelle Ehrlichkeit. Die Stellungnahme des Autors ist eindeutig, aber er argumentiert offen und direkt. Sein Film kann darum als ein echter Beitrag zur Bewältigung der aufgegriffenen politischen und sozialen Probleme gelten.

Veröffentlicht auf filmdienst.deHÄNDE ÜBER DER STADTVon: ejW (20.4.2026)
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